Ronald Pohls Mittel-Alter: Ich trank die Milch aus Beuteln

    Kolumne12. September 2018, 07:00
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    Erinnerungen eines glücklichen Babyboomers

    In den ersten Jahren der Reformära Bruno Kreiskys wurden praktisch alle Bereiche des Lebens mit Demokratie geflutet. Ich, ein glücklicher Babyboomer, erfuhr an der Hand meiner Mutter, wie die beredtesten Proben einer neuen Aufbruchsstimmung unsere Gemüter ergötzten. Der Händler unseres Vertrauens schob die Milch aus zufriedenen Eutern plötzlich in fortschrittlichen Plastikbeuteln über den Ladentisch.

    Meine Mutter frohlockte, da sie sich nunmehr der Mühsal enthoben sah, Glasflaschen in unser Wiederaufbauheim schleppen zu müssen. Die fortschrittliche Gesinnung unseres Milchhändlers – Herr P. lächelte, als hätte er das köstliche Nass eigenhändig ermolken und abgefüllt, vielleicht sogar im Keller der Filiale – darf füglich bezweifelt werden. Den Liptauer pflegte er im Namen einer niederösterreichischen Monopolfirma gewissenhaft, sozusagen im Schatten seiner sonstigen Verrichtungen, unter Zuhilfenahme von sehr viel Paprikapulver anzurühren. Zweierlei verbürgte eine gewisse Röte weit jenseits jeder Sozialdemokratie: seine angeborene Schüchternheit – sowie einen hartnäckigen Ausschlag im Gesicht.

    Schmierkäse bei Karl Kraus

    Meine sentimentale Nähe zu heimischen Schmierkäseproduzenten nahm viele Jahre später unwiderruflich Schaden, als ich Karl Kraus' Marstheaterstück Die letzten Tage der Menschheit zum ersten Mal las. Einer berühmten Szene entnahm ich, dass Wiener Viktualienhändler, durch einen gerade tobenden Weltkrieg bis aufs Blut gereizt, ihren besten Kunden empfahlen, Ausscheidungen – und noch dazu die eigenen, menschlichen – zu sich zu nehmen, wenn ihnen schon der von des Händlers Hand hingestreckte Käse nicht munden mochte.

    Ich denke, die Milchdistribution hat seit Herrn P.s Tagen den Weg der Versachlichung eingeschlagen. Der Schmierkäse parkt in Schachteln, in die ihn knorrige Bauern der Auvergne gesteckt haben. Bioschweinderln treten als Liebeswerber für tölpelhafte Landwirte auf. Ein Käseagent namens "Schärdinand" ist in die Holzschuhe meines emeritierten Herrn P. geschlüpft. Kreisky ist tot. Und die Milch meines Biobauern stockt, kaum dass man nicht pfleglich mit ihr umgeht. Sie steckt in einer Glasflasche mit extra dicken Wänden. (Ronald Pohl, 11.9.2018)

    • "Meine Mutter frohlockte, da sie sich nunmehr der Mühsal enthoben sah, Glasflaschen in unser Wiederaufbauheim schleppen zu müssen."
      istock/chris elwell

      "Meine Mutter frohlockte, da sie sich nunmehr der Mühsal enthoben sah, Glasflaschen in unser Wiederaufbauheim schleppen zu müssen."

    • Kolumnist Ronald Pohl.
      foto: lukas friesenbichler

      Kolumnist Ronald Pohl.

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