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Video20. September 2018, 14:00

Spektakulär sieht der Alte Zipf auf den ersten Blick nicht aus. Gemächlich dümpelt der Fluss vor sich hin. Ein zweiter Blick lohnt sich: Unter und an der Wasseroberfläche pulsiert das Leben. An dem wolkenlosen Tag sieht es fast so aus, als würden Regentropfen das Gewässer in Unruhe versetzen. Es handelt sich bei dem Altarm der March im niederösterreichischen Marchegg um einen ökologischen Meilenstein. "Die silbernen Punkte, die auf dem Wasser aufblitzen, das sind unzählige Jungfische", sagt Gottfried Pausch vom niederösterreichischen Landesfischereiverband. Dort, wo sich nun junges Leben tummelt, war vor kurzem noch Brachland.

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"Die Fische können sich nicht mehr so entwickeln, wie sie sollten", sagt Gottfried Pausch vom niederösterreichischen Landesfischereiverband über den drastischen Lebensraumverlust.

Befestigt, begradigt, verkürzt, verlandet: Die großangelegten Flussregulierungen des 20. Jahrhunderts haben auch an der 358 Kilometer langen March – einem der wichtigsten Nebenflüsse der Donau – tiefe Einschnitte hinterlassen. "Ein typischer Tieflandfluss. Er fließt langsamer, wenn es die Landschaft hergibt, und schafft sich weite Schlingen. Bei der Regulierung um 1950 bis 1960 wurden aber fast alle Flussschlingen abgeschnitten", sagt Franz Steiner von der Viadonau. Dadurch gingen Kilometer an Fließgewässern und Lebensraum verloren.

Ökosysteme wiederherstellen

Im Rahmen des Projekts Life+ wird nun daran gearbeitet, das Mosaik aus Ökosystemen wiederherzustellen. Der WWF Österreich, Viadonau und Niederösterreichs Landesfischereiverband arbeiten dafür zusammen. "Wir geben dem Fluss wieder mehr Lebensraum zurück", sagt Projektleiter Steiner. Insgesamt seien bereits 5,6 Kilometer neue Seitenarme geschaffen worden – im Gemeindegebiet von Marchegg umfasst das neben dem Alten Zipf die Wolfsinsel, und im Bereich Engelhartstetten entstand ein verzweigter Mündungsbereich. 3,5 Millionen Euro wurden veranschlagt. Die Hälfte zahlt die EU. Ein zwei Kilometer langer Seitenarm an der Langen Luss ist der nächste Schritt.

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Laut historischen Dokumenten gibt es heute nur noch ein Zehntel aller Fischarten, sagt Gottfried Pausch.

Technisch gesehen ist die Wiederbelebung der Altarme relativ rasch umzusetzen, sagt Steiner. Mehr als einen Bagger brauche es nicht. 70 Prozent des Hauptflusses wurden aber hart verbaut. Fischermeister Pausch beobachtete die Folgen für die Umwelt: Auf einen Hektar Wassermasse seien vor Jahrzehnten noch weit mehr als 500 Kilogramm Fisch gekommen. Heute sind es 50 Kilogramm. Laut historischen Dokumenten gibt es zudem nur noch ein Zehntel aller Fischarten, sagt er: "Die Lebensräume sind so geschrumpft, dass sich die Fische nicht mehr so entwickeln können, wie sie sollten." Durch die Strukturarmut finden die Jungfische keine Deckung mehr. "Hechte, Welse, Zander räumen ganz schön auf", sagt er. In die seichteren Nebenarme dringen weniger Räuber ein, in den strömungsberuhigten Gebieten sind mehr Insekten und damit Nahrung vorhanden.

Mit ein wenig Hilfe könnten sich die rund 30 Arten rasch wieder vermehren. Im Moment gebe es eine "gute Fischartengarnitur", sagt Pausch, nur die Altersstruktur stimmt nicht. Die Leitfischart der Region ist die Brachse. Daneben kommen etwa Flusskarpfen, Nase, Barbe, Wels, Zander, Hecht, Barsch, Nerfling und Schleie vor.

Begrenzter Raum für bedrohte Arten

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Im Rahmen des Projekts "Life+", an dem der WWF Österreich, viadonau und Niederösterreichs Landesfischereiverband arbeiten, wurden entlang der March bereits 5,6 Kilometer neue Seitenarme geschaffen, berichtet Franz Steiner von der viadonau.

Die ersten wasserbaulichen Maßnahmen hätten schon nach einem halben Jahr sichtbare Erfolge gezeigt, sagt Michael Stelzhammer vom WWF. Er hebt ein paar leere Muschelschalen auf und inspiziert sie: "Auch die streng geschützte Flussmuschel haben wir bereits wiederentdeckt."

Die March-Auen haben diese Impulse dringend nötig: Mehr als 500 gefährdete Arten finden hier noch Lebensraum, mehr als 100 kommen ausschließlich hier vor, berichtet Stelzhammer. Zu den Naturschutzmaßnahmen gehören seit 2015 auch die Konik-Wildpferde. Denn Wiesen, die mit Tieren gepflegt statt mit dem Traktor gemäht werden, fördern den Artenreichtum. Seither wurden zum Beispiel wieder zwei vom Aussterben bedrohte Klee-Arten gesichtet.

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"Für die Anrainer ist es angenehm, dass es heuer weniger Gelsen gibt", sagt Michael Stelzhammer vom WWF. Für die Natur sei das von Nachteil, denn die Auen werden prinzipiell immer trockener.

In Österreich gibt es laut aktuellen Zahlen des Umweltministeriums 2194 Fließgewässer mit einem Einzugsgebiet von mehr als zehn Quadratkilometern und einer Länge von etwa 32.521 Kilometern. Dass nur 15 Prozent der Gewässer noch ökologisch völlig intakt sind, zeige laut WWF, dass mehr Anstrengungen notwendig sind. Auch die EU- Wasserrahmenrichtlinie setzt bei Oberflächengewässern die Herstellung des "guten Zustands" oder "guten Potenzials" als Ziel fest. Ins Zentrum sollten, betont Stelzhammer, ökologische und soziale Flussfunktionen gestellt werden – und nicht nur das Energiepotenzial.

Geformte Flüsse

Will man die einschneidenden Entwicklungen für Österreichs Flüsse verstehen, muss man 150 Jahre zurückblicken. Schon zuvor wurden die Flüsse von Menschen genutzt und zum Teil nach ihrem Willen geformt. Doch erst ab 1870 begann die systematische Regulierung der Donau. Industrialisierung und das Anwachsen Wiens verstärkten diesen Prozess. In den folgenden Jahrzehnten wurden im ganzen Land dynamische Flusslandschaften zu technisierten Fließgewässern gezähmt.

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Das Naturschutzgebiet der March-Thaya-Auen der kann auf drei Rundwanderwegen erkundet werden.

Gewässergeprägte Standorte wurden zudem zu terrestrischen Systemen umgewandelt, berichtet die Umwelthistorikerin Gertrud Haidvogl vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement an der Universität für Bodenkultur in Wien. Gemessen an den 53 größten österreichischen Fließgewässern gehörten bis zu den systematischen Regulierungen des 19. und 20. Jahrhunderts etwa 4750 Quadratkilometer zum potenziellen Überflutungsraum von Fließgewässern, sagt die Wissenschafterin.

Die Idee war, diese Flächen verstärkt zu nutzen und die Landwirtschaft im eigenen Land auszubauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dafür der Begriff "das zehnte Bundesland" geprägt. Für die Landwirtschaft wurden Auen und Feuchtgebiete trockengelegt. Denn Moore und Sumpfgebiete waren im ökonomischen Sinne nicht produktiv. "Ökologisch natürlich schon", sagt Haidvogl und ergänzt: "Die Folgen waren meist irreversibel. Moore können kaum revitalisiert werden. Es dauert Jahrhunderte, bis sie entstehen." Seit 1950 werden bis heute in Österreich täglich rund zwei Hektar an Flussraum versiegelt.

Bedeutung und damit Schutz verloren

"Gewässer haben ihre Funktion als lokale Ressource verloren", erklärt Haidvogl einen weiteren Faktor für die Entwicklung. Denn bis etwa 1900 wurde Wien von Fischen aus der Donau und ihren Zubringerflüssen versorgt. Die Stadt Wien startete in den 1890er-Jahren sogar eine Kampagne zur Förderung des Fischkonsums. Allerdings wurde dabei bereits auf den Import mariner Fische gesetzt. Die Arten "vor der Haustür" verloren allmählich an Bedeutung – und damit an Schutz.

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Seit Frühjahr 2015 übernehmen die Konik-Pferde die Beweidung des Aureservats Marchegg. Die Wildpferde sind keineswegs nur ein Besuchermagnet. Der WWF erwartet sich dadurch eine natürlichere Entwicklung der Au. Sie haben rund 80 Hektar Weidefläche zur Verfügung. "Einmal am Tag schaut ein Pferdebetreuer vorbei. Sonst dürfen sie machen, was sie wollen", sagt WWF-Mitarbeiter Michael Stelzhammer.

"Als ein Vorläufer der Nordsee das erste Geschäft mit importierten Fischen in Wien eröffnet hat, wurde keine Notwendigkeit mehr gesehen, sich auf Standards zu einigen, um die heimischen Fischbestände zu schützen", sagt Haidvogl. Das betraf vor allem das Transportwesen: Der Ausbau der Donau zur Schifffahrtsstraße und später zum Stromproduzenten, kombiniert mit der Besiedelung der Flussauen, die vor Hochwasser gesichert wurden, reduzierte die Fischbestände drastisch.

Mit der Einfuhr von rasch wachsenden Arten sollte gegengesteuert werden. "Aufzeichnungen über Fischarten gibt es bis in das Mittelalter", sagt Haidvogl. Gesetze, Regeln für Fang und Verkauf, Akten der Innungen und Marktregister sind Quellen. Laut der Umwelthistorikerin ist der Artenreichtum trotz Rückgangs der Biomasse gestiegen. Das liegt jedoch hauptsächlich am Besatz mit neuen Arten für die kommerzielle Nutzung. Heimische Arten wurden dadurch insgesamt noch mehr verdrängt.

Umdenken bei Fliegewässerökologie

Die Ökologie- und Naturschutzdebatte der 1980er-Jahre brachte allmählich wieder ein Umdenken bei der Fließgewässerökologie. Unter dem Aspekt, dass man bereits vorhandene Veränderungen oft nicht mehr rückgängig machen kann, sei es heute besonders wichtig, Gewässerstrecken, die noch relativ geringen menschlichen Eingriffen ausgesetzt waren, zu schützen und zu erhalten, betont die Umwelthistorikerin.

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Im WWF-Auenreservat Marchegg lebt einige Monate im Jahr Österreichs größte auf Bäumen nistende Storchenkolonie. Auf alten Eichen und Eschen Ende März erreichen sie nach rund 10.000 Kilometer Flugreise Österreich, um zu nisten.

"Den alten Zustand werden wir nicht wiederherstellen können", sagt auch Gottfried Pausch, während er den Jungfischen beim Tanz an der Wasseroberfläche zusieht. Der Hauptstrom ist nach wie vor relativ strukturarm. Es fehlen Sedimentbänke oder Ausbuchtungen, sagt er: "Das Korsett der March ist noch nicht gesprengt." (Julia Schilly, 20.9.2018)