Wir haben zu viel Geld

Kommentar14. September 2018, 17:59
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Zehn Jahre nach Lehman ist die Absturzgefahr wegen vieler Blasen riesig

Ein Befund ist heute fast unumstritten: Konzertierte Aktionen der Notenbanken und der Regierungen der Industrieländer haben vor zehn Jahren einen noch größeren Absturz der Weltwirtschaft verhindert. Am 15. September 2008 löste die Pleite von Lehman Brothers erst einen Finanzcrash und dann eine internationale Rezession aus. Doch eine mehrjährige, tiefe Depression wie in den 1930er-Jahren wurde vermieden, weil massiv und umfassend reagiert wurde. So richtig die Interventionen grundsätzlich waren, bergen sie doch ein riesiges Problem: Die Geldschwemme war zu gewaltig und dauerte viel zu lange an. Das wird sich eines Tages rächen.

Ein Blick auf einige Märkte zeigt rasch, was die künstlich erzeugten Billionen angerichtet haben. Weil billiges Geld veranlagt werden will, wurden ziemlich alle Vermögenswerte aufgeblasen. Die Kurse am US-Aktienmarkt beispielsweise liegen – gemessen an den Unternehmensgewinnen – um 50 Prozent über dem historischen Niveau. In einzelnen Kategorien, insbesondere bei den Tech-Werten wie Amazon oder Google, sind die Vervielfachungen eine einzige Spekulation auf die Zukunft. Wenn die nicht hält, was die Propheten versprechen, wird es ein böses Erwachen geben.

Das Kunstgeld fand auch den Weg in andere Anlageformen. Start-ups werden mit Milliarden überschüttet, solange die Story gut klingt. Ramschanleihen sind bei Investoren beliebt, weil sie ein bisschen mehr Rendite bringen als Staatsanleihen. Am Immobilienmarkt lässt sich so gut wie alles überteuert verhökern. Die Spekulation blüht, das Risikobewusstsein ist verwelkt.

Platzen der Blase

Weniger lustig findet das eine breite Mittelschicht, die das wenige Ersparte konservativ investiert und dem Vermögen dank negativer Realverzinsung Jahr für Jahr beim Schrumpfen zusieht. Noch kritischer betrachten Ökonomen, die vor dem Platzen der Blase warnen, das bunte Treiben. Was dann? Natürlich ist an der These etwas dran, dass Banken wegen dickerer Eigenkapitalpölster nicht mehr so rasch wie Dominosteine umfallen werden, wenn ein Crash kommen sollte. Doch für viele Unternehmen und Staaten wird schon eine moderate Anhebung der Zinsen eine gewaltige Herausforderung.

Die Verschuldung der Unternehmen ist in den letzten zehn Jahren um mehr als die Hälfte gestiegen, die der Staaten hat sich verdoppelt. Schon zeigen Turbulenzen wie in Argentinien und der Türkei, wie dramatisch sich die zarte Anhebung der Zinsen in den USA auswirkt. Dabei müssten die Notenbanken auf dem Höhepunkt des Konjunkturzyklus viel stärker bremsen, insbesondere die Europäische Zentralbank, die nach wie vor Milliarden in die Märkte pumpt.

Die Gefahr ist groß, dass ein Gegensteuern mit dem nahenden Konjunkturabschwung zusammenfallen wird und prozyklisch wirkt. Was ebenfalls schwer wiegt: In der nächsten Krise fehlt den Staaten das Geld, um neuerliche Konjunkturprogramme stemmen zu können. Die Notenbanken können natürlich weiter ungedeckte Schecks ausgeben. Doch sie spielen mit dem Feuer. Viel Vertrauen ist schon verlorengegangen, weil die Währungshüter ihre Politik nach den klammen Staatskassen ausrichten.

Ein weiterer Verlust würde die Glaubwürdigkeit der Notenbanken endgültig untergraben. Die Folge wäre eine echte Geldkrise. Die hätte deutlich mehr Sprengkraft als Lehman. (Andreas Schnauder, 14.9.2018)

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