Die Bildsprache von Tanum: Einblicke in eine Welt vor 3.000 Jahren

Blog20. September 2018, 08:00
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Die Felsritzungen in Schweden sind ein kostbares Fenster in die immaterielle Welt vergangener Kulturen

Im Februar dieses Jahres berichtete ich hier im Archäologieblog über unsere Dokumentationsarbeiten im schwedischen Tanum, berühmt für seine einzigartigen Felsritzungen und darum Teil des Unesco-Weltkulturerbes. In den Kommentaren zu diesem Beitrag gab es rege Diskussionen über die Bedeutung der Petroglyphen, und auch der Wunsch nach einem eigenen Beitrag darüber wurde laut. Darum habe ich mich vergangenes Wochenende kurzerhand ins Auto gesetzt, den Oslofjord überquert und bin noch einmal nach Tanum gefahren.

Tanum liegt in der Region Bohuslän am östlichen Ufer des Oslofjords. Bohuslän beherbergt mit zehntausenden Felsritzungen eine der größten archäologischen Fundlandschaften Europas, und manch einer vergleicht die Bedeutung dieses archäologischen Schatzes mit Stonehenge, den Pyramiden in Gizeh oder der Akropolis in Athen. Die meisten der Petroglyphen befinden sich in Tanum, das darum seit 1994 auf der Weltkulturerbeliste steht.

foto: petra schneidhofer
Die Landschaft um das bekannte Vitlycke-Panel.

Schwierige Datierung

Die Entstehung der Felsbilder in Tanum wird in die Skandinavische Bronzezeit (1800–500 v. Chr.) datiert. Generell ist die chronologische Einordnung von Felsritzungen allerdings schwierig, da bewährte Methoden wie die C14-Datierung oder die Dendrochronologie hier nicht greifen oder nur indirekt stratigraphisch jüngere, überlagernde Materialien datiert werden können. Oft werden deshalb Bildinhalte und Vergleichsanalysen dazu herangezogen. In Tanum erlauben beispielsweise abgebildete Waffen eine relativchronologische Einordnung.

Die Petroglyphen in Tanum als Felsritzungen zu bezeichnen ist eigentlich irreführend. Hergestellt wurden die Bilder nämlich durch das Herausschlagen beziehungsweise -schleifen der Motive aus dem anstehenden Granit unter Verwendung eines sehr harten Steins, zum Beispiel Quarz.

Erosion durch Wind und Wetter

Obwohl Wind und Wetter ausgesetzt, haben die Felsbilder die bis zu 3.000 Jahre seit ihrer Entstehung relativ gut überstanden. Erst in den letzten Jahrhunderten hat die zunehmende Luftverschmutzung durch Industrie und Verkehr den Granit anfälliger für die natürlichen Erosionsprozesse wie Nachtfrost und Temperaturschwankungen gemacht und ihren Fortbestand akut gefährdet.

foto: petra schneidhofer
Nichtmarkierte Felsbilder in Fossum. Wer genau hinsieht, erkennt zumindest fünf Schiffe übereinander.

Bildsprache von unschätzbarem Wert

Heute sind viele der zugänglichen Petroglyphen in Tanum mit roter Farbe gekennzeichnet, um sie für Besucher, aber auch Wissenschafter sichtbarer zu machen. Ob sie bereits während der Bronzezeit bemalt waren, ist nicht bekannt. Tatsache ist jedoch, dass nichtmarkierte Felsritzungen für ein ungeübtes Auge schwer zu erkennen sind und man oft einfach daran vorbeigeht.

Was aber macht die Felsbilder in Tanum so bedeutend? Die Menschen, die während der Bronzezeit in Tanum lebten, besaßen noch keine Schriftsprache. Archäologisch betrachtet bedeutet das, dass wir unser Wissen über diese Menschen aus nichtschriftlichen Quellen beziehen müssen. Diese Quellen, zum Beispiel Ausgrabungen, liefern oft Erkenntnisse bezüglich alltäglich-funktionaler Aspekte; wenn es aber um immaterielle, soziokulturelle Einblicke geht, um Wertesysteme oder Religion, ist eine überlieferte Bildsprache wie die in Tanum von unschätzbarem Wert.

Keine Motive des Alltags

Die Motive scheinen deshalb auch nicht zufällig gewählt – es handelt sich dabei also nicht um wahllose "Schmierereien" –, sondern konzentrieren sich auf bestimmte Motivgruppen. Schiffe und Boote, Schalengruben, anthropomorphe Figuren, Tiere, Wagen, Pflüge, Scheiben und Räder sind zu Hunderten vertreten, während Gegenstände oder Szenen aus dem Alltag, also zum Beispiel Häuser, Menschen bei der Arbeit oder Kinder, im Motivschatz völlig fehlen.

foto: petra schneidhofer
Das Vitlycke-Panel zeigt einen unglaublichen Motivschatz.

Das "Brautpaar" von Vitlycke

Die Panele Vitlycke und Fossum zählen dank ihres Reichtums an Petroglyphen zu den beeindruckendsten ihrer Art in Tanum. Das wohl bekannteste Motiv des Vitlycke-Panels ist das "Brautpaar", das einen Mann und eine Frau mit ausgeprägten Geschlechtsmerkmalen darstellt. Sogenannte Hochzeitsszenerien, variierend auch auf Booten oder mit mehreren Brautpaaren abgebildet, werden als Fruchtbarkeitssymbole interpretiert und finden sich in Tanum immer wieder. Einzigartig dagegen ist die Abbildung eines Wals. Interessanterweise kommen Meereslebewesen trotz der Nähe zum Fjord in der Bildsprache Tanums kaum vor.

foto: petra schneidhofer
Das Boots- oder Schiffsmotiv, hier kombiniert mit einer Kampfszene, ist eines der gängigsten Motive in Tanum. Die Striche werden als Symbol für die Mannschaft interpretiert.

Mehr als 10.000 Schiff- oder Bootsmotive

Eines der markantesten und gängigsten Motive in Tanum ist das Schiff- oder Bootsmotiv. An den Felsen von Bohuslän finden sich über 10.000 Abbildungen davon. Die Mannschaften wurden dabei symbolisch als kurze Striche entlang der Reling dargestellt. In manchen Fällen sind diese Striche so zahlreich, dass von sehr großen Schiffen ausgegangen werden muss. Wasserfahrzeuge solcher Dimensionen konnten mit der bronzezeitlichen Technologie allerdings noch nicht gefertigt werden, weshalb Wissenschafter dieses Motiv als Symbol für die Reise in den Tod interpretieren, vergleichbar mit den schiffsförmigen Bestattungen im bronze- und eisenzeitlichen Skandinavien.

foto: petra schneidhofer
Etwas unscheinbar neben den Schiffen und Booten befinden sich die Schalengruben, kleine runde Kerben, die als Symbol für Fruchtbarkeit und Tod interpretiert werden.

Fruchtbarkeit, Tod und Elfen

Ein weiteres zahlreich vertretenes und sehr simples Motiv sind die Schalengruben. 30.000 davon gibt es in Bohuslän. Zum Teil findet man sie alleine, zum Teil treten sie aber auch in Linien oder Kreisen auf oder formen Motive. Schalengruben werden als Symbole für Fruchtbarkeit und Tod interpretiert. Bis ins 19. Jahrhundert wurden sie in manchen Teilen Schwedens als Gefäße verwendet, in denen Fett oder Metalle als Opfer für die Elfen – ja, richtig gelesen – dargebracht wurden. Man bezeichnet sie deshalb auch als Älfkvarnar (Feenmühle).

foto: petra schneidhofer
Das Fossum-Panel ist bekannt für seine rund 200 anthropomorphen Darstellungen, zeigt aber auch Schiffs- und Bootsbilder und Tiere.

Das Fossum-Panel verdankt seine Bedeutung etwa 200 anthropomorphen Darstellungen, wobei die einzelnen Motive scheinbar zu einem größeren Ganzen zusammengefügt wurden. Die Figuren ähneln sich stilistisch, und die eigentliche Handwerksarbeit ist meisterhaft ausgeführt. Das lässt den hohen Stellenwert der Felsbilder erkennen und erahnen, wie viel Zeit und Mühe in ihre Fertigung geflossen ist. Durch Details an den Waffen, die einige der Figuren tragen, werden die Felsbilder von Fossum auf circa 600–700 v. Chr. datiert.

Auch Kampfszenen gibt es in Tanum. Auffallend dabei ist, dass sich nirgends Gefallene oder Verwundete finden. In Fossum steht im Zentrum des zentralen Panels eine Kampfszene mit zwei anthropomorphen Figuren, die die Äxte scheinbar drohend erheben. Vergleichbare Äxte wurden in Mooren und Seen als Opfergaben gefunden, hatten aber lediglich zeremoniellen Charakter.

Vorsicht bei der Interpretation!

Und so könnte man endlos weiterschreiben und Felsbild für Felsbild betrachten und interpretieren; wenig überraschend gibt es jedoch nur in den seltensten Fällen handfeste Beweise für die Bedeutung einzelner Felsbilder oder Motivgruppen, ihre Interpretation beruht weitgehend auf Analogien. Daher muss man allzu detaillierten Interpretationen mit Vorsicht begegnen und sie als eine Möglichkeit unter vielen betrachten. Dennoch stellt das Gesamtgefüge einer solchen Bildsprache ein seltenes und überaus kostbares Fenster in die immaterielle Welt vergangener Kulturen dar. Und auch wenn wir eine solche Sprache nie völlig verstehen werden können, so bleibt sie doch faszinierend und schützenswert. (Petra Schneidhofer, 20.9.2018)

Petra Schneidhofer ist Geoarchäologin und arbeitet seit 2018 als Spezialistin für geophysikalische Prospektion und 3D-Dokumentation für die Vestfold Fylkeskommune in Norwegen. Sie beschäftigt sich dort vor allem mit der Implementierung zerstörungsfreier Methoden im Denkmalschutz sowie der Erforschung wikingerzeitlicher Fundstellen. Twitter: @geoarchlady

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