Prozess im Gehirn entdeckt, der anhaltende Stressreaktionen auslöst

    14. September 2018, 06:00
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    Nach dem Auftreten einer Gefahr wird über das Hirnwasser zeitverzögert derjenige Hirnbereich aktiviert, der auf den Stress reagiert

    Wien – Wiener Forscher haben gemeinsam mit Kollegen aus Ungarn, den USA und Schweden einen neuen, für Langzeitwirkungen von Stress verantwortlichen Prozess im Gehirn identifiziert. Über das Hirnwasser wird mit einer zehnminütigen Verzögerung nach dem Auftreten von Gefahren derjenige Hirnbereich aktiviert, der auf den Stress reagiert und für das weitere Verhalten verantwortlich ist, berichtete die MedUni Wien.

    Bisher waren zwei Hauptstressmechanismen des Hirns bekannt, erklärte Tibor Harkany von der MedUni Wien. "Für die Auslösung beider Mechanismen ist eine im Hypothalamus befindliche Nervenzellengruppe verantwortlich", sagte der Wissenschafter. Der eine Prozess sei ein hormoneller Weg, bei dem letztendlich über den Blutstrom aus der Nebenniere heraus innerhalb von Sekunden nach der Stresseinwirkung Hormone freigesetzt werden. "Der andere Prozess, der Weg über die Nerven, ist noch schneller", meinte Harkany. In seinem Verlauf komme es in Sekundenbruchteilen zu einer das Verhalten entscheidend beeinflussenden direkten Nervenverbindung in Richtung des präfrontalen Cortex.

    Langsame Entfaltung

    Harkany hat nun gemeinsam mit Alan Alpar von der Semmelweis-Universität, Tamas Horvath aus Yale und Tomas Hökfelt vom Karolinska Institut im schwedischen Solna entdeckt, dass dieselben Nervenzellen auch fähig sind, auch auf einem dritten Weg eine Stressreaktion auszulösen, deren Wirkung um einiges später auftritt und dauerhaft ist. Dabei gelangt auch ein für die Entwicklung und Instandhaltung des Nervensystems wichtiges Molekül, der sogenannte ziliare neurotrophe Faktor (CNTF), der im Hirnwasser kreist, zur Stresszentrale.

    Da es um einen sich mit dem Hirnwasser ausbreitenden Mechanismus geht, ist er viel langsamer als der über den Blutstrom ablaufende Prozess. Im Hirnwasser wird der Stoff langsamer verdünnt und kann deshalb seine Wirkung länger andauernd entfalten. Die im Hirnwasser befindlichen Moleküle hingegen bombardieren die Nervenzellen des Stresszentrums, die den präfrontalen Cortex kontinuierlich wach halten. In der Folge kommt es zu einem wacheren Zustand des Nervensystems mit einer höheren Reaktionsfähigkeit.

    Anhaltende Wirkung

    Laut dem ungarischen Erstautor Alpar ist es sehr wahrscheinlich, dass bei starkem Stress alle drei bekannten Mechanismen einsetzen. Bei der Bildung der verzögerten und damit dauerhaften Wirkung spielt dieser dritte, von den Forschern identifizierte Prozesstyp eine bedeutende Rolle. "Welche Bereiche des Gehirns für die Antworten auf von außen kommende Stressreize verantwortlich sind, wissen wir seit dem Gesamtwerk des berühmten Stressforschers ungarischer Herkunft, Janos Selye. Er war es auch, der beschrieben hat, was in einer Stresssituation passiert, wie der Hypothalamus die Hypophyse, und diese wiederum die Nebenniere aktiviert", erklärte Hökfelt.

    Stress sei allerdings ein länger dauernder Prozess. Die Möglichkeit einer aus dem Umfeld kommenden Bedrohung könne also auch länger bestehen, was vom Organismus nicht nur einen sofortigen, sondern einen dauerhaften Aufmerksamkeitszustand abverlange, so die Forscher. Die Ergebnisse könnten neue Perspektiven für das Verständnis der neuronalen Prozesse beim posttraumatischen Stresssyndrom, bei chronischem Stress und bei Burn-out ermöglichen. (APA, red, 13.9.2018)

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