Integration ist Frauensache, sagt Ministerin Kneissl

    13. September 2018, 14:38
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    Spracherwerb wird von allen Experten als wichtiges Instrument der Integration gesehen – die zuständige Ministerin kritisiert den Empfang ausländischer Programme

    Wien – Die Zuwanderung hat abgenommen, die Integrationsaufgaben bleiben. Und sie müssen verstärkt bei Frauen ansetzen. Das versuchte Außen- und Integrationsministerin Karin Kneissl (FPÖ) am Donnerstag bei der Präsentation des Integrationsberichts ihres Ressorts klarzumachen. Im Einflussbereich von Frauen liege etwa, wie sich "die kleinen Paschas und Machos aus welchem Kulturkreis auch immer" entwickeln.

    Gleichzeitig hätten es Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer und brauchten Unterstützung. Und sie brauchen auch, davon ist Kneissl überzeugt, den Zwang zur Teilnahme an Integrationsmaßnahmen: "Frauen profitieren von der Verpflichtung zur Kursteilnahme." Denn nur so würden sie mit Themen wie Frauengesundheit oder ihrer eigenen Rolle in der Familie konfrontiert.

    Frauen mit Migrationshintergrund oft isoliert

    Integrationsexpertin Gudrun Biffl unterstrich diese Einschätzung: "Was sehr problematisch ist, ist die Isolation von Frauen."

    Vor allem aber gehe es um den Spracherwerb – Biffl zieht dazu OECD-Zahlen heran: Im OECD-Schnitt hätten 40 Prozent der Schüler, die der zweiten Generation mit Migrationshintergrund angehören, eine andere Alltagssprache als die des Landes, in dem sie leben. In Österreich aber sprechen Schüler der zweiten Generation zu 54 Prozent eine andere Sprache als Deutsch.

    Eine weitere Zahl verdeutlicht, wo die Probleme liegen: 51 Prozent aller Schüler in Wien sprechen im Alltag nicht Deutsch.

    Gescheiterte Sprachförderung

    Katharina Pabel, die Vorsitzende des unabhängigen Expertenrats, der den Integrationsbericht erstellt, unterstreicht die Empfehlung, dass alle Sprachförderung bekommen, die sie brauchen – und spricht sich auch für "spezielle Formen der Sprachförderung" (vulgo: Deutschklassen) aus, wobei die Maßnahmen zeitnah evaluiert werden müssten. Die bisherigen Ansätze zur Sprachförderung hätten jedenfalls nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht.

    Kneissl selbst steht in der politischen Kritik, dass die Sprachförderung allen Bekundungen zum Trotz gekürzt werde – die SPÖ-Abgeordnete Nurten Yilmaz etwa warf ihr per Aussendung vor: "Hier zu kürzen und gleichzeitig 'Integriert euch' zu schreien geht sich nicht aus. Das ist schon eine große Boshaftigkeit." Die Ministerin lässt das nicht auf sich sitzen, sie versichert, dass ihr Ressort ausreichend Mittel für insgesamt 140 Integrationsprojekte habe.

    Fremdsprachige Fernsehsender stören

    Als großes Hindernis für Integration macht die Ministerin den Empfang von fremdsprachigen Fernsehsendern aus: Wenn das Fernsehgerät den ganzen Tag über laufe und die Familien nur Programme in ihrer Muttersprache sehen, schade das dem Spracherwerb.

    Wie groß die Defizite bei der Integration sind, geht aus den Daten der Statistik Austria hervor, die sich in diesem Punkt auf eine Erhebung der GfK stützt. Gefragt wurden 1.100 repräsentativ ausgewählte Zugewanderte – von diesen sagen immer noch 2,9 Prozent, dass sie mit den Zielen und Werten, nach denen die Menschen in Österreich ihr Leben ausrichten, "ganz und gar nicht einverstanden" wären, weitere 11,9 Prozent sind "eher nicht einverstanden". Immerhin ist das eine Verbesserung gegenüber einer Vergleichsumfrage aus dem Jahr 2010; damals waren 4,4 Prozent der Zugewanderten gar nicht und 17,9 Prozent überwiegend nicht mit der österreichischen Wertewelt zufrieden.

    Mehrheit der Zuwanderer teilt heimische Werte

    Andersherum sieht es beruhigender aus: 29,7 Prozent sind sehr mit den österreichischen Werten einverstanden, 55,5 Prozent immerhin "im Großen und Ganzen einverstanden" – wenn es auch sehr deutliche Unterschiede nach Herkunftsland gibt. Eine besondere Ablehnung österreichischer Werte zeigt sich vor allem bei Befragten aus der Türkei.

    Die Statistik Austria stellte gleichzeitig ihr Jahrbuch "Migration & Integration" vor. Diesem ist zu entnehmen, dass derzeit 1.970.000 Menschen in Österreich Migrationshintergrund haben – das entspricht 22,8 Prozent der Gesamtbevölkerung: "Das ist vor allem eine Folge der starken Zuwanderung nach Österreich in den vergangenen fünf Jahren. Allerdings nahm 2017 sowohl die Zahl der Zuzüge aus dem Ausland als auch der Wanderungssaldo mit dem Ausland deutlich ab." Zwar sind zwischen 2013 und 2017 insgesamt 864.864 Personen aus dem Ausland nach Österreich zugezogen. Im gleichen Zeitraum sind aber auch 515.439 Personen aus Österreich ins Ausland aus- oder weitergewandert. Der positive Wanderungssaldo – die Differenz zwischen Zu- und Abwanderung – von 349.425 Personen entsprach somit einer Höhe von rund 40 Prozent der Zuzüge. (Conrad Seidl, 13.9.2018)

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    • Frauen brauchen den Zwang zur Teilnahme an Integrationsmaßnahmen, ist Ministerin Karin Kneissl überzeugt.
      foto: apa/herbert neubauer

      Frauen brauchen den Zwang zur Teilnahme an Integrationsmaßnahmen, ist Ministerin Karin Kneissl überzeugt.

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