Einsatz im Mittelmeer: Aquarius will kein politischer Spielball sein

    Reportage18. September 2018, 06:00
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    Das Rettungsschiff befindet sich auf dem Weg in die libysche Such- und Rettungszone, DER STANDARD ist an Bord. Italiens Innenminister Salvini bekräftigt, dass die Aquarius in italienischen Häfen nicht willkommen ist

    Plötzlich war es still. Wurde kurz vor dem Auslaufen des Rettungsschiffs Aquarius aus Marseille an Bord noch angeregt geplaudert, verstummten alle, als der Hafen und die Lichter der Stadt immer kleiner wurden. Die Retter der Hilfsorganisation SOS Méditerranée und die Helfer von Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) blickten in die Ferne und sprachen nachher von einem "intimen Moment" – aufgeregt und besorgt ob der Einsätze, die sie erwarten, und der Menschen, denen sie begegnen werden.

    foto: bianca blei
    Die Crew übt mögliche Rettungsszenarien.

    Die Stille an Bord wurde erst wieder durchbrochen, als die Motoren der beiden Rettungsboote Easy 1 und Easy 2 aufröhrten. Die Aquarius befindet sich derzeit auf dem Weg in die "Such- und Rettungszone" vor der libyschen Küste, für die seit kurzem die libysche Küstenwache verantwortlich ist. Das Schiff soll am Dienstagabend eintreffen, vor der tunesischen Küste beginnt die Suche nach in Seenot geratenen Menschen. Die Crew übt vorab mögliche Szenarien: Die Fahrer der Boote manövrieren durch das ruhige Mittelmeer. Gleichzeitig trainiert das Personal von MSF an Deck die Übernahme bewusstloser Personen ohne Atmung in einer flexiblen Trage.

    Der Wunsch nach dem Ende

    "Unsere Reise muss ein Ende haben", betont Alessandro Porro von SOS Méditerranée. Der 38-jährige Italiener war 20 Jahre Notfallsanitäter und ist nun Techniker an Bord. Für ihn ist die Aquarius nicht die Lösung, sondern nur "ein Pflaster auf einer offenen Wunde". Für Porro wäre es Aufgabe der Staaten, Menschen aus Seenot zu retten. Er verweist auf die einjährige EU-Operation "Mare Nostrum", als von 2013 bis 2014 speziell ausgerüstete Such- und Rettungsschiffe im Mittelmeer unterwegs waren. Dass die Operation durch den Einsatz "Triton" der EU-Grenzschutzeinheit Frontex ersetzt wurde, kritisiert er: "Frontex ist für Rettungsmissionen nicht ausgerüstet."

    Ähnlich argumentiert Aloys Vimard, MSF-Projektkoordinator an Bord: "MSF ist in 72 Ländern im Einsatz, und in Wahrheit sind wir nicht die Lösung, sondern die Staaten müssten Lösungen finden." Der Vorschlag des österreichischen Innenministers Herbert Kickl (FPÖ), Asylanträge an Bord der Rettungsschiffe prüfen zu lassen, ist für Vimard "absurd". Für ihn würde das bedeuten, dass man Menschen animiere, die gefährliche Reise übers zentrale Mittelmeer auf sich zu nehmen, um Asylschutz zu erhalten. Er verweist auf die Aussage des tschechischen Premierministers Andrej Babiš, wonach Tschechien umgerechnet 9,4 Millionen Euro zur Unterstützung der libyschen Küstenwache bereitgestellt hat: "Wir wissen von den Zuständen in Libyen", sagt Vimard: "Folter, Sklavenmärkte, Erpressungen. Man sollte die Lage im Land stabilisieren und verbessern, damit die Leute nicht flüchten." Und: "Europa zahlt Millionen Euro, um das Problem nicht sehen oder hören zu müssen."

    foto: bianca blei
    Für Edouard Courcelle, MSF-Logistiker der Aquarius, können Hilfsorganisationen agieren, wenn die Politik blockiert ist.

    Dass die Aquarius von der europäischen Politik und Öffentlichkeit als "Fähre" oder "Kreuzfahrtschiff" in die EU gesehen wird, kann Edouard Courcelle, MSF-Logistiker an Bord, nicht verstehen. "Wir sind alle keine Entscheidungsträger", sagt er: "Wir wünschen uns vielleicht ein besseres Asylsystem, aber wir sind Retter und machen unseren Job wie jeder andere Mensch auch." Für ihn sind Hilfsorganisationen ein "Regulativ", das agieren kann, wenn die Politik aufgrund diplomatischer Verstrickungen blockiert ist. "Die meisten Seenotrettungen im zentralen Mittelmeer werden von Armee- und Küstenwacheschiffen durchgeführt."

    Berührende Dokumentation

    Die Aufgabe von SOS Méditerranée und MSF ist aber nicht nur die Rettung und medizinische Betreuung der Menschen in Seenot, sondern auch die Dokumentation der Aussagen der Geretteten. In Ordnern in der Kajüte des Projektkoordinators werden die Erlebnisse der Menschen an Bord so, wie sie diese den Helfern erzählen, festgehalten. Die meisten Erinnerungen beginnen mit Gewalt in Libyen. Dabei kommt es nicht darauf an, woher die Menschen stammen. Es sind Aufzeichnungen über Vergewaltigungen und Zwangsprostitution von Frauen oder Jugendlichen, die verschleppt und gefoltert wurden, um Geld bei ihren Eltern zu erpressen. "Wir sind nicht diejenigen, die über den Ausgang des Asylverfahrens urteilen können", wiederholt Vimard.

    Man könne diese Leute nicht davon abhalten zu fliehen, ist sich Porro sicher. Er vergleicht es mit einem Beispiel aus seinem Heimatland Italien. Im Piemont habe es laut Porro nie Olivenbäume gegeben: Durch die steigende Temperatur würden sie nun in dieser Region wachsen: "Wenn Bäume in den Norden wandern, wer soll dann die Menschen stoppen?"

    An die rechtlichen Vorgaben halten

    Von politischen Kämpfen rund um die Aquarius haben alle an Bord genug. Die Crew wolle sich nicht zum "Spielball der Politik" oder "Sündenbock" machen lassen, heißt es in vielen Gesprächen. Laut Vimard wolle man sich strikt an die rechtlichen Vorgaben halten, um keine Angriffsfläche zu bieten. Dazu gehörte auch die Kontaktaufnahme mit der libyschen Seenotrettungsstelle im August nach einer Rettung. Oder dass die libysche Küstenwache Menschen in Seenot aufnahm, während die Aquarius zuschauen musste. Ob es wieder zu einer Pattsituation zwischen der Aquarius und den EU-Staaten kommen werde, wagt Vimard nicht zu prophezeien. Man sei auf alles vorbereitet. Persönlich würde Vimard Kritiker wie den italienischen Innenminister Matteo Salvini gerne zu einer Mission mitnehmen. "Ich verstehe, dass Leute keine Ahnung haben, was wir machen, wenn sie es selbst nicht gesehen haben", so der Projektkoordinator.

    Salvini hat am Dienstag bekräftigt, dass die Aquarius in italienischen Häfen nicht willkommen ist.

    Seit dem Ablegen ist das Schiff schneller geworden: Die Aquarius hat den dritten ihrer vier Motoren zugeschaltet, um rascher in die Rettungszone vor Libyen zu gelangen. Flugzeuge der Hilfsorganisation Pilotes Volontaires haben am Sonntag ein Schlauchboot mit rund 100 Personen in Seenot entdeckt und die maritime Rettungskoordinationsstelle in Rom alarmiert. Die Italiener verwiesen an die libysche Behörde, laut den Piloten soll die libysche Küstenwache das Boot nach Stunden geborgen haben. Was mit den Menschen passiert ist, ist ungewiss.

    Wie nun bekannt wurde dürfte es zu einem Schusswechsel zwischen der libyschen Küstenwache und einem Schmuggler gekommen sein. Die Küstenwache konnte 57 Menschen aus Seenot retten, nachdem ihre Schmuggler geflüchtet waren. Die Geflüchteten berichteten, dass ursprünglich 80 Personen an Bord waren. Aber die Schmuggler hätten Frauen und Kinder mitgenommen und die Männer auf dem Boot gelassen. (Bianca Blei, 18.9.2018)

    Hinweis der Redaktion

    STANDARD-Redakteurin Bianca Blei befindet sich auf Einladung von Ärzte ohne Grenzen an Bord der Aquarius, die Kosten trägt der STANDARD.

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