Warum der Westen für Arbeitssuchende oft wenig reizvoll ist

19. September 2018, 06:00
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Die österreichischen Arbeitssuchenden sind wenig mobil. Für viele bietet ein Job im ländlichen Westen des Landes keinen Anreiz

Für Jobsuchende wie für Unternehmer bietet die Wirtschaftskammer seit ein paar Tagen ein nützliches Service: den Fachkräfteradar. Online kann jeder Interessierte nachsehen, in welchem Bezirk Österreichs gerade welche Jobs gefragt sind. In Gmunden, Oberösterreich, werden aktuell zum Beispiel 24 Elektromechaniker gesucht, dagegen sind dort nur drei Elektromechaniker arbeitslos gemeldet.

Wer sich mit der interaktiven Karte spielt, kann das Gefälle am Arbeitsmarkt Branche für Branche erkunden. Ob Maurer, Zimmerer, Koch oder Friseur: In Salzburg, Oberösterreich und Tirol fehlen Arbeitskräfte tendenziell. In Wien, aber auch im Burgenland und Niederösterreich gibt es oft mehr Arbeitssuchende als Jobs.

Die große Kluft im Land

Diese Kluft wird auch Thema beim Jobgipfel der Bundesregierung sein, der am Mittwoch in Wien stattfindet. Welche Möglichkeiten zur Abhilfe gib es? Das Problem laut Arbeitsmarktexperten ist, dass jede Anstrengung, die darauf abzielt, Menschen von Ost nach West zu bringen, gegen den demografischen Trend arbeitet.

Laut Zahlen der Statistik Austria findet unter Inländern eine Wanderbewegung von ländlichen in städtische Regionen statt. Das trifft nicht auf alle Altersgruppen zu, aber besonders auf 18- bis 26-Jährige: Zwischen 2006 und 2015 haben pro Jahr etwa 6.000 Menschen in diesem Alter ländliche Regionen verlassen, um in Ballungszentren zu ziehen. Auch in der Gruppe der 27- bis 39-Jährigen gibt es eine Landflucht – wobei hier Menschen eher in Speckgürtel ziehen. Die persönliche Verwirklichung suchen junge Menschen also in der Stadt, und zwar unabhängig davon, wo es die Jobs gibt. Deshalb fehlen in ländlichen Regionen des Westens, die oft auch Touristenmagnete sind, Arbeitskräfte.

Mäßig erfolgreiche Gegenstrategien

Bisherige Versuche, den Mangel durch Zuzug aus dem Osten auszugleichen, sind mäßig erfolgreich. So forciert das Arbeitsmarktservice AMS im Rahmen des Projektes "b.mobile" die Vermittlung von anerkannten Flüchtlingen auf Lehrstellen in Westösterreich. Das Projekt läuft seit 2016. Bisher in den Westen vermittelte Menschen: Rund 90. 2008 wurde vom damaligen Kanzler Alfred Gusenbauer eine Übersiedlungsprämie ins Leben gerufen: Arbeitslose, die einen Umzug in Kauf nahmen, konnten bis zu 4.600 Euro dafür beim AMS beantragen. Pro Jahr gab es weniger als 160 Anträge. 2016 endete das Programm mangels Interesse.

Bei jedem Projekt gibt es besondere Hindernisse. Die Lehrlingsvermittlung wird durch unterschiedliche Regeln zur Mindestsicherung erschwert: In einigen Ländern wird die Lehrlingsbezahlung an die Mindestsicherung angerechnet. Deshalb gibt es für Wiener in der Mindestsicherung keinen Anreiz, wegzugehen.

Fehlende Beweglichkeit

Der Soziologe August Gächter, der sich viel mit Arbeitsmarktmobilität beschäftigt, sieht darüber hinaus weitere Ursachen für die fehlende Beweglichkeit: Für junge Menschen habe der ländliche Raum außer "Arbeit und Spaziergängen" wenig zu bieten. Für Menschen mit Kindern ist die Situation zusätzlich kompliziert.

Gächter hat eine Untersuchung unter Personalchefs im Inntal gemacht und festgestellt, dass viele Tiroler Vorurteile gegen Wiener haben. Schlechte Erfahrungen vor Ort verbreiten sich über soziale Kanäle – und schrecken ab. Für viele Arbeitslose sei es zudem ein Aufwand, in den Westen zu fahren und sich vorzustellen. Wer genommen wird, muss noch einen Probemonat bestehen. Das scheint abzuschrecken. Gächter: "Effektiver wäre es, wenn Arbeitgeber ihre Mitarbeiter im Osten suchen würden, um eine Beziehung und Vertrauen aufzubauen."

Streit um die Leistungen

Aktuell sind 344.000 Menschen arbeitslos gemeldete. Die Zahl der Jobsuchenden geht zwar kräftig zurück. Von den 90.000 neuen Stellen im vergangenen Jahr ging aber weniger als ein Drittel an Arbeitslose. Ein Großteil der neuen Beschäftigten sind Migranten und Personen, die frisch auf den Arbeitsmarkt kommen. Gibt es für Arbeitslose zu wenige Anreize, um einen Job anzunehmen?

Die türkis-blaue Regierung hat die Abschaffung der Notstandshilfe im Regierungsprogramm vereinbart. Die Notstandshilfe (etwa 50 Prozent vom letzten Nettobezug) kann man theoretisch bis zur Pension beziehen. In der Wirtschaftskammer vertritt man die Ansicht, dass dieses Modell viele einlädt, nicht auf Jobsuche zu gehen. Wolfgang Nagl, Arbeitsmarktexperte bei der Agenda Austria, einem unternehmernahen Thinktank, plädiert ebenfalls dafür, die Notstandshilfe zu streichen.

Arbeitslosengeld für längere Zeit

Stattdessen soll es länger als bisher ein Arbeitslosengeld geben (maximal drei Jahre). Die Bezüge würden immer niedriger werden und nach einem Jahr deutlich unter das Niveau der aktuellen Notstandshilfe fallen. Belastbare Zahlen dazu, wie viele Menschen keinen Job wollen, obwohl sie arbeiten könnten, gibt es nicht.

Helmut Mahringer vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo sagt, dass andere Faktoren eine wichtigere Rolle spielen. Mahringer verweist auf eine Wifo-Studie, die zeigt, dass die intensive Beratung von Arbeitssuchenden effektiver ist als Leistungskürzungen.

Das dritte große Thema sind Qualifikationen. Oft bringen Arbeitssuchende nicht jene Ausbildung mit, die nachgefragt wird. So ist die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Pflichtschulabschluss höher als in anderen Gruppen. Die Arbeitnehmer wollen beim Jobgipfel deshalb auf eine Fachkräfte-Offensive bei Jungen drängen. Die Rechnung: 11.300 Arbeitslose unter 25 verfügen nur über Pflichtschulabschluss. Würde man die Hälfte in eine Lehre bekommen, würden die Jobchancen für viele steigen. (András Szigetvari, 19.9.2018)

  • Fachkräfte wie diese Schweißer sind oft gefragt – aber kaum mobil.
    foto: dpa

    Fachkräfte wie diese Schweißer sind oft gefragt – aber kaum mobil.

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