Jugendliche sind Jugendliche sind Jugendliche – außer sie sind muslimisch?

    Userkommentar17. September 2018, 14:45
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    Nicht jedes auffällige Verhalten von Schülern liegt am Islam. Persönliche Anmerkungen zu einer aufgeheizten Debatte und ein Plädoyer für Empathie und Verständnis.

    In diesen Tagen frage ich mich häufig, was mit mir passiert wäre, würde ich gegenwärtig die Schulbank drücken. Also in diesem Klima, in dem Schablonen wichtiger sind als Lebensrealitäten und in dem simplifizierende Erklärungsversuche á la "Der Islam ist schuld" oder "Ihre Kultur ist so" für alle Beobachtungen herhalten müssen.

    Ich erinnere mich noch an die erste Klasse Gymnasium, die "Kennenlernwoche". Ich durfte nicht mit und war richtig traurig. Die Lehrer rieten mir alle dazu, doch mitzukommen, damit ich meine Kollegen kennenlernen könne. "Ich möchte nicht", habe ich gesagt. Und wenn sie dann weitergebohrt haben, habe ich es einfach auf Papa geschoben: "Er will nicht". In der Zeit, in der die Klasse weg war, musste ich in einer anderen Klasse sitzen. Die Schüler waren alle älter als ich. Ich hab' mich so derartig geschämt und erniedrigt gefühlt. Ich hatte das Gefühl, alle in dem Raum wüssten, warum ich nicht mitgefahren bin. Als meine Mitschüler dann aus der Kennenlernwoche zurückkamen, und ich sah, wie gut sie miteinander auskamen und wie sehr das Eis gebrochen war, war ich noch trauriger. Es fühlte sich an, als hätte die ganze Klasse mehrere Insiderwitze gehabt oder Dinge und Erlebnisse, über die man lacht – bloß ich konnte nicht mitlachen.

    Die Scham, nicht teilhaben zu können

    In den darauffolgenden Jahren hat sich das wiederholt. Ich bin erst in der vierten oder fünften Klasse zum ersten Mal bei einer Klassenfahrt mitgefahren. In den ersten Jahren an der AHS war immer klar: Rami fährt wahrscheinlich nicht mit. Jetzt frage ich mich, was wohl los wäre, wäre meine Schulzeit heute. Hätten dann wohl manche Lehrer darauf geschlossen, dass mein Vater mich islamisch indoktriniert hat und ich deshalb nicht mitmöchte? Oder, dass er selbst so streng ist und ich aus irgendwelchen religiösen Gründen nicht mitdurfte? Ja, mein Vater war strenggläubig. Aber das war nie der Grund. Es war schlichtweg die Tatsache, dass wir kein Geld dafür hatten – und ich habe mich dafür geschämt. Ich habe mich geschämt, es meiner Lehrerin zu sagen, und ich habe mich geschämt, dann in einer fremden Klassen zu sitzen. Bei meiner Schwester war das nicht anders. In ihren acht AHS-Jahren ist sie kein einziges Mal mitgefahren. Auch das hatte finanzielle Gründe.

    Mein Vater ist in meinen acht Schuljahren an der AHS auch nur ein einziges Mal in die Schule gekommen. Auch das wäre heute wohl als "Desinteresse" am eigenen Kind gewertet worden. Oder als "ja, in ihrer Kultur ist das so". Tatsache ist, dass mein Vater manchmal bis zu 20 Stunden am Tag gearbeitet hat, um meinen Geschwistern und mir ein gutes Leben zu ermöglichen. Bildung war für ihn immer das Wichtigste. Gesehen habe ich ihn meist nur beim Schlafen.

    Islam und Alarmglocken

    Und überhaupt: Wenn ich mir ansehe, was heute wie interpretiert wird, wie auf Handlungen und Aussagen reagiert wird und wie manche Lehrer bei meinen Fortbildungen argumentieren, dann sage ich ihnen oft, dass ich ihnen als Schüler das Leben vermutlich zur Hölle gemacht hätte – und sie mir auch. Ich war ein guter, aber extrem vorlauter Schüler, der generell ein Problem mit Autoritäten und ein überentwickeltes Gerechtigkeitsempfinden hatte. Das ging so weit, dass ich, wenn Kollegen eine Prüfung an der Tafel hatten und ich das Gefühl hatte, ihre Aufgaben wären unfair oder schwer(er) zu lösen, einen Aufstand machte. Und dennoch war ich zu den Mitschülern, die ich nicht mochte, auch ein Ungustl. Mir wäre jedes Mittel recht gewesen, Lehrer und unliebsame Klassenkollegen zu ärgern. All das hätte man in der heutigen Zeit anders codiert, anderes interpretiert. Bloß mit der Wirklichkeit hätte es nichts zu tun gehabt. Nämlich, dass Jugendliche nun mal Jugendliche sind.

    Grundbedürfnisse wie Anerkennung, Aufmerksamkeit, Gerechtigkeit sind überall gleich. Das Bedürfnis nach Auflehnung, Rebellion ebenso. Der Unterschied ist bloß, wie das zur Schau gestellt wird. Wäre ich zum Beispiel heute in die Schule gekommen und würde wissen, dass sämtliche Alarmglocken läuten, wenn ich irgendwas mache oder sage, das mit dem Islam zu tun hat, verdammt, ich wäre mit Softgun, Kaftan und Fes in die Klasse gekommen und hätte Mitschüler für den Kampf in der Pause rekrutiert! Ich hätte alles getan von dem ich wüsste, dass es provoziert.

    Wir waren jung und brauchten den Lacher

    Dazu eine lustige Anekdote: Eine Lehrerin erzählte mir, dass eine ihrer Schülerinnen einmal meinte, sie würde keine Schularbeiten schreiben, weil der Prophet Mohammed das auch nicht getan habe. Die Lehrerin hat es mit Humor genommen. Sie wusste nämlich, da steckt keine Salafistin dahinter, sondern ein Mädchen, das vielleicht Angst hat, vielleicht zu wenig gelernt hat, eine Jugendliche, die einfach keine Schularbeit schreiben möchte.

    Übrigens: Ich habe auch den Religionsunterricht besucht, ab der fünften Klasse. Und in die Moschee am Freitag bin ich auch gegangen. Manche Lehrer heute hätten für mein auffälliges Verhalten wohl den Verdacht geschöpft, ich wäre dort radikalisiert worden. Fakt ist, der Religionsunterricht war die lustigste Stunde in der ganzen Woche. Wir waren zu dritt und kauften uns zwecks Entertainment vor jeder Stunde Nachos und Haribos "Tropische Früchte" beim Supermarkt in der Taubstummengasse und warteten im Unterricht dann nur darauf, bis der Lehrer wieder etwas Lustiges sagt. Er hatte einen leichten Akzent – und ja, wir waren jung und brauchten den Lacher. Die Kurzpredigt am Freitag in der Moschee hat niemand von uns verstanden. Die sind immer auf Hocharabisch, das versteht kaum ein Jugendlicher. Das ist in etwa so, wie wenn man in der Unterstufe literarische Texte von Friedrich Schiller diskutiert. Und interessiert hat es uns ohnehin nicht. Wir sind eigentlich nur hingegangen, weil wir nach der Predigt miteinander geblödelt haben und weil es Teil unserer Routine war.

    Jugendliche sind ... Jugendliche

    Was ich mit all dem sagen will, liebe Leute und vor allem liebe Lehrer: Ich weiß, es gehen gerade die Wogen hoch. Ich weiß, dass Lehrer-Sein ein Knochenjob ist und dass man froh ist, wenn man eine Erklärung für das Verhalten von Jugendlichen gefunden hat. Ich weiß, dass Jugendliche bitterböse sein können. Aber es ist eure Aufgabe zu versuchen, dahinter zu blicken, zu verstehen, Empathie und Verständnis zu zeigen, auch wenn es nicht immer einfach ist. Es ist nämlich meist viel komplexer als es erscheint. Kaum jemand weiß besser als ihr, wie sich Empathie, ein offenes Ohr, Vertrauen und Geduld auf den Umgang mit Jugendlichen und deren Entwicklung auswirkt. Denkt bitte immer daran: Jugendliche sind Jugendliche, sind Jugendliche. (Rami Ali, 17.9.2018)

    Rami Ali (25) ist Wiener mit ägyptischen Wurzeln. Der Autor ist Politologe, Trainer und Vortragender und vorwiegend in der Konfliktprävention, Jugend- und Erwachsenenfortbildung tätig. Er lehrt und forscht zu Themen rund um Integration, Diversität, interkulturelle Kommunikation, Islam, Extremismus und Prävention sowie zur politischen Lage im Nahen Osten.

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      foto: getty images/dolgachov

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