Weniger Vollzeitstudierende: Hochschulen wollen flexibler werden

    20. September 2018, 10:30
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    EU-Konferenz in Wien widmet sich den Bedürfnissen "nicht-traditioneller" Studenten – Hochschulen sollen flexibler werden

    Wien – Den "neuen Studenten" und deren Bedürfnissen widmet sich eine im Rahmen des österreichischen EU-Vorsitzes stattfindende Konferenz am Donnerstag in Wien. "Ziel ist es, die Vorstellungswelten der Hochschulen bzw. Hochschulsysteme beim Thema Lernwege besser mit der Lebensrealität der Studierenden in Einklang zu bringen", so der Hochschul-Sektionschef im Bildungsministerium, Elmar Pichl, zur APA.

    "Mittlerweile ist beispielsweise in Österreich nur mehr ungefähr jeder Zehnte ein Vollzeitstudierender. Das erkennt man auch an der Prüfungsaktivität", meinte Pichl. "Bei der Konferenz soll etwa diskutiert werden, wie heute die Lernwege der Studierenden aussehen – und ob umgekehrt die Vorstellungen passen, wie es die Hochschulen sehen. Passen diese beiden Bilder zueinander und passt es überhaupt, wie Studien angeboten und gefördert werden?"

    Weniger Vollzeitstudierende

    Als Beispiel für Österreich nannte Pichl das Studienangebot der öffentlichen Universitäten in Österreich: Dieses sei nach wie vor stark am Bild des Vollzeitstudierenden orientiert. "Es gibt zum Beispiel keine nur für Berufstätige konzipierten Studienprogramme." Umgekehrt wird etwa im Fachhochschulbereich bei Bedarf dasselbe Studium in einer berufsbegleitenden und in einer Vollzeit-Variante offeriert.

    "Die Normvorstellung vom Vollzeitstudierenden stimmt mit der Lebensrealität immer weniger überein – das zeigt jedes Mal der Bericht zur sozialen Lage der Studierenden", so Pichl. "Die zentrale Frage ist aber, was leitet man daraus ab." Es stelle sich daher die Frage, wie man bessere Angebote organisieren könne. "Wie kann eine neue Flexibilität aussehen – das ist eng verbunden mit der Frage der Digitalisierung, mit Blended Learning."

    Flexible Lernwege

    In vielen Ländern Europas gebe es bereits interessante Beispiele, wie eine mögliche Flexibilisierung organisiert werden könne. "Aber nirgendwo werden alle Möglichkeiten der Flexibilisierung genutzt", so Pichl. "Deshalb wollen wir das auf die Europa-Agenda holen."

    Unter anderem wird bei der Konferenz das Modell "Studium flexibel" der Fachhochschule Südwestfalen vorgestellt. Dort wurde etwa ein alternativer Studienverlaufplan entwickelt, bei dem die Studieninhalte der ersten beiden Semester auf vier Semester gestreckt werden. Zusätzlich werden die an dem Modell teilnehmenden Studenten durch verpflichtende Gespräche zur Klärung der persönlichen Studiensituation unterstützt und erhalten ebenfalls verpflichtende Zusatztutorien in Grundlagenfächern.

    Neue Technologien

    Die Liste jener Personen, die in Österreich von solchen Maßnahmen profitieren könnten, ist lang. Eingebürgert dafür hat sich der Ausdruck "nicht-traditionelle Studierende". Das sind einerseits Personen, die anders als durch die traditionelle Matura an eine Hochschule gekommen sind (etwa durch Berufsreifeprüfung, Lehre mit Matura oder Studienberechtigungsprüfung) und andererseits solche, die aus unterrepräsentierten sozialen Gruppen stammen – etwa Migranten, Behinderte, Studenten mit Kind – oder für die beides zutrifft (Matura am zweiten Bildungsweg, Berufstätige etc.). Eine Zahl oder einen Prozentsatz der Betroffenen gibt es dazu nicht – einerseits mangels Daten, andererseits aufgrund der zahlreichen Überschneidungen beider Gruppen.

    "In den letzten Jahren haben wir Bereiche der Hochschulbildung identifiziert, die modernisiert werden müssen. Ziel ist, Lernumgebungen zu schaffen, die auf die Bedürfnisse der Studierenden abgestimmt sind", so Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP). Immer wichtiger werde dabei die Flexibilität des Lernens. "Hier ist der Hochschulbereich sicher gefordert, genau diese Flexibilität anzubieten, wie etwa bei den Zulassungsvoraussetzungen, beim Lerntempo oder auch bei den Lernformen. Auch müssen wir uns ansehen, ob und wie wir neue Technologien – wie etwas Blockchain – in den Unibetrieb integrieren können."

    Österreich hat sich im Vorjahr einige Ziele bis zum Jahr 2025 gesetzt, um den Hochschulzugang von unterrepräsentierten Gruppen zu verbessern. So ist etwa derzeit die Wahrscheinlichkeit, dass Studienanfänger aus "bildungsnahem" Elternhaus ein Studium aufnehmen, um 2,38 mal höher als von Studierenden aus "bildungsfernem" Elternhaus. Bis 2025 soll dieser Wert auf 2,1 sinken. Weitere Vorhaben: Die Hochschulzugangsquote von Bildungsinländern (Schulbildung in Österreich abgeschlossen bzw. Studienberechtigung in Österreich erworben, Anm.) der zweiten Zuwanderungsgeneration soll von 22 Prozent (2014/15) bis 2025 auf 30 Prozent steigen. Außerdem ist geplant, die Zahl der Studienanfänger mit Studienberechtigungs- oder Berufsreifeprüfung, Externistenmatura oder ohne Reifeprüfung an Unis, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen von 4.000 auf 5.300 zu steigern. (APA, 20.9.2018)

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