Ig-Nobelpreise: Vom Sinn "unsinniger" Forschung

    Video14. September 2018, 18:59
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    Spucke als Putzmittel, Voodoo gegen Chefs: Die diesjährigen Ig-Nobelpreise sind vergeben. Der Nutzen "unnützer" Forschung ist aber nicht zu unterschätzen

    foto: reuters
    Akira Horiuchi (rechts) demonstriert, dass man Spiegelungen des eigenen Darms am besten im Sitzen durchführt. Das brachte ihm einen der diesjährigen Ig-Nobelpreise ein.

    Die erste Reaktion auf diese Erkenntnis ist wohl in den meisten Fällen Schmunzeln: Ein Forscherteam hat Anfang dieses Jahres im Fachblatt Primates nachgewiesen, dass Schimpansen im Zoo Menschen etwa genauso oft und genauso gut imitieren wie Menschen Schimpansen. Auf den zweiten Blick stimmt das Untersuchungsergebnis ein wenig nachdenklich, führt es doch anschaulich vor Augen, dass Schimpansen unsere nächsten Verwandten sind.

    Insgesamt neun weitere solcher Studien, die "erst zum Lachen und dann zum Nachdenken anregen", sind in der Nacht auf Freitag an der US-Eliteuniversität Harvard mit den mittlerweile auch schon traditionellen "Ig-Nobelpreisen" ausgezeichnet worden: Die ganz und gar nicht spaßbefreite Gala fand bereits zum 28. Mal statt, und wie jedes Jahr nahmen auch diesmal zahlreiche echte Nobelpreisträger daran teil.

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    Filmische Dokumentation der Zeremonie 2018.

    Längst keine Schande mehr

    Eigentlich geht der Ig-Nobelpreis auf das englische Wortspiel mit dem Adjektiv ignoble zurück, das auf Deutsch so viel wie "unwürdig" oder "schmachvoll" bedeutet. Doch längst gilt es in der Wissenschaftswelt nicht mehr nur als Schande, mit dem Spaßpreis geehrt zu werden, der im Unterschied zu den echten Nobelpreisen in den vergangenen Jahren auch an österreichische Forscherteams ging – nicht aber 2018.

    Neben der Schimpansenstudie in der Kategorie Anthropologie wurden in Harvard auczh heuer wieder jede Menge Erkenntnisse ausgezeichnet, die zwischen Sinn und Unsinn irrlichtern – und deren Urheber dieses Jahr mit einem roten Papierherz ausgezeichnet wurden. In der Kategorie Medizin ging dieses Herz etwa an US-Forscher, die versucht hatten, durch Achterbahnfahren Nierensteine schneller auszuscheiden.

    Fruchtfliegen ruinieren Wein

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    Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle (Physik 2001) überreicht David Wartinger den Ig-Nobelpreis für Medizin 2018. Der Mediziner hat herausgefunden, dass Achterbahnfahren gegen Niedersteine helfen kann.

    In der Kategorie Biologie wurde ein Team geehrt, das herausfand, warum Weinexperten kein Problem haben, durch Geruch verlässlich nachzuweisen, ob sich in ihrem Weinglas eine weibliche Fruchtfliege befindet. Warum das so ist, bleibt aber offen.

    foto: reuters
    Tote weibliche Fruchtfliegen ruinieren den Geschmack von Rotwein. Warum das so ist, wäre noch zu klären. Dennoch brachte diese Erkenntnis einen Ig-Nobelpreis.

    Im Bereich Wirtschaft wiederum wurde ein spezieller Beitrag zur MeToo-Debatte ausgezeichnet: Forscher konnten zeigen, dass es für Arbeitnehmer sinnvoll ist, Voodoo-Puppen gegen übergriffige Chefs zu verwenden. Anscheinend fühlen sich Betroffene nach solchen Aktionen besser.

    Alltagspraktisches Wissen liefert eine preisgekrönte Studie portugiesischer Forscher, die bestätigte, dass Spucke bei bestimmten Oberflächen ein geeignetes Putzmittel ist (Kategorie Chemie). Ähnliches gilt für die im Bereich Fortpflanzungsmedizin ausgezeichnete Untersuchung: Deren Urheber hatten herausgefunden, dass man mit auf den Penis aufgeklebten Briefmarken auf simple Weise eruieren kann, ob es zu nächtlichen Erektionen kommt. Kaum Nachahmer dürfte hingegen Akira Horiuchi finden, der demonstrierte, dass man Spiegelungen des eigenen Darms am besten im Sitzen durchführt.

    Goldene Gans der Forschung

    Während man an der Harvard Universität fröhliche Wissenschaft fröhlich feierte, wurden in der Library of Congress in Washington die etwas ernsthafteren (und hierzulande weniger bekannten) Golden Goose Awards verliehen.

    Mit diesem Preis werden Wissenschafter ausgezeichnet, die für ihre Studien öffentliche Gelder erhalten haben, obwohl die Themen auf den ersten Blick eher entbehrlich erschienen – wie zum Beispiel Bruce Glicks Studien über eine mysteriöse Drüse bei Gänsen, die als Bursa Fabricii bekannt ist. Seine 1956 publizierten Arbeiten zeigten aber, dass die Drüse eine zentrale Rolle für das Immunsystem spielt, was neue Strategien in der Krebsbehandlung anregte.

    Der ebenfalls mit einer goldenen Gans geehrte Nobelpreisträger Stanley Cohen hingegen hatte bei Experimenten Probleme wegen verdorbener Eier. Er ging dem Problem nach, was den Biochemiker auf die Spur der sogenannten Zytokine brachte. Und die wiederum führten zu neuen Therapieansätzen, um Autoimmunerkrankungen und Krebs zu behandeln. (Klaus Taschwer, 14.9.2018)

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