Räumung im Hambacher Forst nach Todessturz ausgesetzt

20. September 2018, 18:18
213 Postings

Der junge Journalist stürzte von einer Verbindungsbrücke. Mit dem umstrittenen Einsatz habe das nichts zu tun gehabt, erklärt die Polizei

Düsseldorf/Kerpen – Nach dem Tod eines Journalisten stoppt die Regierung des deutschen Bundeslands Nordrhein-Westfalen die umstrittene Räumung der Polizei im Braunkohlerevier Hambacher Forst vorerst. "Wir können jetzt nicht einfach so weitermachen, ich kann das zumindest nicht. Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", sagte Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwochabend.

Vor dem Hintergrund des Ereignisses habe die Landesregierung beschlossen, bis auf weiteres die Räumung des Geländes auszusetzen. Die Aachener Polizei wird nach eigenen Angaben am Donnerstag mit Beamten in dem Wald sein, um dort Gefahrenstellen abzusichern.

foto: apa/afp/dpa/oliver berg
An dieser Stelle stürzte der Journalist ab.

Wollte Einsatz eines Sonderkommandos beobachten

Der junge Journalist war am Mittwoch durch die Bretter einer Hängebrücke zwischen zwei Baumhäusern gebrochen und 15 Meter in die Tiefe gestürzt, teilte die Polizei mit. Rettungskräfte konnten nichts mehr für ihn tun. Die Polizei sprach von einem "tragischen Unglücksfall". Der Journalist habe seit längerem das Leben der Aktivisten in den Baumhäusern dokumentiert. Zum Unglückszeitpunkt hätten keine Polizeimaßnahmen in der Nähe der Unglücksstelle und am Baumhaus stattgefunden. Der Journalist habe gerade seine volle Speicherkarte eintauschen wollen, als er abstürzte.

Das Aktionsbündnis "Hambi bleibt" hatte nach dem Unglück den sofortigen Stopp der Räumung gefordert. Es dürften keine weiteren Menschenleben gefährdet werden. Zum tödlichen Sturz sei es vermutlich gekommen, weil der Journalist einen Einsatz eines Sonderkommandos in der Nähe habe beobachten wollen.

Über die zwischen zwei Baumhäusern gespannte Brücke habe er anscheinend näher an den Einsatz herangehen wollen, schrieb die Initiative in ihrem Blog. Der Tote sei "ein Freund, der uns seit längerer Zeit im Wald journalistisch begleitet", erklärte das Aktionsbündnis.

foto: apa/afp/dpa/oliver berg
Aktivisten trauern vor Ort.

Ermittlungen

Die nordrhein-westfälischen Grünen begrüßten, dass "alle polizeilichen Maßnahmen auf die Aufklärung des Vorfalls konzentriert werden". Laut Aachener Polizei ermittelt ein Tatortteam der Mönchengladbacher Polizei die Umstände des Sturzes. Die Ermittler sichteten auch mögliche Videos. Sie bräuchten jetzt Zeit und Ruhe, um das Geschehene aufzuklären, sagte Reul. Ein Sprecher der Aachener Staatsanwaltschaft konnte am Mittwochabend noch nicht sagen, ob Ermittlungen durch die Behörde eingeleitet würden.

Auf Twitter löste der Unfall heftige Reaktionen aus. Viele Gegner des Braunkohleabbaus forderten den Energiekonzern RWE und die Polizei auf, die Räumung nun dauerhaft einzustellen. Andere fragten, was der Journalist bei den Aktivisten in den Bäumen zu suchen gehabt habe. RWE teilte mit: "Wir sind zutiefst erschüttert und bedauern den tragischen Unfall im Hambacher Forst sehr. Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen des Verstorbenen."

Die Polizeiaktion, bei der Baumhäuser geräumt und abgerissen werden, hatte am vergangenen Donnerstag mit einem Großaufgebot begonnen. Bis Mittwoch waren laut Polizei 39 von 51 Baumhäusern geräumt. Die Waldbesetzer protestieren gegen das Vorhaben von RWE, weite Teile des Forstes abzuholzen. Es soll dort Braunkohle gebaggert werden. Der Wald gilt als Symbol des Widerstands gegen die Kohle und die damit verbundene Klimabelastung. In bis zu 25 Metern Höhe hatten Aktivisten Baumhäuser gebaut. Sie halten den Wald so seit sechs Jahren besetzt.

Aus Sicht von RWE ist die Abholzung des Hambacher Forsts unvermeidbar, um die Stromproduktion in den Braunkohlekraftwerken zu sichern. Gegner der Rodung argumentieren, der Wald habe eine 12.000 Jahre lange Geschichte. Es gebe dort Vorkommen streng geschützter Arten wie Bechsteinfledermaus, Springfrosch und Haselmaus. (APA, 19.9.2018)

  • Auf einem von Aktivisten aufgestellten Protestbanner steht: "Ohne Räumung gäbe es hier keinen Toten".
    foto: apa/afp/dpa/christophe gateau

    Auf einem von Aktivisten aufgestellten Protestbanner steht: "Ohne Räumung gäbe es hier keinen Toten".

Share if you care.