Pocophone F1: Xiaomis "Anti-iPhone" im Test

    25. September 2018, 12:36
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    Das Handy kommt mit Spitzenhardware zum Mittelklasse-Preis und gefällt trotz mancher Defizite

    Mit seiner Mi-Reihe bedient Xiaomi die Mittelklasse und das High-End-Segment bei Smartphones, die Redmi-Reihe deckt wiederum Mittelklasse und Einsteigerklasse ab. Jede Serie hat zahlreiche Auskopplungen für unterschiedlichste Ansprüche – Max, Note, Plus und mehr.

    Gerade, als man dachte, es gebe keinen Bereich mehr, den Xiaomi nicht schon okkupiert hat, ließ der chinesische Konzern im August dann das Pocophone F1 (kurz: Poco F1) vom Stapel. Die neue Marke, die sich aus dem Spanischen grob als "Ein-bisschen-Phone" übersetzen lässt, setzt auf ein merkwürdiges Konzept.

    Gegen den Trend

    Xiaomi hat in das Gerät Spitzenhardware verpackt, unterbietet aber preislich selbst die Topgeräte aus dem eigenen Sortiment deutlich. Besonders drastisch ist der Unterschied zu einem anderen High-End-Gerät – Apples neuem iPhone XS, das in der Minimalkonfiguration 1.150 Euro kostet. In mancherlei Hinsicht repräsentiert das Pocophone das klare Gegenteil des Trends zu immer teureren High-End-Handys.

    Wenig überraschend sorgte das Handy für großes Interesse und wurde zeitweilig auf der Preisvergleichsplattform Geizhals zum meistgesuchten Handy. Der WebStandard hat sich ein Testgerät geholt und erprobt, was der Preisbrecher kann.

    foto: derstandard.at/pichler
    xiaomi india
    Eine Aufzeichnung des Launches des Poco F1.

    Xiaomi goes OnePlus

    Die Idee, High-End-Hardware in ein Handy zu stecken, das dann mit Minimalmarge verkauft wird, ist nicht ganz neu. 2014 versuchte sich das ebenfalls chinesische Unternehmen OnePlus darin und konnte sich damit erfolgreich am Markt etablieren. Die Handys des Herstellers sind seither aber erheblich teurer geworden. Wo das Pocophone um rund 350 Euro zu haben ist, kostet das einst um weniger als 300 Euro angeboten OnePlus in der aktuellen Ausgabe über 500 Euro.

    Doch wo liegen die Abstriche, mit denen man angesichts des Preises rechnen muss? Drei finden sich bei einem Blick auf die Spezifikationen. Erstens: Es gibt kein NFC. Wer also entsprechende Funktionen zum Bezahlen oder anderen Zwecken nutzt, geht leer aus. Zweitens: Das Handy hat ein LCD-Panel und keinen OLED-Screen. Und drittens: Widevine-DRM wird nicht unterstützt. Netflix, Amazon Prime und andere Videoservices, die darauf vertrauen, können also nicht in HD genutzt werden. Bestenfalls steht 480p-Auflösung zur Verfügung. Youtube in HD geht aber auch ohne Widevine.

    foto: derstandard.at/pichler

    Kunststoff statt Glas

    Was ebenfalls auffällt, ist, dass Xiaomi beim Poco F1 ein Polycarbonatgehäuse anstelle der mittlerweile recht verbreiteten Kombination aus Metall und Glas verwendet. Das verwendete Material macht einen wertigen Eindruck, und die Verarbeitung ist Xiaomi-typisch sehr gut. Aber äußerlich sieht das Handy damit natürlich nicht ganz so "premium" aus.

    In thermischer Hinsicht ist die Materialwahl allerdings zu begrüßen. Zudem ist Polycarbonat bei Stürzen gnädiger – weil elastischer – als eine Glasoberfläche. Wer Angst vor Kratzern hat, kann die beigelegte Schutzhülle aus Silikon verwenden. Ergonomisch ist das Handy ein Fall für Menschen, die kein Problem damit haben, ihr Smartphone fast nur zweihändig zu verwenden. Mit Maßen von 155,5 x 75,3 x 8,8 Millimeter ist es trotz des "gestreckten" Formats nur mäßig schlank. Bedingt ist das auch dadurch, dass die Seiten etwas dicker ausfallen als bei vielen anderen "randlosen" Handys.

    foto: derstandard.at/pichler

    Starke Grundhardware

    Der Bildschirm bietet eine 6,2-Zoll-Diagonale im 18,7:9-Format, die Auflösung liegt bei 2.246 x 1.080 Pixel. An der Oberseite findet sich eine recht breite Einkerbung für Frontkamera, Ohrhörer und Näherungssensor, besser bekannt als "Notch". Der Bildschirm erreicht nicht ganz die Helligkeit und Farbintensität aktueller OLEDs, bietet aber seine sehr ordentliche Darstellung mit guter Blickwinkelstabilität.

    Unter der Haube kommt der aktuelle Snapdragon 845 von Qualcomm zum Einsatz. Je nach Modell gibt es entweder sechs GB RAM und 128 GB an internem Speicher oder acht GB RAM und 256 GB. Eine Erweiterung via Micro-SD-Karte ist möglich, sofern man dafür auf die Nutzung einer zweiten SIM-Karte im hybriden Karteneinschub verzichtet. Für schnelle Entsperrung gibt es auf der Rückseite einen Fingerabdruckscanner unterhalb der Dualkamera, der flott und zuverlässig arbeitet.

    Bei der restlichen Telekomausstattung werden alle aktuellen Standards unterstützt. Es gibt LTE, ac-Wifi und Bluetooth 5.0. Einzig beim USB-C-Ladeanschluss limitiert man das Handy auf den USB-2.0-Standard. Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch, dass das Pocophone – im Gegensatz zu den aktuellen Mi-Spitzenhandys – einen Klinkenanschluss für herkömmliche Kopfhörer hat. Der Akku ist schnellladefähig und besitzt eine Kapazität von 4.000 mAh.

    foto: derstandard.at/pichler

    MIUI mit neuem Launcher

    In Benchmarks setzt das Poco F1 seine starken Specs gut um. Mit rund 264.000 Punkten im Allroundtest mit Antutu und etwa 4.700 Zählern beim 3DMark sticht es sogar Samsungs Galaxy S9+ aus. Wichtiger ist freilich die alltägliche Erfahrung. Und auch dort gibt sich das Handy ziemlich "snappy". Beim Navigieren des Systems gibt es nur selten Mikroruckler. Apps starten schnell. Auch anspruchsvolle Games stemmt das Smartphone gut. Dabei wird es mitunter spürbar, aber nicht unangenehm warm, was wohl dem Flüssigkeitskühlsystem zu verdanken ist.

    Vorinstalliert ist Xiaomis eigene Android-Adaption MIUI 9 (basierend auf Android 8.1 "Oreo"), allerdings nicht mit dem üblichen Interface. Dem Pocophone hat man einen eigenen Launcher spendiert, der näher an "Vanilla Android" liegt und einen Appdrawer bietet. Das Einstellungsmenü ist teilweise seltsam organisiert, allerdings gibt es eine Suchfunktion.

    Im Vergleich zu Standard-Android gibt es zahlreiche optische Anpassungsmöglichkeiten und Zusatzfunktionen. Wer möchte, kann Apps automatisch gruppieren lassen, selber in farblich markierte Gruppen stecken oder verschiedene Designelemente anpassen. Binnen der nächsten Wochen soll übrigens das Update auf MIUI 10 folgen. Im Lauf des Jahres soll dann auch noch die Aktualisierung auf Android 9 "Pie" erfolgen.

    foto: derstandard.at/pichler

    Kamera: Kein Konkurrent für iPhone und Galaxy S9

    Ein potenzieller Bereich für Abstriche ist in diesem Preissegment natürlich die Kamera. Wo beim Mi 8 zwei 12-MP-Sensoren für schöne Fotos bürgen sollen, sind es hier eine 12-MP- und eine 5-MP-Kamera. Verzichten muss man auf einen zweifachen Hybridzoom sowie optische Bildstabilisierung. Wer mag, kann die ins Betriebssystem integrierte KI zuschalten, die automatisch Szenen erkennen und Einstellungen festlegen kann. Das funktioniert meist gut, manchmal aber auch schlechter. Gelegentlich übersteuert der digitale Helfer die Farben. Darüber hinaus bringt die Kamera-App diverse Fotografiemodi mit, darunter auch einen Porträtmodus, der für besonders deutliche Tiefenunschärfe sorgen soll.

    Bei guten Lichtbedingungen reagiert die Kamera flott und macht Fotos, die auf den ersten Blick sehr gut aussehen. Bei näherer Betrachtung merkt man allerdings, dass doch etwas bei der Ausstattung gespart wurde. Die Farbdarstellung ist ähnlich gut wie bei Spitzengeräten. Es fehlt allerdings etwas an der dynamischen Bandbreite – gut zu sehen bei schattigen Motiven gegen hellen Himmel oder bei Gegenlicht –, und es werden auch mehr kleinere Details verschluckt.

    foto: derstandard.at/pichler

    Bei vermehrtem Kunstlicht und generell dunkleren Bedingungen reagiert der Fokus auch einen Tick langsamer, und die ohnehin eher weichen Bilder geraten noch etwas schwammiger, da die Softwarekorrektur Rauschen offenbar recht aggressiv beseitigt. Kunstlichtbedingte Verfärbungen halten sich in Grenzen. Der Qualitätsabfall in solchen Situationen ist aber deutlich zu merken.

    Die Kritik mag hart klingen, allerdings eben nur im Vergleich mit Flaggschiffen, die meist über 600 Euro kosten. Im Preissegment von 300 bis 400 Euro spielt das Pocophone bei diesem Aspekt ganz oben mit, zumal die Frontkamera (20 Megapixel) sich ebenfalls sehr gut schlägt. Videos gelingen passabel. Es gibt allerdings keine Superzeitlupe, wie sie etwa neuere Spitzengeräte von Huawei, Sony und Samsung bieten.

    foto: derstandard.at/pichler

    Überraschend gute Akustik

    Die Basisaufgaben erledigt das Smartphone ebenfalls routiniert. Die Empfangsstärke für Telefonie, mobiles Internet und WLAN ist gut, die Gesprächsakustik überdurchschnittlich. Die eigene Stimme kommt etwas "weich", aber grundsätzlich laut und verständlich an. Der Gesprächspartner hört sich durch den Ohrhörer ebenfalls nur leicht abgedämpft an und ist gut zu verstehen.

    Das Stereo-Lautsprechersystem (Hauptlautsprecher + Ohrhörer) überrascht sehr positiv. Für ein Smartphone klingt der Sound ganz gut. Die Maximallautstärke ist recht hoch und sorgt nur für wenig "Scheppern". Abstriche muss man, gerätetypisch, natürlich bei Bässen und Höhen hinnehmen.

    Ein Problem hat das Handy allerdings öfters mit dem Aufruf des Google Assistant über das "Okay, Google"-Kommando. Denn mitunter weigert es sich, den Befehl zu "hören". An der Behebung dieses Bugs arbeitet Xiaomi allerdings schon. In der Betaversion von MIUI 10 ist er laut "Changelog" bereits behoben worden.

    Passable Akkulaufzeit

    Mit 4.000 mAh ist der Akku eigentlich recht großzügig bestückt. Selbst Dauernutzer kommen damit gut über den Tag. Wer etwas sparsamer ist, darf sich anderthalb Tage ausrechnen. Mit dem mitgelieferten Ladegerät lässt sich der Akku flott wieder befüllen. Bei mittlerem Ladestand sind in 20 Minuten rund 25 Prozent aufladbar. Lädt man das Handy nach vollständiger Entladung auf, erreicht man im gleichen Zeitraum 35 Prozent.

    foto: derstandard.at/pichler

    Fazit

    Mit dem Pocophone F1 legt Xiaomi ein schwer zu schlagendes Angebot hin. Die Hardware ist nicht nur auf dem Papier gut, sondern bewährt sich auch im Alltag. In puncto Performance hält das Handy problemlos mit allen aktuellen High-End-Geräten mit. Auch Verarbeitung und Display geben kaum Grund zur Kritik, sofern man nicht unbedingt auf einem OLED-Display besteht. Akustisch schlägt sich das Gerät ausgesprochen gut, die Akkulaufzeit passt.

    Der merkbarste Abstrich betrifft wohl die Kamera, die zwei Klassen unter Samsungs Galaxy-S-Reihe oder dem iPhone spielt, aber die allermeisten Handys der gleichen Preisklasse von 350 Euro ausstechen kann. Das Fehlen eines NFC-Moduls dürfte mangels seltener Verwendungsmöglichkeiten im Alltag nur wenige Interessenten abschrecken. Die Absenz von Widevine-DRM wird all jene stören, die oft Videos von Netflix und Co am Handy schauen.

    Ist keiner dieser drei Punkte ein absolutes "No-Go", so sollte jeder, der ein flottes Smartphone zu ansprechendem Preis sucht, das Poco F1 in die engere Wahl nehmen. Mit so mancher Parallele zum OnePlus One von 2014 darf man es zu Recht als das Handy sehen, das sich dieses Jahr wohl am ehesten den Titel "Flaggschiffkiller" verdient. (Georg Pichler, 25.9.2018)

    Testfotos

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    Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde vom Xiaomi-Store SCS Vösendorf zur Verfügung gestellt.

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    Xiaomi

    Nachlese

    Xiaomi Mi 8 im Test

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