Behindertenverbände: Mehr Angebote oder weniger ORF-Gebühr

    12. September 2018, 16:43
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    Ein Bruchteil des ORF-Angebots ist aktuell für blinde, gehörlose oder Menschen mit mentalen Beeinträchtigungen zugänglich. Trotzdem zahlen sie die volle GIS.

    "Wieso sollten Menschen, die im Rollstuhl sitzen, nicht die Wettervorhersage moderieren?" fragte Herbert Pichler, Präsident des Österreichischen Behindertenrates, den versammelten ORF-Publikumsrat. Als einer von drei Vertretern österreichischer Behindertenorganisationen stellte er bei der zweiten Sitzung des Publikumsrates Wünsche und Anregungen an das Gremium des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Neben einer erhöhten Sichtbarkeit von Menschen mit Beeinträchtigung forderten sie unter anderem den Ausbau der auf sie zugeschnittenen Angebote.

    Der ORF sendet 35.040 Stunden pro Jahr. Im Vorjahr wurden 1486 Stunden und damit 4,2 Prozent des gesamten Angebots mit Audiodeskription übertragen, sagte der Präsident des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreich (BSVÖ) Markus Wolf. Er wies darauf hin, dass die Rate bei den deutschen oder britischen öffentlich-rechtlichen Anstalten deutlich höher sei. Die BBC biete ungefähr 20 Prozent ihres Programms mit akustischer Bildbeschreibung an. Trotz des eingeschränkten Angebots, das blinden und sehbehinderten Menschen zur Verfügung steht, müssen sie den vollen Betrag der GIS Gebühr zahlen.

    Mehr Angebot anstatt Gebührensenkung

    Lukas Huber, der Generalsekretär des Österreichischen Gehörlosenbundes (ÖGLB) ergänzte: "Ich bin gehörlos, so wie meine Freundin und unsere zwei Kinder. Trotzdem zahlen wir die Radiogebühr für vier Personen". Huber lobte zwar das ORF-Angebot, täglich die "ZiB1", das Servicemagazin "konkret" und Übertragungen von Nationalratssitzungen in Gebärdensprache zu übersetzen – insgesamt waren es 2017 353 Übertragungsstunden. Er betonte aber, dass beispielsweise keine regionale Information wie "Bundesland Heute" oder Live-Sendungen über Krisen oder Notfälle gedolmetscht werden. Besonders letzteres könne gefährlich sein. Huber nennt das Beispiel eines Atomunfalls – Radioberichte nutzen Gehörlosen in dieser Situation nichts. "Der ORF muss sich dringend überlegen, wie er der Gehörlosen-Community die Informationen zugänglich machen kann", so Huber.

    Neben Dolmetschen in Gebärdensprache bietet der ORF für Gehörlose Untertitel an. Auf ORF 1 werden aktuell rund 70 Prozent untertitelt, auf ORF2 72 Prozent, auf ORF3 etwa 37 Prozent. Auf ORF Sportplus seien ihm noch nie welche untergekommen, sagte Huber. Er forderte, beispielsweise beim Einkauf von im Ausland produzierten Sendungen Untertitel gleich einzufordern. Damit könne man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: neben Gehörlosen würden Untertitel auch Menschen, die versuchen, Deutsch zu lernen, beim Spracherwerb helfen.

    Wolf und Huber betonten, dass es ihnen nicht um eine Senkung der Gebühren, sondern primär um die Ausweitung des Angebots für Menschen mit Beeinträchtigung jeglicher Art ginge. Nur wenn das nicht möglich wäre, solle weniger Geld gezahlt werden. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz kommentierte die Anregung mit einem "solidarisch finanzierten Rundfunk", für den Menschen zahlen, auch wenn sie nicht jedes Angebot nutzen. Bei privaten Medien gäbe es nicht einmal dieses Angebot, sagte Wrabetz. Und verweist auf die neuen Medien – diese würden es in Zukunft vereinfachen zum Beispiel Untertitel anzubieten. Das bestätigt Huber: ein Digitalradio könnte durch Display mit Live-Einspielung des Radiotexts auch für Gehörlose nutzbar werden.

    Kritik an "Licht ins Dunkel"

    Pichler vom Österreichischen Behindertenrat griff die häufig kritisierte Sendung "Licht ins Dunkel" als Beispiel für die Darstellung von Menschen mit Beeinträchtigung im ORF auf. "Blinde Menschen sind keine armen Harscherl, die auf Mitleid angewiesen sind. Sie sind aber auch keine Superheros und sollten nicht so dargestellt werden." Er befürworte die Sendung, aber würde sich eine selbstbewusstere Darstellung von Behinderten wünschen. Diese würden mit 1,7 Millionen schließlich rund ein Viertel der österreichischen Bevölkerung ausmachen. ORF-Generaldirektor Wrabetz dazu: man solle anerkennen, dass die Linie von "Licht in Dunkel" sich sehr stark verändert hat und nun zeige, was mit dem Geld passiere, was die Menschen geschafft hätten. Er wies auf den Balanceakt hin, die durchschnittlich 12 bis 13 Millionen Euro Spenden zu erhalten und gleichzeitig die inhaltlichen Punkte anzusprechen. Auf die Anregung, einen Moderator mit Beeinträchtigung zu zeigen, reagierte Wrabetz nicht. (nz, 12.09.2018)

    • Auch der Name der Spendenaktion sorgt immer wieder für Kritik: "Licht ins Dunkel".
      foto: standard/newald

      Auch der Name der Spendenaktion sorgt immer wieder für Kritik: "Licht ins Dunkel".

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