"Almost There" auf Arte: Dreiviertellebenskrisen

10. September 2018, 12:00
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Drei Männer wollen im Alter nochmal etwas erleben: Mit einem Wohnmobil, als Dragqueen und als Vorleser

Jedem Lebensabschnitt seine Existenzkrise: die Quarterlife-Crisis nach dem Erwachsenwerden, die bekannte Midlife-Crisis Mitte 40, und im Lebensherbst fallen manche noch mal in ein tiefes Loch.

Der Dokumentarfilm "Almost there" (Montag, 0.40 auf Arte) von Jacqueline Zünd porträtiert drei Männer, die sich in so einem Loch befinden. "Es gibt eigentlich nichts, worauf ich besonders stolz sein könnte", zieht etwa der 78-jährige Japaner Genji Yamada nach 38 Arbeitsjahren Bilanz. Er will kein "Nure ochiba" sein – japanisch für nasses Laub, das an den Füßen klebt wie ältere Männer an ihren Frauen. Er findet eine Seniorengruppe, die Kindern Bücher vorliest – und gewinnt sein Lächeln zurück.

Campen bei Walmart

Auch der US-Amerikaner Bob Pearson wollte noch etwas erleben. Der Rat seiner Freundin: "Lass uns ein Wohnmobil kaufen!" Die Freundin ist weg, den Camper kaufte er trotzdem. Jetzt isst er allein auf einem verlassenen Walmart-Parkplatz zu Abend und fragt sich, ob er die Türe seines Wohnmobils versperren soll. Schließlich könnte das die Rettungskräfte behindern – im Falle des Falles.

Den Briten Steve Phillips verschlägt es nach Spanien. In Benidorm tritt er in britischen Bars als Dragqueen und Stand-up-Comedian auf. Der Humor ist eine Schutzreaktion, sagt er.

Kameramann Nikolai von Graevenitz lässt die Einstellungen oft so lange stehen, als hätte er so unendlich viel Zeit wie die Alten, die er porträtiert. Kein Off-Sprecher stört, nur sphärische Klänge untermalen die Stimmen der Männer. Dass die Bilder teilweise inszeniert sind und manche Texte eigentlich von der Autorin Sibylle Berg kommen, mindert den dokumentarischen Wert dabei ganz und gar nicht. (Philip Pramer, 10.9.2018)

hugofilm productions/nikolai von graevenitz

Bob wollte nicht einfach tot umfallen, ohne vorher noch einmal gelebt zu haben. Also startete er eine Reise im Wohnmobil quer durch die USA durch eiskalte Wüsten und über einsame Supermarktparkplätze.

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hugofilm productions/nikolai von graevenitz

Bob vertreibt sich während seiner Reise die Zeit allein in einem Kasino. Manchmal, sagt er, wünscht er sich eine Person, mit der er reden und aufkommende Krisen gemeinsam meistern kann.

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"Ohne Hobbys ist man verloren. Man braucht mindestens zwölf davon." Eines von Yamadas Hobbys wurde das Schwimmen.

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hugofilm productions/nikolai von graevenitz

Steve nennt das spanische Benidorm inzwischen sein Zuhause. Seine Kunstfigur Stella bedeutet ihm alles.

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