Rodeo-Film "The Rider": Der lange Abschied von einem Männertraum

    Video12. September 2018, 11:00
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    US-Filmemacherin Chloé Zhao zeichnet das differenzierte Porträt eines Rodeoreiters, der sich der veränderten Realität stellen muss

    Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Als dem Rodeostar Brady Blackburn dieser Satz über die Lippen kommt, steht er hinter der Supermarktkassa und scannt Waren. Mit dem jedem Western-Fan geläufigen Ausspruch quittiert er die Verwunderung eines Bekannten darüber, dass er nicht auf einem Pferd sitzt. Dass er vor dem Warenregal mit dem Barcodescanner wie mit einem Revolver herumspielt, macht nur noch deutlicher, dass er inmitten einer ihm fremden Arbeitswelt gelandet ist. Nach einem lebensgefährlichen Rodeounfall trägt Brady eine Metallplatte im Schädel. Die Arbeit mit Pferden sollte er aus Gesundheitsgründen zur Gänze aufgeben.

    foto: joshua james richards
    Brady Jandreau spielt in "The Rider" einen an seine eigene Lebensgeschichte angelehnten einstigen Rodeostar. Gedreht wurde im Pine-Ridge-Reservat in South Dakota.

    Chloé Zhaos Film The Rider erzählt von einer erzwungenen Neuorientierung, vom zaghaften Abschied von einem vertrauten Leben. Wie schon ihr vielbeachtetes Spielfilmdebüt Songs My Brother Taught Me (2015) hat die chinesischstämmige US-Filmemacherin auch ihren neuen Film mit nichtprofessionellen Darstellern im Pine-Ridge-Reservat im Südwesten South Dakotas gedreht. Erneut gelingt Zhao eine feine Balance zwischen punktgenauem Sozialrealismus und einer Poetisierung, die an keiner Stelle forciert wirkt.

    The Rider bewegt sich mit großem Gewinn entlang einer durchlässigen Grenze von Fiktion und Dokumentation. Zhao hat ihr Drehbuch den formidablen Darstellern auf den Leib geschrieben. Die Geschichte des Films ist über weite Strecken jene des Hauptdarstellers Brady Jandreau, der nach einem Unfall selbst die Karriere als Rodeoreiter an den Nagel hängen musste und heute als Pferdetrainer arbeitet.

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    Original-Trailer zu "The Rider".

    Immer wieder rückt die Kamera Menschen und Tieren in extremen Nahaufnahmen auf den Leib. Wenn Brady ein wildes Pferd zähmt, dann wird das in der dafür real notwendigen Zeit gezeigt. Die Geduld des Trainers überträgt sich auf den Zuschauer und macht die Annäherung, die konkreten Abläufe fernab von Pferdeflüstererkitsch zum sinnlichen Erlebnis.

    Alltägliche Verrichtungen kon trastieren mit der Weite der Landschaft. Seit Terrence Malicks In der Glut des Südes (1978) waren die menschenleeren Badlands kaum noch in derart betörendem Licht zu sehen. Es geht The Rider allerdings nicht ums Pittoreske als Selbstzweck. Die Schönheit der Natur wird geradezu lakonisch, als selbstverständlicher Teil der Lebenswelt präsentiert.

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    Trailer der Synchronfassung von "The Rider".

    Über die fortwährende Ver dichtung und Entspannung seines Rhythmus macht der Film die innere Zerrissenheit einer Hauptfigur spürbar, die von allen Seiten mit Erwartungen umzingelt wird. Gleichzeitig wird ein differenziertes Bild einer der ärmsten Gegenden der USA gezeichnet.

    Auf einfache Lösungen verzichtet The Rider. Dass sich Brady im Verlauf des Films eingesteht, dass es sich nicht lohnt, seinen Träumen um jeden Preis hinterherzu jagen, heißt nicht, dass er sie notwendigerweise zur Gänze zu Grabe tragen muss. Auch das macht Chloé Zhaos unbedingt sehenswerter Film klar. (Karl Gedlicka, 12.9.2018)

    Ab 14.9. im Kino

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