Steirischer Herbst: Die klassische Jahreszeit für Bilderstürme und Entrüstung

    14. September 2018, 15:28
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    Kommende Woche öffnet der Steirische Herbst seine Pforten: Mit neuer Intendantin und mit neuem Anspruch auf Verbindlichkeit

    Zum Wesen von Avantgarde-Festivals gehört der Anspruch, sich mit den Verhältnissen so, wie man sie antrifft, nicht einfach abzufinden. Für die 51. Ausgabe des Steirischen Herbstes blicken die Verantwortlichen weit zurück. Vielleicht um dadurch umso vorausschauender agieren zu können. Das Interesse gilt den unruhigen 1930ern. Jener Dekade, in der sich die Linksparteien, sonst notorisch untereinander zerstritten, zur Abwehr der faschistischen Gefahr auf Zeit zusammenschlossen, insbesondere in Frankreich (Front populaire).

    Für ihre Debütsaison als Herbst-Intendantin hat die Russin Ekaterina Degot das eindeutig links konnotierte Wort Volksfront ein weiteres Mal durch die Bedeutungsmühle gedreht. In den klobigen Plural versetzt, ziert es als Headline "Volksfronten" ein reichhaltiges Angebot an Ausstellungen, Installationen und Performances. Tatsächlich wird klar, warum ausgerechnet die Konzepttotalitaristen von Laibach mit The Sound of Music den Herbst eröffnen. Während Künstler aus aller Welt in Graz gastieren, um im Schatten des Uhrturms ihre partikularen Interessen und Anliegen zu artikulieren, wird das Fehlen gemeinsamer Erzählmuster spürbar. Degot strebt die Neubildung von Fronten an. Zusammenschlüsse dürfen ruhig fragil sein und von beschränkter Haltbarkeit. Ihre Verbindlichkeit erweist sich durch den kuratorischen Witz der Programmierer.

    Als der Herbst 1968 erstmals das Licht der Steiermark erblickte, waren seiner Gründung bereits heftige Auseinandersetzungen vorausgegangen. Die Ausstellung trigon 67, im Grunde ein Update damals kurrenter Positionen in der modernen Kunst, provozierte Einsprüche. Wie eine misstönende Leierkastenmelodie sollte fortan der Lärm eines sich gesund dünkenden Volksempfindens zahlreiche Herbst-Aktivitäten begleiten.

    Plakate mit provokanten Sujets wurden beschmiert. Die Uraufführung von Wolfgang Bauers Gespenster löste 1975, angeblich wegen sittenverderbender Wirkung, eine publizistische Abwehrschlacht aus. Vor dem Schauplatz einer Hermann-Nitsch-Ausstellung wurde 1981 dampfender Mist abgeladen. Eine Soundinstallation Bill Fontanas, die das Grazer Becken mit zoologischen Geräuschen beschallte, wurde 1988 zum Stein des Anstoßes für gestandene Boulevardpolemiker.

    Immer wieder lautete das Gesetz der Jahreszeit: "Épater le bourgeois". Dabei blieb häufig genug im Unklaren, ob die Provokation nicht einfach ein Produkt notwendiger Entwicklungshilfe war: zu verstehen als Modernisierungsangebot, von der Mehrheitsbevölkerung gelegentlich entrüstet in den Wind geschlagen.

    Update alter Gesinnungen

    Eine Institution wie der Herbst stand daher bis weit in die 1980er-Jahre als Serviceeinrichtung zur Verfügung. Seine Dienstleistung bestand in der nachholenden Modernisierung. Eben weil die Kunst nach alter Radikalen Weise in die Wirklichkeit (ein bisschen) eingriff, musste sie sich in Graz mit Vorwürfen herumschlagen.

    Festivalkünstler erinnerten an die NS-Vergangenheit der Mur-Stadt. Sie ernteten häufig genug Reaktionen, die einem geringfügig gemilderten Update alter Gesinnungen aufs Haar glichen. Erst als sich die Moderne historisch zu überleben begann, erhob die Postmoderne das Spiel mit Bedeutungen zur neuen Maxime. Die steigende Akzeptanz auch radikaler ästhetischer Vorschläge wurde mit einem Verlust an Verbindlichkeit erkauft.

    Als Horst Gerhard Haberl 1990 den ingeniösen Modernisten Peter Vujica als Intendant ablöste, trat das Festival in eine Phase der Abkühlung ein. Dabei glich die Proklamation einer neuen, "nomadischen" Periode einem Akt der Prophetie. Die Einsicht in die umfassende Mobilisierbarkeit von Populationen, zugleich von horrenden Datenmengen, zersprengte die alte Dialektik, die für den Steirischen Herbst vordem ausschlaggebend war: die von Fortschritt und Beharrung.

    Graz und sein Festival waren in der Normalität angekommen. Der Karneval war vorbei. Und so wird man die Fruchtbarkeit späterer Herbst-Phasen keinesfalls geringschätzen wollen, wenn man inständig hofft, Ekaterina Degot und ihr Team würden wieder aufs Ganze gehen. Mit "Essayperformances" für und mit "Römischem Gruß". Mit Auftritten einer "Intelligenzpartei" aus Norwegen oder mit einem Kafka for Kids-Projekt. Volksfront-Besuche? Sind anzuraten. (Ronald Pohl, 14.9.2018)

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