Räumung im Hambacher Forst: "Wo Klimawandel gemacht wird"

    13. September 2018, 14:17
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    Unter den Aktivisten, die in Baumhäusern in Nordrhein-Westfalen Widerstand gegen die Rodung leisten, ist auch ein Österreicher

    Kerpen – Clumsy sitzt in seinem Baumhaus und telefoniert. Unter ihm sind Hundertschaften von Polizisten unterwegs, Wasserwerfer, Panzerfahrzeug, Demonstranten und Journalisten. Es ist später Donnerstagvormittag, die Räumung läuft, und der 30-jährige Steirer, der vor sechseinhalb Jahren im Hambacher Forst sesshaft geworden ist, erzählt dem STANDARD, wie der Morgen bisher verlaufen ist: "Gerade haben sie zwölf katholische und evangelische Priester weggetragen, die uns mit einer Sitzblockade unterstützt haben."

    In seinem Baumhaus fühlt sich Clumsy – so sein "Waldname" – derweil noch sicher. "Die Polizisten sind erst am Waldeingang", erzählt er, "sie haben Monopod weggeräumt, am Tripod sind noch zwei (Plattformen mit drei Beinen beziehungsweise einem Bein, Anm.) und sind noch weit weg von unseren Baumhäusern."

    200 Hektar Wald, der letzte Rest eines einst riesigen Waldgebiets in Nordrhein-Westfalen, sollen für den Energiekonzern RWE gerodet werden. Die Umweltschützer verhindern das seit vielen Jahren. Mit dem Argument der Brandschutzordnung will man "Oaktown", die Siedlung der Umweltschützer, nun räumen. "Bäume für Braunkohle", wie es Clumsy zusammenfasst.

    Hoffnung auf Gerichtsentscheidung

    "Sie sind noch immer dabei, die erste Blockade zu räumen", sagt Clumsy – Zeit, die den Aktivisten Hoffnung macht, denn der Steirer und seine Mitstreiter haben erfahren, dass Unterstützer unten auf der Erde auch gerichtlich gegen die Räumung vorgehen. Man brachte einen Eilantrag ein, um aufschiebende Wirkung zu erreichen. Argumentiert wird damit, dass die Aktivisten seit Jahren im Wald leben und man bisher keinerlei Bedenken wegen Brandschutzbestimmungen gehabt habe. "Außerdem wären wir von heute auf morgen obdachlos", erklärt Clumsy, dessen Deckname im Englischen zwar "tollpatschig" bedeutet, der sich aber tatsächlich sehr geschickt in 16 Metern Höhe bewegt.

    Gefährliche Höhe

    Die Höhe ist aber auch gefährlich, und Clumsy weiß: "Die Polizei hat gar nicht genug Kletterteams, um uns hier so schnell rauszubekommen." Von der lokalen Bevölkerung erfahren die Umweltaktivisten viel Unterstützung. Aber auch bundesweit wird gerade stark mobilisiert, wie er weiß: "Heute Abend wird es in ganz Deutschland Solidaritätsdemos geben, wir hören Hamburg, Berlin, Köln, Marburg, und die Liste wird immer länger." Aber wie kam der Österreicher, der immer mehr als Sprecher für die Gruppe nach außen fungiert, dazu, ganz in den Wald zu ziehen?

    Klimacamp

    "Ich war vor sieben Jahren bei einem Klimacamp, das alljährlich veranstaltet wird, und hab' mir gedacht: Nirgendwo kann man so gut zeigen, wo der Klimawandel gemacht wird." Und wie kamen Familie und Freunde damit klar, dass er sich ganz dem Schutz des Waldes verschrieben hat? "Die fanden das alle super, viele haben mich auch schon hier besucht und verstehen, warum wir uns hier engagieren", sagt Clumsy. Für ihn ist sein bedrohtes Baumhaus wirklich sein Zuhause, sein Hauptwohnsitz geworden. "Ich lebe hier und war während der letzten sechseinhalb Jahre, abgesehen von ein paar Urlauben, immer hier."

    Altmaier verteidigt Räumung des Hambacher Forstes

    Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat die begonnene Räumung des von Braunkohlegegnern besetzten Hambacher Forstes gegen Kritik verteidigt. "Ich finde es nicht in Ordnung, wenn Sie eine unternehmerische Entscheidung, die durch Gerichte bestätigt ist, die durch ein Parlament bestätigt ist, die durch demokratische Entscheidungen bestätigt ist, in dieser Art und Weise denunzieren", antwortete Altmaier am Donnerstag im Bundestag auf eine Frage der Linken-Abgeordneten Sabine Leidig.

    Diese nannte es zynisch, wenn mit dem Argument des Brandschutzes Leute verjagt würden, die sich gegen den "Weltbrand" zur Wehr setzten. Die Menschen im Hambacher Forst setzten sich für Klimagerechtigkeit ein.

    Altmaier verwies darauf, dass sich die damalige rot-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen auf ein Gesamtpaket geeinigt habe, wozu es bereits Gerichtsurteile gebe. In den vergangenen Tagen und Wochen habe es vor Ort Gespräche gegeben, die er interessiert verfolgt sowie sich mit seinem Rat und Auffassungen zur Verfügung gestellt habe, sagte Altmaier.

    Kohle-Kommission

    Der CDU-Politiker gehört der Kohle-Kommission an, die ein Datum für das Aus der letzten Kohlekraftwerke in Deutschland suchen soll. In dem Gremium sind auch Umweltschützer vertreten. "Ich bin überzeugt, dass wir diesen Strukturwandel nur dann sozialverträglich hinbekommen werden, wenn wir den Beschäftigten die Gewissheit geben, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen geben wird", sagte Altmaier dazu.

    "Der Tagebau Hambach ist genehmigt und bisher in allen Instanzen bei gerichtlichen Überprüfungen bestätigt worden", sagte Kommissionsmitglied Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), dem "Handelsblatt" (Freitag). "Deshalb ist es in einem Rechtsstaat nur konsequent, dass RWE dann auch den Tagebau weiterführen kann." Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie und Mitglied der Kohlekommission, kritisierte die Proteste gegen die geplante Rodung: "Der Hambacher Forst steht schon länger nicht mehr nur für friedlichen Protest und eine offene Streitkultur."

    Dagegen sagte Kommissionsmitglied Martin Kaiser, der zugleich Geschäftsführer von Greenpeace ist, die "unverantwortliche Räumung unter vorgeschobenen Gründen" belaste "die bisher vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit in der Kohlekommission massiv". Auch der Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring (DNR) und der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, beide ebenfalls in der Kohlekommission vertreten, bewerteten die Räumung als kontraproduktiv.

    Die Kohlekommission soll bis Ende des Jahres eine Strategie zum Ausstieg aus der Kohleverstromung ausarbeiten und Vorschläge für die Finanzierung und Gestaltung des Strukturwandels in Tagebau-Regionen wie dem Rheinischen Revier vorlegen. (Colette M. Schmidt, Reuters, APA, 13.9.2018)

    • Aktivist Clumsy am Donnerstag vor seinem Baumhaus im bedrohten Hambacher Forst, wo er seit sechseinhalb Jahren lebt.
      foto: oaktown

      Aktivist Clumsy am Donnerstag vor seinem Baumhaus im bedrohten Hambacher Forst, wo er seit sechseinhalb Jahren lebt.

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