Sarrazin und Wiesinger

Kolumne12. September 2018, 19:10
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Es gibt unzählige Beispiele gelungener Integration, die erzählt gehören

Thilo Sarrazin, Deutschlands Islamkritiker Nummer eins ("Feindliche Übernahme"), und Susanne Wiesinger, eine Wiener Lehrerin an einer Brennpunktschule ("Kulturkampf im Klassenzimmer"), haben je ein Buch über Muslime in Europa geschrieben. Der Unterschied: Das erste ist feindselig, das zweite ist integrationsorientiert.

Ja, es stimmt, die massenhafte Zuwanderung muslimischer Menschen bedeutet einen Crash der Kulturen und bildet ein Problem für die Aufnahmegesellschaften. Lehrerin Wiesinger hat vermutlich recht mit ihrer Klage, dass die Schulbehörden und auch viele Liberale die konkreten Schwierigkeiten im Schulbereich nicht ernst genug genommen haben und dazu neigen, die negativen Seiten der Migration zu vernachlässigen. Man will als Nichtfremdenfeind denen keine Argumente liefern, die in jedem Moslem einen potenziellen Terroristen sehen und am liebsten alle Fremden aus dem Lande ekeln wollen. Aber dass mitten in Wien Genitalbeschneidung an kleinen Mädchen praktiziert wird und Halbwüchsige zwangsverheiratet werden, ist tatsächlich unerträglich.

Was ist dagegen zu tun? Sicher nicht das, was Kickl und Co propagieren und auch tun: Integrationsmaßnahmen kürzen, jedes muslimische Gemeindeleben als Parallelgesellschaft verdächtigen, verbieten, strafen, hetzen, diskriminieren. Wer sich von der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt fühlt, zieht sich umso mehr auf die eigene Community zurück. Wem ständig bedeutet wird "Du bist niemand, du gehörst nicht zu uns", sucht seine Identität und seinen Stolz umso mehr in der Zugehörigkeit zu den eigenen Leuten.

Ermutigung und Stärkung

Was nottut, weiß auch Susanne Wiesinger: Ermutigung und Stärkung der vielen vernünftigen islamischen Kräfte, nicht nur der säkularen, sondern auch der frommen, Ganztagsschulen, die besten Lehrer – wie in Deutschland – in die Brennpunktschulen, Menschen mit Migrationshintergrund als Vorbildfiguren zur Polizei, in die Gewerkschaften, in die Lehrkörper, in die politischen Vertretungen. Und differenzieren zwischen religiösen Bräuchen und gesellschaftlich unakzeptablem Verhalten. Ehrenmorde sind Straftaten. Aber wenn ein Vater der Lehrerin seiner Kinder nicht die Hand geben will, weil er findet, das gehöre sich nicht, ist das keine Tragödie.

Der Islam gehört zu Österreich und das seit 1912. Was der Monarchie recht war, sollte der Republik billig sein, auch wenn die Umstände inzwischen schwieriger geworden sind. Österreich und speziell Wien haben, trotz der Horrorpropaganda, die die Boulevardzeitungen und die sozialen Medien täglich verbreiten, nach wie vor eine große Integrationskraft. Es gibt unzählige Beispiele gelungener Integration, die erzählt gehören. Und ja, es gibt auch einen Kulturkampf im Klassenzimmer und anderswo. Den soll man führen, ohne Scheuklappen, aber auch ohne Vorurteile. Leute wie Susanne Wiesinger leisten dazu einen wichtigen Beitrag. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 12.9.2018)

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