Unknown Pleasures #24: Green on Red

Blog18. September 2018, 16:52
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Sie wurden als neue Rolling Stones gehandelt; selbst nannten sie sich eine Band, die ihre Zukunft schon hinter sich hat. Das eine stimmte, das andere nicht

Dan Stuart lacht kurz, dann beginnt der Song. Es ist ein faul rollender Rhythm 'n' Blues. Stuart singt "I took her down to the picture show / Clarke Gable Marilyn Monroe."

Solche Sätze purzeln ihm nur so aus dem Ärmel. Knappe Ein- oder Zweizeiler, die punktgenau ein Gefühl beschreiben oder eine Atmosphäre erschaffen. Als Stuart diesen Song sang, war er die Stimme der US-Band Green on Red. Erschienenen ist er 1991 auf der Single von Little Things in Life, auf Youtube bis heute leider nicht.

Little Things in Life war ein kleiner Hit aus der Spätphase der Gruppe aus Tucson, Arizona, und lief hierzulande sogar öfter im Radio. Es ist ein kleines Alltagsdrama. Im Alltag fand die Band ihre Themen – betrachtet meist aus der Sicht der Underdogs.

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Alltagsdramen – Green on Red können das: Little Things in Life.

Green on Red waren eine der größten kleinen Bands ihrer Zeit. Aufgewachsen in den 1970ern mit Punk als Erweckungserlebnis, trat die Band ab den frühen 1980ern an, Tradition mit dem Esprit des Punk neu zu befruchten. Das zeitigte bald schon große Songs wie Time Ain't Nothing – einen unbotmäßig abgebrühten Ohrwurm, der 1985 auf dem ersten Album der Band erschien, das halbwegs anständig produziert war. Hier ist ein hartes Video davon.

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Ode an die Jugend des Herzens. Green on Red mit Time Ain't Nothing.

Zwar ließen die Alben Gravity Talks und Gas Food Lodging die Kritik bereits von den neuen Rolling Stones sprechen, aber das war doch übers Ziel geschossen, und was Dan Stuart von einem Vergleich mit Mick Jagger hält, kann man an seinem Mittelfinger ablesen. Aber so habe ich sie kennengelernt. Sie waren aus Tucson nach L.A übersiedelt und auf Slash Records gelandet. Das machte sie zu Kollegen der Violent Femmes, X, von Los Lobos, Dream Syndicate, Faith No More, den Blasters und, und, und.

Runter in den Süden

Richtig gut wurden Green on Red 1988. Da erschien ein erstes Meisterwerk: Here Come The Snakes. Es offenbarte, welch abgebrühte und schlaue Musikauskenner Dan Stuart und der kongeniale Gitarrist Chuck Prophet waren. Ein Duo, das kokett behauptete, seine Zukunft schon hinter sich zu haben. Zu der Zeit waren sie längst mit Lee Hazlewood als potenziellem Produzenten im Gespräch gewesen, doch das wurde nichts.

Sie gingen runter in die Südstaaten, dorthin, wo viele der Musik produziert worden war, an der ihre Herzen hingen. In Jim Dickinson fanden sie einen väterlichen Freund, Mentor und Geschichtenerzähler. Dickinson produzierte Here Come The Snakes als elegant-ruppigen Bastard: schleichende Rocker, wehleidige Balladen, trübsinnige Hadern, angriffige Kracher. Über das ein Jahr zuvor ebenfalls mit der Band aufgenommene The Killer Inside Me schweigen wir.

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Keith Can't Read – der Opener von Here Come The Snakes.

Stuart war damals ein sich herrlich selbst überschätzender Tunichtgut, der in diesen Songs seine kulturellen Vorlieben auslebte. Klassisches Hollywood, die auf den Punkt geschriebenen Storys des Pulp-Großmeisters Jim Thompson und ähnliches prägten sein Songwriting. Der Punk in ihm kollidierte mit den leger gelebten Statuten der Südstaaten, sein Wesen entlud sich in countryesken Liedern und bleichem Southern Soul.

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Rita Hayworth und Green on Red – wer immer das Video gemacht hat, er weiß, was zusammenpasst: Morning Blue.

Dickinson gab dem Richtung. Ganz so, wie er es mit dem dritten Album von Big Star getan hatte. Einmal, so konnte man damals im Spex lesen, knallte Prophet die Gitarre in die Ecke und verließ das Studio. Am nächsten Tag entschuldigte er sich bei Dickinson dafür. Der meinte, keine Ursache. Der Krach, den die aufprallende Gitarre erzeugt habe, sei das Beste an der Session gewesen: "Das nehmen wir."

Farm Aid und Sündenbock

Here Come The Snakes bescherte der Band eine ansehnliche Fangemeinde – vornehmlich in Europa. Drüben spielte man zwar 1986 brav bei Farm Aid und holte sich Neil Youngs Segen für das eigenen Tun, doch finanziell und karrieristisch schlug die Band nicht an.

Es folgte This Time Around, das innerhalb der Band nicht gemocht wurde, das sich mehr in Richtung Rhythm 'n' Blues bewegte. Eine Orientierung, die sie auf Scapegoats weiter vertieften.

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Two Lovers Waiting To Die – vom Album Scapegoats.

Damals bat man Kapazunder wie Al Kooper, Dan Penn und Spooner Oldham um Assistenz. Herausgekommen ist ein Meisterwerk. Erneut waren es die träge rollenden Midtemposongs von Stuart und seine gewinselten Balladen, die das Album glänzen ließen.

Aus einer kosmischen Laune heraus landete die Band damals als eine Art Promotion-Gimmick ihres britischen Labels auf einer Elektronikmesse im Wiener Prater. Irgendwie haben ein paar Freunde und ich Wind davon bekommen, da mussten wir hin. Zwischen Kindern mit Luftballons und Besuchern im Lodenmantel und dem Messekatalog unterm Arm fanden wir sie.

Lance Lumsden und ein "Sorry, Dude!"

Green on Red waren tatsächlich in Wien. In einem Eck vor einer Bühne, auf der gerade Lance Lumsden moderierte. Lumsden war ein singender Tennisspieler und damals mit Chris Lohner liiert. Wir haben Stuart und Prophet angequatscht, und es schien wie eine Erlösung für die beiden zu sein: endlich so etwas wie Verbündete. Sie schenkten uns ein paar Alben und signierten ungefragt. Auf meinem steht "Sorry, Dude!".

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"I never knew what a woman can do when she's desperate" – Green on Red Shed A Tear (For The Lonesome).

Das bezieht sich auf den Umstand, dass sie nicht mehr auftreten mussten, weil die Messe schloss. Sie packten ihre Gitarren ein – weg waren sie. Im folgenden Herbst spielten sie dann ein Konzert in der Szene Wien – ein Kirchgang. Ein Jahr später erschien ihr letztes Album, Too Much Fun – es offenbarte noch einmal alle Qualitäten der Band: lässiger R 'n' B, herrliche Jammerlappenballaden, punktgenaue Lyrics, faule Rocker.

Konzert im Flex

Prophet hält seit damals eine produktive Solokarriere aufrecht, Dan Stuart war nach zwei Soloalben wie verschwunden. Er lebte in Spanien, wurde clean, lebte in New York, hatte Frau und Kind – und tauchte plötzlich 2012 wieder auf. Um die Zeit gab es auch eine Reunion von Green on Red mit einem Konzert im Flex.

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Basic interests: Man Needs Woman – und vice versa. Vom letzten Album Too Much Fun.

Eben ist das dritte Album einer Trilogie erschienen, für die Stuart das Alter Ego Marlow Billings bemüht. Er lebt seit Jahren unten in Mexiko, dort ist das Leben leistbar. Als Marlow Billings schreibt er autobiografisch gefärbte Songs über den Gringo in Mechiko. Träge Rumpler, lässige Balladen. Vom Vorgängeralbum ist dieses Video im Netz.

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Dan Stuart lebt zurzeit in Mexico. Da gibt es für einen Gringo einiges zu erleben.

Zum jüngsten Album The Unfortunate Demise Of Marlowe Billings ist ein Roman erschienen – der liegt noch ungelesen am Stapel. Das Album pflegt Loser- und Antiheldentum.

Spricht man mit ihm, offenbart sich ein wacher Geist: belesen, ein skeptisch-politischer Charakter mit einem gelassenen Zynismus. Seine letzten Auftritte in Wien waren immer gut – wiewohl ihm eine richtige Bandbesetzung mehr Wirkung verleihen würde als der schmalhansige Zweier, mit dem er zuletzt zu erleben war. Wenigstens Chris Cacavas könnte mitfahren. Der Green-on-Red-Keyboarder lebt seit langer Zeit in Deutschland, na ja.

Green on Red sind immer noch eine Entdeckung wert. Und da habe ich noch gar nicht von Danny & Dusty geschwärmt. So nannte sich ein Nebenprojekt Stuarts mit Steve Wynn von Dream Syndicate. Da darf man den Song natürlich nicht vorenthalten: Song for the Dreamers, ein Traum.

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Mit Steve Wynn als Danny & Dusty – der Evergreen ihres Albums The Lost Weekend (1985).

(Karl Fluch, 18.9.2018)

  • Chuck Prophet und Dan Stuart alias Green on Red. Am Ende bestand die Band nur noch aus den beiden. Und dann zerbröselte sie. Einfach so.
    china rec.

    Chuck Prophet und Dan Stuart alias Green on Red. Am Ende bestand die Band nur noch aus den beiden. Und dann zerbröselte sie. Einfach so.

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