Wiener Möbelflechter: "Bekomme Aufträge aus halb Europa"

    15. September 2018, 07:00
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    Von Hand gefertigte Objekte sind gefragt wie schon lange nicht mehr. Wir fragten den Robert Roth, warum die Sehnsucht nach Handwerk so prächtig gedeiht

    Dieser Artikel erscheint im Rahmen einer Porträtserie zum Thema "Handwerk".


    "Klar spüre ich das wachsende Interesse an Handwerk. Ich denke, die Menschen wollen vermehrt etwas mit ihren Händen tun. Was machen sie denn heute schon noch manuell? Vielleicht fehlt ihnen einfach etwas. Aber was weiß denn ich! Ich bin Handwerker, kein Philosoph.

    foto: nathan murrell
    Er tauschte das Architekturbüro gegen seine Flechtwerkstatt ein. Robert Roth machte sein Hobby zum Beruf. Nachahmern empfiehlt er vor allem Geduld.

    Ich restauriere Möbel, die mit dem sogenannten Wiener Geflecht bespannt sind. Dabei handelt es sich um ein klassisches Muster aus sechs miteinander verflochtenen Fäden aus Rattan. Diese werden aus Lianen gewonnen. Angeblich ist diese Art des Geflechts vor langer Zeit in Indien entstanden.

    Von dort kam es nach England und wurde für Chippendale-Möbel verwendet. 1850 tauchte es mit Michael Thonet in Wien auf. Er verhalf dem Material zu Weltruf. Das haben die Wiener gefinkelt ausgenützt und das Geflecht einfach für sich beansprucht. Seither heißt diese Technik auf der ganzen Welt Wiener Geflecht.

    foto: nathan murrell

    Zum Flechten bin ich über Umwege gekommen. Ich habe 25 Jahre als Architekt gearbeitet und vor 15 Jahren die Architektenbefugnis gegen das freie Gewerbe Korb- und Möbelflechten eingetauscht. Möbel zu restaurieren war immer schon mein Hobby, und die stetig lästiger werdenden Hürden des Architektendaseins gaben letztendlich den Ausschlag dafür, umzusatteln.

    foto: nathan murrell
    Robert Roth und seine Werkstatt in Wien-Oberlaa. Mittlerweile gibt er auch Flechtkurse, u. a. an der Volkshochschule Wien – die Zahl der Anmeldungen steigt stetig.

    Gelernt hab ich das Flechten im Rahmen eines Kurses im oberösterreichischen Kloster Schlierbach. Ich hatte damals einen ganzen Haufen Thonet-Sessel mit kaputtem Geflecht, die aus dem Gasthaus meines Urgroßvaters stammten. Es gab also genug zu tun.

    Irgendwann hat mir mein Lehrmeister aus Schlierbach seine Kundschaft vermittelt. Zuerst dachte ich mir: ,Geh, bitte, das ist doch nur eine Spielerei', doch dann kam eines zum anderen, so wie die Stränge beim Flechten.

    Apropos: Vom Material Rattan wächst jährlich mehr nach, als geerntet wird. Das interessiert viele Leute. Die ersten 35 Sessel sind in dem Business kein Geschäft. Für keinen. Zu lange müht man sich anfangs ab. Heute benötige ich für ein Möbel zwischen zwei Tagen und zwei Monaten.

    foto: nathan murrell

    Letzteres galt für einen Schaukelstuhl-Prototyp von Thonet. Von dem Modell existieren genau vier Stück. Ein Antiquitätenhändler wollte mir für ihn 25.000 Euro bar auf die Hand geben. Da wusste ich, dass er bei Christie's wahrscheinlich 50.000 bringt. Aber egal, er hat sowieso nicht mir gehört.

    Geduld und Routine

    Die größte Herausforderung bei meiner Tätigkeit sehe ich in den seltenen Objekten, die in meiner Werkstatt in Wien-Oberlaa hereinschneien. Mir fällt da zum Beispiel dieser Sessel ein, der 1862 bei der Weltausstellung in London gezeigt wurde. Die Leute kommen aus halb Europa auf mich zu, erst letzte Woche bekam ich einen Auftrag aus Saint-Tropez.

    Meine Arbeit läuft inzwischen sehr routiniert ab. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass ich beim Flechten manchmal in eine Art meditative Trance falle. Es kommt nur mehr selten vor, dass mir ein Strang abreißt oder bricht. Man muss sich auf das Material einlassen.

    Ob der Job gut bezahlt ist? Nun, ich würde sagen, wenn jemand plant, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und ein Auto zu kaufen, ist der Weg eher ein zäher. Diese Dinge habe ich schon realisiert, bevor ich zum Flechter wurde.

    Mittlerweile halte übrigens ich die Flechtkurse in Schlierbach, von denen ich erzählt habe. An der Volkshochschule Wien bin ich ebenfalls tätig. Zu mir kommen 80-jährige Pensionisten ebenso wie Studenten – Schülerzahl stetig steigend. Man muss es ja nicht gleich zum Beruf machen." (Michael Hausenblas, RONDO, 15.9.2018)

    foto: nathan murrell

    Robert Roth war früher als Architekt tätig. Seit 15 Jahren ist er konzessionierter Korb- und Sesselflechter und arbeitet für Kunden aus halb Europa in seiner Werkstatt in Wien-Oberlaa.

    www.sesselflechten.at

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