Schokobrüder Heindl: "Müssen die Mitarbeiter bei Laune halten"

    Interview16. September 2018, 13:42
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    Walter und Andreas Heindl über den Zwölfstundentag, betriebliche Mitbestimmung und die Renaissance des Geleezuckerls

    STANDARD: Das neue Arbeitszeitgesetz sorgt für Aufregung. Brauchen Sie den Zwölfstundentag in Ihrer Schokoladenfabrik?

    Walter Heindl: Wir sind sehr froh über das neue Arbeitszeitgesetz, und ich sage Ihnen auch, warum: Wir sind ein Saisonbetrieb, haben Betriebsvereinbarungen, die wir jedes Jahr erneuern müssen.

    STANDARD: Sie könnten auch unbefristete Vereinbarungen treffen.

    Walter Heindl: Nein, unbefristete Vereinbarungen waren bisher in einem Betrieb ohne Betriebsrat gar nicht möglich. Bei uns gibt es aber keinen Betriebsrat, sondern nur einen Ombudsmann, also einen Betriebssprecher, und daher waren wir gezwungen, mit jedem Mitarbeiter die saisonal anfallenden Überstunden individuell zu vereinbaren, damit wir in der Saison, also in den sieben bis acht Wochen vor Weihnachten, Mehrstunden machen dürfen – ohne dass wir als Unternehmen bestraft werden. Deshalb sind wir froh, dass das jetzt gesetzlich geregelt ist und Rechtssicherheit herrscht.

    foto: regine hendrich
    Schokolade, wohin das Auge blickt: Walter und Andreas Heindl erfüllten sich mit dem Schokomuseum einen Traum. Die Schauräume sind der Fabrik in Wien-Inzersdorf angeschlossen.

    STANDARD: Diese saisonbedingte Mehrarbeit, von der Sie ja wissen, dass sie regelmäßig anfällt, könnten Sie auch in jedem neuen Dienstvertrag festschreiben.

    Walter Heindl: Nein, das ließ die bisherige Gesetzeslage nicht zu. Wir sind ein Lebensmittelbetrieb. Es kommt selten vor, aber doch, dass wir etwa aufgrund einer Maschinenstörung mit einer Charge nicht fertig werden innerhalb eines Neunstundentages. Dann arbeiten wir eine halbe Stunde oder Stunde mehr, sonst müssten wir die verarbeitete Masse wegwerfen. Daran stößt sich niemand. Denn es gibt ja Zeitausgleich, im Sommer haben wir eine Viertagewoche. Unsere langjährigen Mitarbeiter wollen das so, die sind froh, wenn sie im Sommer am Freitag nicht in die Firma kommen müssen und drei freie Tage haben. Die wissen, zwischen Allerheiligen und Weihnachten ist viel zu tun, da wird gern mehr gearbeitet. In vielen Branchen sind solche Regelungen Bestandteil des Kollektivvertrags. Dass man jetzt so tut, als müssten alle dauernd mehr arbeiten, halte ich für Unsinn, auf unser Unternehmen trifft es nicht zu.

    STANDARD: Brauchen Sie jetzt eine Schicht weniger, weil pro Tag länger gearbeitet werden darf?

    Walter Heindl: Wir arbeiten grundsätzlich nur in einer Schicht von sieben bis 16 Uhr, wobei Techniker und Zuckerbäcker früher beginnen. In Spitzenzeiten gibt es überschneidende Schichten bis 20 Uhr. Mütter in Teilzeit haben eigene Arbeitszeiten, damit sich das mit der Schule ausgeht. Aber grundsätzlich wollen wir keine Überstunden, sondern die Aufträge in der Regelzeit mit 38,5 Stunden abarbeiten. Deshalb ist die Debatte überflüssig. Auf Dauer hält kein Mensch 60-Stunden-Wochen aus.

    STANDARD: Sie halten offenbar nichts von betrieblicher Sozialpartnerschaft. Was wäre, wenn die Belegschaft einen Betriebsrat wählte?

    Walter Heindl: Wir hatten die Gewerkschaft mehrmals im Haus, haben auch ein sehr gutes Verhältnis zu ihr, haben sie immer wieder eingeladen. Aber die Mitarbeiter wählen keinen Betriebsrat, sind offensichtlich nicht bereit, der Gewerkschaft beizutreten.

    STANDARD: Das sind aber zwei Paar Schuhe. Den Betriebsrat wählt die Belegschaft, dazu braucht man die Gewerkschaft gar nicht.

    Walter Heindl: Stimmt. Aber worum geht's? Der Mitarbeiter will keinen Beitrag zahlen. Deshalb haben wir bestimmte Gruppen und Mitarbeitersprecher, mit denen wir Vereinbarungen treffen. Aber noch einmal: Die Mitarbeiter lassen sich sowieso zu keiner einzigen Überstunde zwingen. Als Firma müssen Sie sich heutzutage bei den Mitarbeitern bewerben, sie bei Laune halten, damit sie überhaupt bei Ihnen arbeiten. Wer Fachkräfte sucht, bekommt keine.

    STANDARD: Wie bilden Sie aus? Gibt es einen Markt für Schokoladenfachmänner und -frauen?

    Walter Heindl: Wir bilden aus, heuer wieder einen Bonbon-, Konfektmacher und Konditor. Mit Aus- und Weiterbildung versuchen wir, Standards zu setzen. Aber die Mitarbeiter sind heute viel wählerischer. Sagen Sie einmal einem Mitarbeiter in der Produktion: 'Du musst zwölf Stunden arbeiten.' Der sagt: ,Chef, host an Vogl?', und weg ist er, hat morgen einen anderen Job. Wir haben täglich Auswahlverfahren. Die Kandidaten schauen sich das drei Tage an, und dann heißt es: "Hier ist es aber schon ein bisschen laut." Dabei ist es gar nicht laut, aber halt lauter als in einer kleinen Konditorei. Die Kriterien sind einfach andere.

    STANDARD: Wie schaffen Sie jährliches Wachstum? Das Angebot in Supermärkten ist riesig, der Konkurrenzdruck enorm gewachsen.

    Walter Heindl: Mit Innovation, immer neuen Produkten und guter Qualität. Das haben wir von unserem Vater: 'Wir dürfen bei allem sparen, aber niemals bei der Qualität.' Das haben wir auch 2006 bei der Pischinger-Übernahme so gehalten: weniger Zucker, hochwertige Fette, so natürlich wie möglich produzieren. Das Original Wiener Nougat zum Beispiel besteht ausschließlich aus gerösteten Haselnüssen und Kakaobutter, ohne Fremdfett. Am Erfolg unserer Eigenfilialen nur mit Heindl-Produkten sieht auch der Handel, dass die Qualität bei uns stimmt.

    STANDARD: Die Menge an abgesetzten Produkten steigt von Jahr zu Jahr, die verarbeiteten Mengen an Schokolade, Nüssen oder Zucker sind aber nicht im gleichen Ausmaß gestiegen oder, wie im Fall von Alkohol, haben sich auf 4000 Liter fast halbiert. Wie kommt das?

    Andreas Heindl: Stimmt. Vor 30 Jahren, als wir übernommen haben, machte das Unternehmen rund die Hälfte des Umsatzes mit Likörpralinen. Das ist stark zurückgegangen, die Leute wollen fast keine Likörpralinen mehr, dafür mehr Waffeln. Hinzu kommt, dass wir im Sommer gar keine Likörpralinen mehr erzeugen.

    STANDARD: Warum?

    Walter Heindl: Weil es auf die Temperatur ankommt, bei Hitze kristallisiert der Zuckersirup, wird unansehnlich.

    STANDARD: Wenn Alkoholpralinen kein Renner sind, was naschen die Österreicher stattdessen?

    Walter Heindl: Geleepralinen und Fruchtfüllungen sind wieder voll im Trend. Die sind auch noch vegan!

    STANDARD: Wer mag dieses altmodische Zeug? In meiner Kindheit gehörte das zu den mit Abstand grauslichsten Naschereien.

    Andreas Heindl: (lacht) Das Gelee von damals würden Sie auch heute nicht essen. Das ist nicht mehr vergleichbar, die Zusammensetzung völlig anders, die Konsistenz, weniger Zucker, mehr Sirup, der die Frucht besser zur Geltung bringt. Auch die Schokoladenqualität hat sich sehr verbessert.

    foto: regine hendrich
    "Die Ideen gehen uns nicht aus", sagen die Brüder Walter und Andreas Heindl. Aber der Zeitpunkt der Umsetzung müsse der richtige sein.

    STANDARD: Sie haben vor Jahren gesagt, Fairtrade sei kein Thema. Heute prangt auf jeder Packung das Fairtrade-Siegel. Wie kam das?

    Walter Heindl: Wir beziehen unsere Rohstoffe – soweit verfügbar – regional, von österreichischen Lieferanten. Vor der Einführung des Fairtrade-Kakaoprogramms schien uns eine Fairtrade-Partnerschaft nicht sinnvoll, weil mindestens 50 Prozent der Inhaltsstoffe aus fairem Handel stammen mussten. Das hätte bedeutet, den Zucker, der vor den Toren Wiens wächst, durch Rohrzucker zu ersetzen, der tausende Kilometer von Südamerika zu uns transportiert wird. Als das Fairtrade-Kakaoprogramm 2014 in Österreich eingeführt wurde, waren wir der erste Partner im Land, der auf 100 Prozent Fairtrade-Kakao umstellte

    STANDARD: Halten Sie Gütesiegel für überbewertet? Der Konsument hat ja längst den Überblick verloren – will er betrogen werden?

    Walter Heindl: Schauen Sie, wir könnten ein Gütesiegel niemals selbst kontrollieren, die Kakaoproduktion in Kolumbien oder an der Elfenbeinküste für die 400 Tonnen Kakao, die wir für 600 Tonnen Schokolade brauchen, nicht überwachen. Daher sind wir Fairtrade-Partner. Betrogen werden will der Kunde nicht, aber kein Mensch kann alle Siegel selbst prüfen. Entscheidend ist die Herkunft der Rohstoffe so weit wie möglich aus Österreich und die Transparenz. Wir werden jedes Jahr anhand des internationalen Food-Standard überprüft, haben 96 Punkte von 100 möglichen. Das sichert den Kunden Qualität. Die Produkte können zurückverfolgt werden, Lieferanten sind zertifiziert, liefern gleichbleibende Qualität. Das ist das Bestmögliche, das wir den Kunden bieten können.

    STANDARD: Wie kommt ein neues Produkt zustande? Wie inspirieren Sie sich?

    Andreas Heindl: Wir haben von Jänner bis jetzt zwanzig neue Produkte herausgebracht. Wir schütteln uns das quasi aus dem Ärmel, haben Ideen und Texturen für gut 50 neue Produkte in der Schublade. An Einfällen mangelt es nicht, aber ein richtig neues Produkt, ich spreche nicht von Design, hat eine lange Vorlaufzeit. Es muss auf Haltbarkeit getestet werden – auch mit neuen Verfahren. Erst dann kommt der Mantel wie zuletzt beim Marillen- oder Powidltaler.

    STANDARD: Woher kam die Idee?

    Walter Heindl: Auf einem Schokoseminar in Mailand, das ein Maschinenhersteller veranstaltet hat. Ein neues Produkt muss ja zu unseren Maschinen passen, sonst können wir es nicht herstellen.

    STANDARD: Von 10.000 Tonnen Heindl-Erzeugnissen gehen nur fünf bis sieben Prozent in den Export. Die Expansion nach Deutschland war aber ein Flop. Schmeckt den Deutschen Ihre Schoko nicht?

    Andreas Heindl: Der Exportanteil ist eigentlich höher. Denn was Touristen in Heindl-Shops kaufen, ist eigentlich auch Export. In Deutschland hatten wir Pech. Der Master-Franchisenehmer war den Marktanforderungen nicht gewachsen, daher haben wir die Reißleine gezogen. Heuer im Mai haben wir zwei Mitarbeiter für Bayern aufgenommen und sind mit Rewe Süd im Gespräch.

    fotos: regine hendrich
    Wissen, wie sie ihren Heimmarkt Österreich versüßen: die Schokoladenfachmänner und Konditoren Andreas und Walter Heindl.

    STANDARD: Gewerbe und Industrie jammern über Bürokratie und Gewerbeordnung. Wandern Sie nicht aus Wien ab, weil Sie damit doch irgendwie zurechtkommen? Anderswo wäre es sicher billiger ...

    Walter Heindl: Natürlich wären niedrigere Unternehmenssteuern wie in der Slowakei vorteilhaft, aber wir brauchen Qualität, und deshalb produzieren wir hier, sonst würden wir auch unsere Glaubwürdigkeit verlieren.

    STANDARD: Produktion im EU-Binnenmarkt ist doch keine Frage der Glaubwürdigkeit?

    Andreas Heindl: Doch. ,Made in Austria' soll auch in Österreich produziert werden. ,Made in EU' ist letztlich eine Schummelei.

    STANDARD: Ein Geschäftslokal eröffnen gleicht einem Hürdenlauf, Auflagen, Bauordnung, Arbeits- und sonstige Inspektoren machen Händlern das Leben schwer. Die Regierung verspricht Reformen, etwa der Gewerbeordnung.

    Walter Heindl: Die Regierung muss erst einmal liefern, diverse Bau- und andere Vorschriften ausmisten. Es hat ja niemand mehr den Überblick. Wir wissen, wovon wir sprechen, wir machen ja laufend Filialen auf oder bauen welche um. Dabei gehen wir inzwischen pragmatisch vor: Wir fragen nicht mehr oder streiten, wenn wir ein Schild oder an der Fassade etwas ändern. Wir machen es einfach. (Luise Ungerboeck, 16.9.2018)

    Walter Heindl (63) hat bei Hofbauer Konfektmacher, Laborant und Erzeuger von Dauerbackwaren gelernt und den elterlichen Betrieb in Wien-Inzersdorf mit seinem Bruder Andreas Heindl (56), Konditormeister, Bonbon- und Konfektmacher, 1987 übernommen. Pralinenkreationen wie Schoko-Maroni und Sissi-Taler wurden mit Staats- und Exportpreisen ausgezeichnet. Die vier Töchter der Brüder arbeiten ebenfalls im Unternehmen, sie werden in einigen Jahren die Geschäftsführung übernehmen.

    Als Walter und Andreas Heindl die Geschäftsführung von ihrem Vater übernahmen, machte die Walter Heindl GmbH rund 18 Millionen Schilling (1,3 Millionen Euro) Umsatz. Für das Geschäftsjahr 2017/18 meldete der 2006 um United Chocolates (Pischinger) erweiterte Familienbetrieb rund 25 Millionen Euro Umsatz (rund fünf davon entfallen auf Pischinger). Pro Jahr werden in der Fabrik in Wien-Inzersdorf rund 600 Tonnen Schokolade, 210 Tonnen Zucker und 70 Tonnen Haselnüsse und Mandeln verarbeitet.

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