Whatsapp-Lynchmord machte indisches Dorf zur Geisterstadt

    10. September 2018, 13:13
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    Bewohner erschlugen Nomaden, weil sie aufgrund von Angstbotschaften dachten, es wären Kindesentführer – Behörden ergreifen Gegenmaßnahmen

    Facebook, das weltgrößte soziale Netzwerk, steht schon länger in der Kritik, als Plattform für Falschmeldungen gedient zu haben. Die "Fake News" könnten maßgeblichen Einfluss auf Wahlen, insbesondere jene zur US-Präsidentschaft 2016, gehabt haben. Es ist aber nicht nur Facebook, das in dieser Hinsicht in der Kritik steht. Auch gegen Whatsapp, den weltweit beliebteste Messenger, der seit 2014 zu Facebook gehört, werden entsprechende Anschuldigungen erhoben.

    Insbesondere in Indien, wo der Dienst mehr als 200 Millionen User hat, ist dies zu einem bedeutenden Thema geworden. Immer wieder kursieren Meldungen über Fremde, die Kinder entführen und Organhandel betreiben wollten. Seit Mai gab es zumindest 16 gewalttätige Zusammenrottungen mit 29 Todesfällen, die von den Ermittlungsbehörden auf per Whatsapp verbreitete Angstmeldungen zurückgeführt werden.

    Bewohner erschlugen Unschuldige

    Ein besonders blutiger Fall hat sich im Juli im Dorf Rainpada ereignet, berichtet Buzzfeed in einer Reportage. In dem etwa 320 Kilometer nordöstlich von Mumbai gelegenen Ort wurden im Gemeindehaus fünf Menschen von einem Mob erschlagen.

    Die Dorfbewohner hatten aufgrund der kursierenden Whatsapp-Nachricht gedacht, bei den für den wöchentlichen Markt angereisten Nomaden würde sich um Kindesentführer handeln. Einer von ihnen soll einem Mädchen eine Süßigkeit geschenkt und damit schnell den Verdacht auf sich gezogen haben. Monatelang hätten die 28 Beschuldigten regelmäßig angsteinflößende Meldungen bekommen und hatten in dem Glauben gehandelt, ihre Kinder zu beschützen.

    Zwischen Verschlüsselung und Verantwortlichkeit

    Ähnliche Fälle hatten zuvor schon dazu geführt, dass Whatsapp ankündigte, Maßnahmen zu setzen. Die Behörden hatten auf Hilfsmittel gehofft, um den Verfassern der Angstbotschaften auf die Schliche zu kommen. Damit wollen die Betreiber aber nicht dienen. Sie schränkten die Weiterleitungs-Funktion ein und schalteten ganzseitige Anzeigen in mehr als 30 Nachrichten, die Tipps zur Identifizierung von Falschnachrichten enthielten. Mittlerweile läuft auch eine Radiokampagne. Nachrichten nachverfolgbar zu machen, hätte es notwendig gemacht, die Verschlüsselung des Messengers zu untergraben.

    Wie auch andere Plattformen befindet sich Whatsapp in einer zwiespältigen Situation. Man macht sich für freien und geschützten Meinungsaustausch stark, will aber keinerlei Verantwortung für die Inhalte übernehmen, die von Nutzern verbreitet werden. Gleichzeitig werden aber auch die Reichweite dieser Dienste gleichzeitig Fluch und Segen.

    Das Problem mit Lynchmobs existierte in Indien schon bevor Whatsapp dort Fuß fasste. Alleine zwischen den Jahren 2000 und 2012 kam mehr als 2.000 Mal zu Ausschreitungen dieser Art. Wenige zweifeln aber daran, dass die App das Problem verschlimmert hat. Langfristig muss das Unternehmen dafür eine Lösung finden, wenn es das Vertrauen seiner Nutzer behalten will.

    Geisterstadt

    Für das Dorf Rainpada ist es jedenfalls zu spät, es gleicht einer Geisterstadt. Viele Einwohner sind aus Angst vor Polizeimaßnahmen geflohenen. Ein örtlicher Bauer musste Arbeiter aus umliegenden Städten anheuern, um seine Felder bewirtschaften zu können.

    Die Situation war schon vorher prekär. Das Monatseinkommen der Einwohner liegt deutlich unter dem nationalen Schnitt. Die Alphabetisierungsrate ist mit 63 Prozent ebenfalls niedrig. Viele junge Menschen zieht es in die nächstgrößere Stadt, Surat, wo sie sich als Tagwerker verdingen. Einer der wenigen Luxusgegenstände, die fast jeder haben will, ist ein Smartphone. Ein erbitterter Wettstreit unter den Telekomfirmen hat Telefonie und mobiles Internet mittlerweile leistbar gemacht.

    Keine Nachrichten außer Whatsapp

    Oft verbreiten sich die Angstbotschaften innerhalb dieser Gruppen. Sie landen zuerst bei jenen, die ihr Heimatdorf verlassen haben. Und diese schicken sie weiter an die, die noch daheim weilen. Dort, so berichtet ein Fortgezogener, sehen die Menschen kein Fernsehen und lesen keine Zeitung. Ihr Draht zur Welt besteht hauptsächlich aus Whatsapp.

    Und das ist ein Teil des Problems, sagt ein Forscher. Denn sie vertrauen natürlich den weitergeleiteten Nachrichten von ihren Freunden und Bekannten. Von den 28 Verdächtigen sind 26 zwischen 20 und 25 Jahre alt.

    In einer dieser Nachrichten werden am Boden aufgereihte Kinderleichen gezeigt, die von der tamilischen Polizei in einem Container entdeckt worden sein sollen. Eine Stimme warnt auf Hindi vor Fremden, die Kinder stehlen, töten und ihre Organe verkaufen. Wer das Video zuerst verbreitet hat, ist unklar. Die Bilder jedenfalls stammen nicht aus Indien, sondern wurden infolge eines Chemiewaffen-Angriffes in Syrien aufgenommen.

    foto: afp
    Whatsapp selbst informiert in ganzseitigen Zeitungsinseraten über Fake News.

    Aufklärungsnachrichten, Plakate, Theaterstücke

    Ein indischer IT-Unternehmer sieht ein Problem darin, dass Whatsapp nach US-Bedürfnissen entworfen wurde und darauf ausgelegt ist, dass Inhalte möglichst leicht geteilt werden können. Ein Prinzip, das in Märkten, in dem Menschen über ein geringeres Bildungsniveau verfügen und weniger Erfahrung mit dem Internet haben, Risiken birgt.

    Die Behörden versuchen nun, dagegen zu halten. Sie lassen Nachrichten über lokale Medien schalten, verteilen Informationsblätter, informieren auf Plakaten. Und sie versuchen, die Bürger auf Whatsapp zu erreichen. Nach einem pyramidenartigen System werden Aufklärungen zu neuen Falschnachrichten weiter gereicht. Zudem reist eine Studentengruppe durch den Bezirk Dhule und macht – unter Polizeischutz – mit einem kurzen Theaterstück auf das Problem aufmerksam.

    Am Ende der Aufführung rufen sie das Publikum auf, gemeinsam einen Eid zu leisten: "Ich verspreche, keine Falschnachrichten zu verbreiten, die die soziale Ordnung gefährden. Ich verspreche, ein verantwortungsvoller Bürger zu sein." (red, 10.09.2018)

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