Endlich wieder einen zünftigen Theaterskandal

    Kommentar der anderen14. September 2018, 17:24
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    In Zeiten der Selbstskandalisierung bleibt echter Aufruhr auf dem Theater leider aus. Vor allem deswegen, weil auf der Bühne Appelle statt Menschen zu sehen sind

    Bei der Premiere von Arnolt Bronnens expressionistischer (sic!) Komödie "Exzesse" durch die Junge Bühne im Berliner Lessingtheater am 7. Juni 1925 mussten die Schauspieler wegen Unmutskundgebungen immer wieder pausieren. Das Stück behandelte die beschädigte Angestelltenschicht in einem zwielichtigen Finanzunternehmen (heutzutage dürfte es z. B. die Deutsche Bank sein), die sich in der freien Zeit im Sexuellen abreagiert.

    Das Publikum macht ...

    Einer der aufreizenden Höhepunkte war die Sodomieszene der Protagonistin mit einem Ziegenbock. Im Publikum hatten sich Prominente wie Egon Erwin Kisch oder Ernst Rowohlt versammelt. Das Ende ging im Tumult unter, Trillerpfeifen schrillten, der Dramaturg Oskar Kanehl, der im Protest auf seinen Sitz gestiegen war, erhielt vom Leiter der Jungen Bühne eine Ohrfeige, was rundum im Saal rege Nachahmung fand, die verdatterten Schauspieler, dreißigmal vor den Vorhang gerufen, wurden gleichzeitig bejubelt und niedergebrüllt. Die Polizei suchte zurückhaltend Ruhe herzustellen.

    Der Protest kam von links. Ein Jahr zuvor, nach vergleichbaren Protesten rechter Kreise bei Ernst Tollers "Hinkemann", wobei ein Zuschauer zu Tode durch Herzschlag kam, entschied das Oberlandesgericht Dresden, der Theaterbesucher dürfe vor Ort dem Angriff auf seine Sittlichkeit, Religiosität oder das Vaterlandsgefühl auf dem Wege der Notwehr begegnen.

    Das waren Zeiten. Wie oft lösen Theateraufführungen derartige Empathie aus? Bronnens "Exzesse" sind längst im Abgrund bzw. in den Archiven der Literaturgeschichte verschwunden.

    Berlins Lieblingspersonalie der Jahre 2017/18 hieß Chris Dercon, Museumskurator in London und anschließend Winterintendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, von Politikern berufen, um das Traditionshaus zu neuen intermedialen Ufern zu leiten. Seine erste Theatersaison lief nur rudimentär an, was nicht weiter verwundert, wenn man einem Archäologen ein Skalpell in die Hand drückt und ihn am offenen Herzen operieren lässt.

    ... sich mitschuldig

    Eine befreundete Regisseurin nahm mich mit zu einer Vorstellung der "Liberté", womit der Filmemacher Albert Serra intermedial sein Bühnendebüt gab. Beim Betreten des Saales glaubten wir uns im Rokokobild eines Waldes im Stile eines Antoine Watteau; im Halbdunkel der Lichtung auf der Bühne waren geschlossene Sänften zu erkennen, in denen gelegentlich unklare Gestalten kopulierten. Zwei zeitgemäß auftoupierte Frauengestalten nahmen auf einer Bodenwelle Platz und spulten Absätze ab, die sich weder nach Monolog noch nach Dialog anhörten, einfach Text pur, von Serra selbst geschrieben.

    Weniger Theater war nie. Nach einer Dreiviertelstunde vergeblichen Wartens, worauf auch immer, verließen wir mit noch ein paar Leidensgenossen den Saal. Wir beide setzten uns in die Theaterkantine, wo sich an einem runden Tisch unterm Monitorbildschirm der Bühne kostümierte Techniker lustlos für den nächsten Einsatz bereithielten. Das Bestechendste an der Veranstaltung war, wie die schweigende Mehrheit zweieinhalb schummerige, unverständliche Stunden Sitzfleisch bewies, um zum Abschluss gesittet zu applaudieren.

    Wie viele von ihnen jenseits der zwanzig haben im Theater das Rilke'sche "Du musst dein Leben ändern" erlebt? Der Bürger hat seinen Sitz für die Vorstellungsdauer gemietet, und mit jeder Minute, die er ausharrt, wird der durchschnittliche Minutenpreis davon günstiger. Auf seine Weise zeigt er, dass ihm das Theater ähnlich wurscht ist wie den Politikern.

    Er ist ja nicht umsonst gestählt worden. Bei Castorfs zuletzt auf der Volksbühne in einem kolonial-algerischen Bordell spielenden "Faust" hat er auch ohne Kompressionsstrümpfe sieben Stunden durchgehalten und sich die meiste Zeit verwackelte Videoaufnahmen von der Hinterbühne angeschaut.

    Sternstunden

    Das postdramatische Theater, das Dokumentartheater, sie alle haben ihre Sternstunden oder -minuten erlebt. Als gemeinsamer Nenner drängt genreübergreifend das Lehrstück in den Vordergrund. Dessen Beitrag im 21. Jahrhundert wird die Erziehung der Zuschauer zur Passivität sein.

    Dramaturgisch nicht selten unfreiwilligem Kabarett ohne Witz nahekommend, will es aus uns gute Menschen machen, solche wie die Theatermacher es schon sind. Das Publikum absolviert seine explizitesten Passagen wie eine Sonntagspredigt, um über die Woche umso unbeschwerter weiter sündigen zu können; schließlich sind auch die meisten Christen nicht wirklich gläubig.

    Handelt die Inszenierung in oder von Amerika, darf gerne mal Trump hinter der Ecke lugen, Wagner wiederum lässt sich mit Hakenkreuzbinden ausstaffieren, die Bösen bekommen Nadelstreifen angezogen. Abhilfe schaffen könnte eine Abstimmung mit den Füßen – aber wie tun, wenn man ein Abonnement hat?

    Den Dramaturgen und Regisseuren in den Theaterleitungen geht es um Relevanz, letztlich also um die eigene Alpha-Stellung im Stimmen- und Bilderrauschen des öffentlichen Raums. "Schaut, hier bin ich, beachtet mich, und zwar sofort, tagesaktuell", rufen sie mit ihren Inszenierungen, "ich habe auch studiert und ein Statement abzugeben zum Zustand der Welt, die ich zum großen Teil auch nur aus Fernsehen und Zeitung und von Facebook her kenne, und aus dem Biotop Theater."

    Von den Schauspielern hingegen, den ausführenden Kräften, die der Zuschauer abends als überlebensgroße Gestalten auf der Bühne erlebt, wollen die allermeisten einfach nur spielen, sie wollen Karl und Franz Moor sein, und Winnie aus Becketts "Glückliche Tage ... " denn sie haben und sind das kostbarste Material schlechthin, jenes, aus dem eben Menschen gemacht werden.

    Durch Winke mit dem ...

    Knapp 15 Prozent der Normübertretungen schaffen es laut Medienwissenschaftern bis zu einem Skandal. Die intendierte Selbstskandalisierung muss gekonnt orchestriert und die Einfalt der Respondenten in die Planung mit einbezogen sein. Sie ist nämlich ein Kommunikationsprozess. Eine bedeutsame Ingredienz der öffentlichen Aufregungswelle ist, dass die Empörten mit dem Auslöser ihrer Empörung nicht in direkten Kontakt gekommen sind. Der Selbstskandal stellt sich bereits im Entwurf neben seine Aktion. Sein zweites Erkennungsmerkmal besteht darin, dass er auch die eigentlich erwünschte Haltung des Adressaten mitliefert, so etwa Schlingensief mit seiner "Ausländer raus"-Aktion im Jahre 2000 vor der Wiener Oper, bei der Asylbewerber nach Art der "Big Brother"-Show vom Publikum aus dem Container herausgewählt wurden. Am Ende kommt politischer Aktivismus heraus.

    In der sich hinaufschraubenden Spirale der Gewalt müssen immer stärkere Reize gesetzt werden. 2016 etwa hat der Kroate Oliver Frljic mit seiner Inszenierung "Unsere Gewalt und eure Gewalt" die gängigen Muster – vom kolonialistischen Monster Europa – derartig erfüllt und übererfüllt, dass es doch für die Mehrzahl deutschsprachiger Kritiker zu einer Art Parodie geriet. Im Mai 2018 ist nun die Produktion im gottlosen Tschechien beim Brünner Theaterfestival vor knapp zweihundert Zuschauern gezeigt worden und generierte ein Paradeexempel in Sachen Kulturrelativismus.

    Jesus, an Ölkanistern gekreuzigt, steigt herunter und vergewaltigt eine Muslimin. Diese hat sich die tschechische Fahne (bei den Wiener Festwochen die österreichische) aus der Vagina gezogen. Nun haben die Tschechen meines Wissens keine Kolonien gehabt, ausgenommen das Wiener Favoritenviertel. Um nichts in Unklarheit zu belassen, wurde aus den Lautsprechern das Publikum zum Sturz seiner faschistischen Regierung aufgerufen.

    Ein wirklicher Skandal hat Substanz, so wie jener bei der Pariser Premiere von Strawinskys/Nijinskys "Sacre du Printemps". Den Österreichern bleibt als ein letzter schöner und ergiebiger Theaterskandal Thomas Bernhards "Heldenplatz"-Premiere, deren Jubiläum sie heuer zum 30. Mal begehen. An Peymanns Burgtheater-Ära erinnern sich die Wiener heute noch tränenden Auges.

    ... Zaunpfahl erschlagen

    Bernhard hatte eine Art Geisterstück geschrieben, dessen Held in absentia, Professor Josef Schuster, sich kürzlich suizidiert hat. "Redet man mit einem Menschen / stellt sich heraus, er ist ein Idiot / in jedem Wiener steckt ein Massenmörder / aber man darf sich die Laune nicht verderben lassen", sagt sein Bruder Robert am Tage der Bestattung und bezeichnet Österreich als eine Bühne, "auf der alles verlottert und vermodert und verkommen ist / eine in sich selber verhasste Statisterie /... sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige ...", womit er sich auf den Anschluss Österreichs und den Bevölkerungsstand 1938 bezieht.

    "Österreich, 6,5 Millionen Debile", titelte Wochen vor der Premiere die "Kronen Zeitung" in einer Artikelserie, in der sie nach der auch in der Qualitätspresse beliebten Methode die Äußerungen der Akteure mit den Ansichten des Autors im Hier und Jetzt identifizierte, überdies bewusst verkennend, dass man 1988 (Österreich hatte 7,7, Millionen Einwohner) mit 1,2 Millionen Nichtbetroffenen einen deutlich besseren Schnitt gemacht hätte.

    Bundespräsident Kurt Waldheim, der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, Altkanzler Bruno Kreisky, Weihbischof Kurt Krenn, Kommentatoren und Leserbriefschreiber verlangten die Absetzung der Inszenierung.

    Ein Skandal basiert auf der Erschütterung unseres Vertrauens in die gegebene Ordnung der Dinge. Zeigt man auf der Bühne Menschen statt Appelle, wird es schon genug Erschütterung geben, keine Angst; was in und mit ihnen passiert, ist aufwühlend genug.

    Das Stück des österreichischsten aller Dramatiker, der die großartigsten Grantler auf die Bretter gestellt hat, wurde 120-mal gegeben. (Petr Manteuffel, 14.9.2018)

    Petr Manteuffel ist künstlerischer Leiter des stadTheater in Kassel.

    • Das waren noch Zeiten: Der Herr Professor Robert ließ in Thomas Bernhards "Heldenplatz" Schimpfkanonaden auf Österreich los, und die Betriebstemperatur der Republik stieg in den roten Bereich.
      foto: r. jäger / apa-archiv / picturedesk.com

      Das waren noch Zeiten: Der Herr Professor Robert ließ in Thomas Bernhards "Heldenplatz" Schimpfkanonaden auf Österreich los, und die Betriebstemperatur der Republik stieg in den roten Bereich.

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