Islam in der Schule: Vom Übel der Pauschalisierung

    11. September 2018, 18:01
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    Direktoren in Wien sind geteilter Meinung über das Buch einer Lehrerin über Muslime an Schulen

    Wien – Seit mehr als 20 Jahren sei er an sogenannten Brennpunktschulen tätig, sagt Schuldirektor Niki Glattauer, daher wisse er: Die seit dem Erscheinen des Buches "Kulturkampf im Klassenzimmer. Wie der Islam die Schulen verändert" diskutierten Probleme von Lehrerin Susanne Wiesinger seien in der Schule nicht die wichtigsten! In dem Buch ist – DER STANDARD berichtete – die Rede von Gewalt, von geschwächten Kindern während des Ramadans und von Eltern, die ihre Kinder vom Schwimmunterricht fernhalten.

    "Ich glaube, dass die im Buch angeführten Fälle es schon wert sind, unter der Decke hervorgeholt zu werden", so Glattauer weiter, "aber mir missfällt, dass jetzt muslimische Schüler und Eltern und auch Lehrerinnen, die es wagen, mit Kopftuch zu unterrichten, pauschal für alle Probleme, die wir in der Schule haben, verantwortlich gemacht werden." Es käme schon vor, "dass halbwüchsige Deppen" so mit ihren Schwestern reden, dass sie diese einzuschüchtern versuchen, räumt Glattauer ein, "aber mit so einem Kind muss man nur sprechen, und zwei Wochen später redet es schon ganz anders mit seiner Schwester". Gemessen an den Problemen unserer Schulen als Ganzes sei das "das hundertste Problem von hinten links, es wird aufgeblasen".

    Kinder besser fördern

    "Die Probleme, die angesprochen werden, existieren. Es kommt aber drauf an, in welcher Intensität sie auftreten", sagt Andrea Walach. Seit 1999 ist Walach Direktorin der NMS Gassergasse im fünften Wiener Gemeindebezirk. 230 Kinder gehen hier zur Schule – nur sieben davon haben Deutsch als Muttersprache. "Wir haben im Jahr 2016 den Unterricht vollkommen umgestellt, weil sich gezeigt hat, dass wir die Kinder nicht gut fördern konnten", erzählt sie. Seither wird in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch in Kleingruppen mit bis zu 13 Kindern unterrichtet. Damit sei alles besser geworden: Seien davor 20 oder mehr Kinder nach der Schule beim AMS gelandet, seien es jetzt gerade einmal zwei.

    Lieber kleine Gruppen

    Die Kleingruppen hätten auch den Vorteil, dass bedenkliche Äußerungen sofort auffallen würden. "Wir haben auch Kinder an der Schule, die sagen: 'Du bist kein Muslim, stell dich hinten an.' Oder Buben, die Mädchen kritisieren, wenn Haare unterm Kopftuch zu sehen sind", erzählt sie. Gibt es Probleme, wird geredet – mit dem Schüler, mit den Eltern. "Mir fehlt hauptsächlich der Gedanke der Gleichstellung von Mann und Frau", sagt Walach: "Bei uns gibt es Mädchen, die keinerlei Zukunftsperspektive in Richtung Beruf oder selbstverdientes Geld haben. Die sagen: Ich heirate, führe den Haushalt und kümmere mich um die Kinder. Dem versuchen wir entgegenzutreten." Was es brauchte, seien Sozialarbeiter, findet Walach: "Gut wäre, wenn wir kostenlose Workshops anbieten könnten. Dolmetscher würden vielen Eltern helfen."

    Gesellschaftspolitisches Problem

    Differenziert sieht Anneliese Hell, Direktorin der NMS Brüßlgasse, die laufende Debatte. "Meine Schule ist mitten im 16. Bezirk. Da ist das Thema Islam auch eine spannende Frage", sagt sie. An erster Stelle sei es aber ein gesellschaftspolitisches Problem. "Bei uns kann ich zwar bei den Kindern ansetzen, aber man muss ja auch die Eltern erreichen. Es geht ja sehr viel vom Elternhaus aus. Daher würde ich mir auch wünschen, dass viel mehr Meinungsbildung außerhalb der Schule passiert", sagt die Schuldirektorin. Man könne nicht einfach alles auf die Schulen abwälzen.

    Gewaltprobleme gebe es an dieser NMS nicht. "Wir bemühen uns auch sehr, so gibt es viele Projekte, die sich mit dieser Thematik beschäftigen", sagt Hell: "Man muss auch ehrlich sagen: Die Jugendlichen, die tatsächlich abgleiten, die kommen gar nicht mehr in die Schule."

    Hauptproblem: "Schlechtes Image"

    Einmal gab es eine Beschwerde. Es ging um den Turnunterricht. Hier turnen Buben und Mädchen gemeinsam. "Ich habe mich dafür entschieden, dass der Unterricht für Bewegung und Sport an diesem Schulstandort koedukativ stattfindet", hält die Schuldirektorin fest. Davon weiche sie auch nicht ab.

    Was sie grundsätzlich störe? "Ein Hauptproblem ist, dass die NMS ein schlechtes Image hat. Wäre das anders, würde auch die Durchmischung der Kinder anders aussehen und es gebe viele Fragen erst gar nicht", sagt Hell. Könne sie sich etwas wünschen, dann sollten die Ressourcen, die zur Verfügung gestellt werden, flexibler eingesetzt werden können: "Das System ist schon sehr starr." (Peter Mayr, Colette M. Schmidt, 11.9.2018)

    • NMS-Direktoren wünschen sich mehr Unterstützung.
      foto: hendrich

      NMS-Direktoren wünschen sich mehr Unterstützung.

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