These I: Nächster Crash könnte schlimmer werden als Lehman-Kollaps

9. September 2018, 08:00
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Das Finanzsystem ist seit Lehman von einer gewaltigen Geldschwemme aufgebläht worden. Ein Platzen der riesigen Schulden-, Aktien- und Immobilienblase könnte die Welt noch härter treffen als vor zehn Jahren

Donald Trump macht sich Sorgen. Wenn die Zinsen steigen, wird die ausufernde Staatsverschuldung der USA das Land noch stärker bedrohen, als das jetzt schon der Fall ist. Kein Wunder, dass der amerikanische Präsident ordentlich Druck auf den von ihm selbst nominierten Notenbankchef Jerome Powell ausübt. Er sei "nicht begeistert" von den bisherigen – ohnehin äußerst zarten – Zinsschritten der Zentralbank, gab Trump von sich und beendete damit eine jahrzehntelange Tradition, die Unabhängigkeit der Fed nicht durch Querschüsse aus dem Weißen Haus zu torpedieren.

Das Tauziehen um die wichtigste Zentralbank der Welt zeigt schon, wie angespannt die Lage ist. Zehn Jahre nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers, der einen Finanz-Tsunami und eine weltweite Rezession auslöste, kracht es wieder ordentlich im Gebälk der globalen Wirtschaft. Jahrelang fluteten die Notenbanken der großen Industriestaaten die Märkte mit Billionen, um Banken und Wirtschaft auf die Beine zu helfen.

Irrfahrt in riskante Investments

Mittlerweile läuft der Konjunkturmotor zwar wieder rund, doch die Liquiditätsschwemme hat tiefe Spuren hinterlassen. Mit Spielgeld wurden riesige Schuldenberge aufgetürmt, die Preise für Aktien, Immobilien oder Kunst in schwindlige Höhen katapultiert und obendrein eine Irrfahrt in riskante Investments ausgelöst.

Das weckt böse Erinnerungen. Immerhin war 2007 ein Pyramidenspiel, aufbauend auf steigenden Immobilienpreisen, Auslöser der globalen Finanzkrise. Dank steigender Häuserpreise kamen auch Personen mit dürftiger Bonität an riesige Immobilienkrediten, die noch dazu von amerikanischen Banken zu "Wert"-Papieren verpackt und zum Exportschlager der US-Anlageindustrie gemacht wurden.

"So verwundbar wie 2008 – wenn nicht noch mehr"

Für manche Experten wie den früheren Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, ist das Finanzsystem heute "so verwundbar wie 2008 – wenn nicht noch mehr", wie der Franzose der Nachrichtenagentur AFP erklärte.

foto: imago
An der Wall Street wurden die Zeiten für Banker härter – aber nicht allzu lange.

Platzt demnächst die nächste Blase? Kracht es wieder in den USA oder schlummern noch größere Brandherde in China und anderen Schwellenländern, worauf die aktuellen Verwerfungen in der Türkei oder Argentinien hindeuten? Und – sollte tatsächlich ein Crash kommen: Sind die Politik und das globale Finanzsystem dafür gerüstet, oder wäre im Falle des Falles neuerlich mit weltweiter Rezession, Massenarbeitslosigkeit und möglicherweise Staatspleiten zu rechnen?

Gewaltige Staatsschulden

Viel Pulver für eine Explosion hat sich in den Staatskassen angesammelt, wie ein zweiter Blick nach Washington zeigt. Trump befeuert mit einer Steuerentlastung – vornehmlich für Konzerne – die Konjunktur. Das Problem: die fehlende Gegenfinanzierung. Das Loch in der Staatskasse wird heuer nach diversen Prognosen fünf Prozent der Wirtschaftsleistung übersteigen. Zum Vergleich: Die Eurozone rutscht heuer unter die Marke von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die USA sind dabei in schlechter Gesellschaft, im Vergleich zu Japan, Griechenland oder Italien ist der Schuldenstand sogar moderat.

Alle Staaten gemeinsam stehen derzeit mit fast 70 Billionen (70.000.000.000.000) Dollar in der Kreide, das entspricht einer Verdoppelung in zehn Jahren. Wenn die Zinsen wieder anziehen, "fallen die Schuldenberge in sich zusammen und die nächste Finanzkrise ist da", sagt der Volkswirt Thomas Mayer. Bleiben die Notenbanken trotz anziehender Inflation auf der Bremse, wäre ein Vertrauensverlust die Folge, so der Direktor des Flossbach-von-Storch-Instituts, der früher als Chefökonom der Deutschen Bank fungierte: "Das Ergebnis wäre eine Geldkrise."

Kredit-Orgie der Unternehmen

Die Kredit-Orgie der Staaten hat längst die Unternehmen angesteckt. Mit einem Anstieg der Schulden von 42 auf mehr als 70 Billionen Dollar ist die Dynamik seit der Vor-Lehman-Zeit nur etwas geringer als jene im öffentlichen Sektor. Was stutzig macht: Die Kreditqualität zeigt deutlich nach unten. Jedes noch so zweifelhafte Start-up, jede noch so auf Pump basierende Transaktion wird von Investoren gutgläubig finanziert. Dazu kommt, dass der Zinssatz das Risiko des Kreditgebers längst nicht mehr widerspiegelt. Ein Beispiel: Die auch als Ramschanleihen bekannten Junk-Bonds, die von Firmen mit zweifelhafter Bonität als Finanzierungsinstrument ausgegeben werden, werfen historisch niedrige Renditen ab.

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Die Bilder vom 15. September 2008 prägten die Finanzwelt auf Jahre.

Das zeigt, dass die Kreditgeber das Ausfallrisiko ignorieren. Die kleinste Verunsicherung an den Märkten kann zu einer Neubewertung führen, die Anleihenkurse würden dann gegengleich zur Verzinsung in den Keller purzeln. Dazu kommen Mega-Übernahmen wie jene von Time Warner durch AT&T um 85 Milliarden Dollar, die mit links durch renditehungriges Kapital finanziert werden.

Besonders ausgiebig gefeiert wird die Schuldenparty in China, wo sich die Kredite an Unternehmen in den letzten zehn Jahren vervierfacht haben. Der frühere Aktienhändler und umstrittene Kommentator Dirk Müller sieht in China "überhaupt die größte Blase". Auch Konsumenten stehen immer tiefer in der Schuld. Insbesondere in den USA haben Auto- oder Studentenkredite schwindelerregende Höhen erreicht. Ein guter Teil der Verbindlichkeiten wird wieder nach Vor-Lehman-Brauch gebündelt und scheibchenweise weiterverkauft. Das Virus hat sich somit längst weltweit ausgebreitet.

Aktienblase

Ebenso bereitwillig, wie riskante Anleihen gekauft werden, wird in Aktien, Immobilien, Kunst und andere Asset-Klassen investiert. Die im New Yorker Börsenindex S&P 500 vereinten Aktien legten seit dem Kurstief 2009 einen Anstieg von 300 Prozent hin, die an der Nasdaq gelisteten Tech-Werte kletterten sogar um 500 Prozent nach oben. Für Luxusimmobilien werden ohnehin Fantasiepreise bezahlt. Die Geldflut der Notenbanken und das dürre Zinsumfeld verleiten die Investoren zu immer höherem Risiko.

Trotz vermehrter Warnungen und einiger Verunsicherungen – zuletzt wegen der Turbulenzen in Schwellenländern wie der Türkei und Argentinien – scheint die Show munter weiterzugehen. Nach Apple erreichte kürzlich Amazon als zweites Unternehmen erstmals einen Börsenwert von einer Billion Dollar. Das macht den potenziellen Fall immer tiefer. Viele Experten weisen darauf hin, dass die letzten Crashs und darauffolgenden Rezessionen nach einem Zyklus an Zinserhöhungen auftraten. In der Phase befinden wir uns. Trump hat möglicherweise gute Gründe, die Fed vor einer Straffung der geldpolitischen Zügel zu warnen.

Pulver verschossen

Was Analysten noch beschäftigt: Ab 2007 verhinderten die Notenbanken großer Industrieländer durch konzertierte Aktionen einen Totalzusammenbruch des Finanzsystems, staatliche Konjunkturpakete dämpften die Rezession. Sollte es erneut zu gröberen Turbulenzen kommen, fehlen den Regierungen wegen ihrer hohen Schulden die Mittel für dicke Feuerlöscher. Die Notenbanken wiederum sitzen auf einem fast leergefegten Arsenal. Der selbsternannte Prophet Müller, der als "Mr. Dax" bekannt wurde, meint daher: "Die Realwirtschaft wird viel stärker einbrechen, und noch mehr Menschen werden ihren Job verlieren als nach Lehman."

Noch eine Frage beschäftigt die Finanzwelt. Würden die USA wieder an einem Strang mit anderen Wirtschaftsgrößen ziehen? Viele haben ihre Zweifel. Aber vielleicht löst sich ohnehin alles in Wohlgefallen auf. (Andreas Schnauder, 9.9.2018)

Weiterführende Links:

Wir haben aus Lehman gelernt

  • Vor zehn Jahren hieß es für die Lehman-Banker: einpacken.
    foto: reuters/andrew winning

    Vor zehn Jahren hieß es für die Lehman-Banker: einpacken.

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