Aquarius will Migranten nicht an Libyen übergeben

    Reportage mit Video20. September 2018, 13:32
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    Elf Männer wurden am Donnerstagvormittag aus einem überfüllten Boot gerettet. Eine Übergabe an Libyen schließt Ärzte ohne Grenzen aus, denn das Land gilt laut Seerecht nicht als sicherer Hafen

    Während in Salzburg die Staats- und Regierungschefs der EU über einen stärkeren Schutz der Außengrenzen und die Verteilung von Migranten innerhalb der Union beraten, entdeckten die Helfer auf dem Rettungsschiff Aquarius am Donnerstag um acht Uhr ein Boot durch ein Fernglas. Auf dem Glasfaserboot mit hellblau lackierter Unterseite und weißem Rand saßen elf Männer.

    "Das Boot ist maximal für fünf Leute ausgelegt", sagt Nick Romaniuk, der Leiter der Such- und Rettungsaktionen an Bord des Schiffes, das von den NGOs SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen (MSF) betrieben wird. Das Boot befand sich rund 50 Kilometer vor der libyschen Küste nördlich der Stadt Abu Kammash.

    foto: bianca blei
    Die Aquarius lief vor zwei Tagen erneut aus, um in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten.

    Versuchte Kontaktaufnahme mit Libyen

    Um 8.18 Uhr hörten die Helfer auf der Brücke der Aquarius Funksprüche zwischen zwei Fischerbooten, die von einem Boot voller Migranten handelten. Nur zwei Minuten danach wurde die Crew von einem Seefernaufklärer mit der Bezeichnung Seagull 95 kontaktiert. Die Helfer glauben, dass es sich dabei um ein Flugzeug einer der Missionen der europäischen Grenzsicherungsagentur Frontex gehandelt haben könnte. Die Besatzung des Flugzeugs forderte ein Update.

    Da sich das Boot in der seit Ende Juni anerkannten Such- und Rettungszone (SAR-Zone) der Libyer befand, versuchte Romaniuk die Einsatzzentrale in Tripolis unter den beiden öffentlich zugänglichen Telefonnummern zu erreichen. Eine Antwort blieb aus. Also schickte die Besatzung eine Mail an die Libyer, die Maritimen Rettungskoordinationsleitstellen in Italien und Malta und auch an die tunesische Marine. Wieder keine Antwort.

    der standard
    Donnerstagvormittag rettete die Crew elf Männer von einem überfüllten Boot.

    "Da das Boot überfüllt war und die Menschen an Bord keine lebensrettenden Utensilien dabeihatten, griffen wir ein", sagt Romaniuk. Die beiden Rettungsboote Easy I und Easy II wurden zu Wasser gelassen. Ihre erste Mission: die Menschen an Bord des kleinen Bootes dazu zu bringen, den Motor abzustellen, da sie sich gefährlich nahe an der Aquarius befanden. Die Italiener meldeten sich später und verwiesen an die libyschen Behörden.

    Motor wurde zerstört

    Bepackt mit Rettungswesten nahmen die Helfer von SOS Méditerranée und MSF schließlich Kontakt mit den Insassen auf. Mit Handbewegungen und Worten gaben sie Anweisungen, Ruhe zu bewahren und nicht aufzustehen. Durch Fingerzeige wurde eine Person nach der anderen aufgefordert, aufzustehen und sich an Bord des Rettungsboots zu begeben.

    Die elf Männer wurden anschließend allesamt an Bord der Aquarius gebracht. Nach ersten Befragungen handelt es sich um zehn Männer aus Pakistan und einen aus der Elfenbeinküste. Unter den Pakistanern befindet sich offenbar auch ein unbegleiteter minderjähriger Bursche, der angibt, unter 15 Jahre alt zu sein.

    foto: bianca blei
    Die Crew sprühte eine Kennzeichnung an die Seite des Boots, bestehend aus SAR für Suche und Rettung, AQU für Aquarius und dem Datum.

    Einige der Personen rochen bei ihrer Ankunft nach Treibstoff, was in Verbindung mit Salzwasser zu Verbrennungen führen kann. Die Duschen wurden deshalb vorbereitet und frisches Gewand zur Verfügung gestellt. Keiner der Männer hatte nach einer ersten Untersuchung durch das medizinische Personal einen gesundheitlichen Notfall, einige wirkten verwirrt und desorientiert. Manche übergaben sich an Bord aufgrund von Seekrankheit. Laut Angaben der Geretteten waren sie um elf Uhr nachts am Vortag aus der libyschen Stadt Zuwara aufgebrochen.

    Das Glasfaserboot wurde nach der Rettung von den Helfern markiert, der Motor zerstört und versenkt. Früher sei es öfter vorgekommen, dass Schlepper den Motor zurückgeholt hätten, das wolle man vermeiden, heißt es an Bord. Die Crew sprühte eine Kennzeichnung an die Seite des Boots, bestehend aus SAR für Suche und Rettung, AQU für Aquarius und dem Datum. Normalerweise handelt es sich bei der Markierung um die zugewiesene Rettungsnummer der Mission. Doch zu dem Zeitpunkt hatte noch keine Behörde die Koordinierung des Einsatzes übernommen.

    foto: bianca blei
    Unter den elf Männern befand sich kein medizinischer Notfall. Sie wirkten jedoch desorientiert, teilweise waren sie seekrank. Ein Geretteter gab an, unter 15 Jahre alt zu sein.

    MSF will Migranten nicht zurückbringen

    Kurz nach halb zwölf meldete sich die libysche Leitstelle per E-Mail. Sie übernahm offiziell die Koordinierung des Einsatzes und kündigte an, mit einem Patrouillenboot einzugreifen. Sie sandte der Aquarius Anweisungen, entlang der Küste nach Zaouia zu fahren, um dort ein libysches Boot zur Übergabe der Migranten zu treffen.

    Allerdings ist der Einsatzleitfaden der Mission von MSF laut Lauren King, Pressesprecherin von MSF Bord, klar: "Wir werden keine Migranten nach Libyen bringen." Libyen ließ daraufhin wissen, dass sich die Aquarius an eine andere Rettungskoordinationsstelle wenden soll, wenn sie nicht bereit ist zu kooperieren.

    Laut einem Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichts (EGMR) aus dem Jahr 2012 handelt es sich bei Libyen allerdings um keinen sicheren Ort, um eine Seenotrettung abzuschließen. Ein Beschluss des Europäischen Rats vom Ende Juni besagt, dass die Arbeit der libyschen Küstenwache nicht behindert werden darf. Eine Übergabe von Migranten an libysche Behörden wurde nicht thematisiert. (Bianca Blei, 20.9.2018)

    Hinweis der Redaktion

    STANDARD-Redakteurin Bianca Blei befindet sich auf Einladung von Ärzte ohne Grenzen an Bord der Aquarius, die Kosten trägt der STANDARD.

    Nachlese:

    Einsatz im Mittelmeer: Aquarius will kein politischer Spielball sein

    Hilfsschiff Aquarius: Die letzte Rettung im Mittelmeer

    Krankenschwester auf der Aquarius: Leben retten als Lebensaufgabe

    Der Schiffsarzt der Aquarius aus Kolumbien

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