Herwig Weiser: Bitte Licht schießen!

    19. September 2018, 14:08
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    In der Innsbrucker Galerie Widauer führt der Künstler einmal mehr das Potenzial seiner Arbeiten für Wandlungen vor

    Ein tiefes Grummeln aus den Eingeweiden der Maschine, dann Stille – und peng! Mit einem Knall schießen Flüssigkeiten aus zwei einander gegenüberliegenden Düsen in eine transparente Plexiglaskammer, um dort zu einem amorphen Gebilde zu verschmelzen. Fertig ist die Kollisionsskulptur? Mitnichten. Sie ist viel eher ein durch Wärmezufuhr veränderlicher Aggregatzustand, ein Prozess des Materialisierens und sich wieder Auflösens.

    Fertig im Sinne eines finalen Zustands oder Antizustands ist bei den an wissenschaftliche Versuchslabore erinnernden und gemeinsam mit Wissenschaftern und Technikern entwickelten Installationen Herwig Weisers eher keine Kategorie. Der Kontext der von ihm verwendeten und auf ihre formalen Möglichkeiten und Eigendynamiken abgeklopften Materialien und Substanzen ist es sehr wohl.

    Rotierende Farbdelirien

    Mit dem Zgodlocator etwa ließ der österreichische Medienkünstler aus granulierter Computerhardware Wüstenlandschaften entstehen. Aus den für die Herstellung von Displays begehrten Quantendots erzeugte er rotierende Farbdelirien. Oder Weiser verwendet, wie jetzt in der Galerie Widauer, ein für die Isolierung von Häusern eingesetztes Industriewachs. In eine komplexe Apparatur eingespeist, bildet es skulpturale Formen: Summoned Disambiguation heißt die Arbeit, was so viel bedeutet wie "aufgeforderte Beseitigung von Mehrdeutigkeit".

    Auch wenn Herwig Weiser Materialien aus ihrer (oftmals industriellen) Funktion herauslöst, also quasi umprogrammiert, bleiben ihnen gewisse Bedeutungsebenen eingeschrieben. Was durchaus erwünscht ist: Wachs zum Beispiel, für die Herstellung der ersten Schallplatten verwendet, lässt sich auch als frühes Speichermedium denken.

    Dass der 1969 in Innsbruck geborene Absolvent der Kölner Medienhochschule gekonnt zwischen Analogem und Digitalem, Technovisionärem mit alten Technologien surft, zeigt sich vor allem auch in seinen Experimentalfilmen: Frühe Super-8-Filme dokumentieren alte Schelmenstücke wie das Abmontieren der olympischen Ringe auf dem Innsbrucker Bergisel, bevorzugt lotet Weiser aber auch das Verhältnis zwischen Mensch und Architektur aus, etwa wenn er eine Figur aus der Tiroler Fasnacht an Staumauern und in Schiffswerften performen lässt.

    Haus der Regierung (2014-2017) ist Weisers in derselben Tradition stehendes Meisterstück: Entstanden ist es im legendären Moskauer Haus an der Uferstraße, einem riesigen konstruktivistischen Gebäudekomplex, zwischen 1928 und 1931 von Boris Iofan für den stalinistischen Staatsapparat samt eigenem Kinosaal, Theater, Tennisplätzen und Gemeinschaftsräumen erbaut und schließlich zum Schreckensort der stalinistischen Säuberungen geworden.

    Lichte Raumverwandler

    Die Geschichte dieses "Haunted House" ist nur der unheimliche Unterton einer ästhetisch an die Filmavantgarde der 1920er- und 1930er-Jahre anknüpfenden räumlichen Vermessung auf 35-mm-Material: Ausgestattet mit speziellen Lampen, wie sie auch für militärische Zwecke benutzt werden und mit denen sich Lichtstrahlen bis zu 500 Meter weit in den Raum "schießen" (Herwig Weiser) lassen, spannen großteils unsichtbare Performer ein Spinnennetz aus Licht in die Architektur. Die verwandelt sich auf diese Weise schon fast zum virtuellen Raum. (Ivona Jelcic, 19.9.2018)

    Bis Oktober 2018, Galerie Johann Widauer, Erlerstraße 13, 6020 Innsbruck

    • Das legendäre Moskauer Haus an der  Uferstraße spielt in  Herwig Weisers meisterlichem Experimentalfilm "Haus der Regierung" die Hauptrolle.
      foto: galerie johann widauer, innsbruck

      Das legendäre Moskauer Haus an der Uferstraße spielt in Herwig Weisers meisterlichem Experimentalfilm "Haus der Regierung" die Hauptrolle.


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