Migrantenkinder werden in Österreich demotiviert

    19. September 2018, 06:00
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    EU-weit tun sich Kinder von Zuwanderern leichter als in Österreich, eine höhere Bildung als ihre Eltern zu erreichen

    Herkunft und Bildungsniveau der Eltern sind in Österreich nach wie vor bestimmende Faktoren dafür, wie die Bildungslaufbahn aussieht. Kinder von weniger gut ausgebildeten Eltern schaffen tendenziell selten den Sprung zu höheren Abschlüssen. Sind die Eltern zudem im (Nicht-EU-)Ausland geboren, sinken die Chancen auf eine höhere Bildung noch weiter, wie viele Studien, zuletzt der OECD-Bericht zu Bildung, bescheinigen.

    Der aktuelle Bericht "Migration und Integration" der Statistik Austria zeigt zwar, dass sich die Lücke zwischen Einheimischen und zweiter Generation von Zuwanderern immer weiter schließt. Die "Bildungsvererbung" ist aber bei Zuwanderern mit Eltern, die lediglich einen Pflichtschulabschluss aufweisen, am häufigsten: 47 Prozent erreichten 2014 keinen höheren Abschluss als ihre Eltern, unter Personen ohne Migrationshintergrund sind es 22 Prozent.

    Sprung zu höherer Bildung

    Doch inwiefern kann die zweite Generation den sozialen Teufelskreis aus mangelhafter Bildung und schlechteren Chancen durchbrechen? Und von welchen sozialen und biografischen Faktoren hängt ein solcher Aufstieg tatsächlich ab? Diese Fragen stellte sich Alyssa Schneebaum im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Hertha-Firnberg-Projekts. Die Volkswirtin von der Wirtschaftsuniversität Wien untersuchte gemeinsam mit Doris Oberdabernig vom World Trade Institute der Universität Bern in elf EU-Staaten, inwieweit Kinder von Migranten im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund den Sprung zu einem höheren Bildungsniveau als dem der Eltern schaffen.

    Anhand von Datensätzen aus der EU-Statistik für Einkommen und Lebensumstände (EU-Silc) verknüpfte sie Informationen zu Herkunft und Bildung mit weiteren Faktoren wie Geschlecht, Alter, Haushaltsgröße und -einkommen. Das Ergebnis: Kinder, deren Eltern in einem anderen Land geboren wurden, erlangten im Schnitt eine bessere Ausbildung als ihre Eltern. Kinder mit einheimischen Eltern blieben hingegen eher auf dem Niveau der Vorgeneration. Dabei verglich Schneebaum auch die Daten von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund, deren Eltern das gleiche Bildungsniveau aufwiesen.

    Eine Frage des Geschlechts

    "Die Studie zeigt, dass EU-weit die Motivation der zweiten Generation groß ist, sich besser zu bilden als die Eltern", sagt Schneebaum. "Österreich fällt da aber aus der Reihe. Die Bildungsmobilität ist bei Migranten vergleichsweise niedrig." Außerdem gibt es hierzulande Geschlechterunterschiede: Buben mit Migrationshintergrund sind eher mobiler in ihren Bildungswegen als Mädchen.

    Von den elf untersuchten Ländern schaffte die zweite Generation in Großbritannien den größten Bildungssprung, gefolgt von der Schweiz und Luxemburg. Neben Österreich war auch in Tschechien kein Unterschied bei der Bildungsmobilität zwischen Zuwanderern und Einheimischen feststellbar. So erreichten in Österreich 47,1 Prozent der Kindern von Migranten eine höhere Bildung als ihre Eltern; unter Kinder von Einheimischen waren es 44,4 Prozent. Der größte Unterschied wurde in der Schweiz erhoben: 61,6 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund schafften den Sprung, ohne Migrationshintergrund waren es nur 37,5 Prozent. Nur in Lettland und Estland, wo Migranten generell eine höhere Bildung haben, überholten Einheimische eher ihre Eltern.

    Die Gründe für das schlechte Abschneiden Österreichs sieht die Mikroökonomin in den Strukturen: "Ein Hindernis ist sicher die Trennung im Schulsystem mit zehn und mit 14 Jahren, die für Menschen mit Migrationshintergrund besonders gravierend ist, weil sie nach wie vor diskriminiert werden." Dazu komme der Mangel an Kindergartenplätzen, was insbesondere für Migranten eine große Hürde darstelle.

    Schlüsselrolle Kindergarten

    In einer weiteren Studie konnte Schneebaum die Schlüsselrolle eines frühen Kindergartenbesuchs für Kinder von Zuwanderern, aber auch für Kinder bildungsferner und finanziell schlechter gestellter Eltern in Österreich statistisch untermauern: Nicht nur wird ein höheres Bildungsniveau erreicht, es steigt auch die Wahrscheinlichkeit, einen Fulltimejob und höhere Löhne zu bekommen. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Mütter später wieder arbeiten, wenn der Nachwuchs früh einen Kindergarten besuchte.

    Ein Haushalt mit mehreren Kindern und eine schlechte finanzielle Situation waren hingegen eher Faktoren für den sozialen Abstieg. Aber auch andere Faktoren wie das Alter und die Berufstätigkeit der Mutter sowie der Altersunterschied der Eltern beeinflussten je nach Land die Bildungsmobilität der Kinder. "Alles in allem zeigen die Daten, dass sich gerade über die letzten zwei Generationen EU-weit die Bildungsniveaus von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund anglichen. Die Politik sollte das mit gezielten Fördermaßnahmen beschleunigen." (Karin Krichmayr, 19.9.2018)

    • Viele Kinder bleiben auf dem Ausbildungsniveau der Eltern hängen. Dazu bestimmt nach wie vor die Herkunft, wie hoch hinaus sie kommen.
      foto: corn

      Viele Kinder bleiben auf dem Ausbildungsniveau der Eltern hängen. Dazu bestimmt nach wie vor die Herkunft, wie hoch hinaus sie kommen.

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