Ars Electronica: Warum die Kunst der Wirtschaft schmeckt

    7. September 2018, 16:05
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    Die Linzer Ars Electronica darf nicht mit einem Festival der Künste verwechselt werden

    Akuten Handlungsbedarf sieht Josef Moser, Arbeiterkammer Oberösterreich. Denn die neuen Medien verändern die Politik auf eine Art, dass man sich die Frage stellt, wo unter ihrem Einfluss die liberale demokratische Gesellschaft bleibt. Moser fordert eine politische Bildung für Jugendliche, die sie zu mündigen Usern macht.

    Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica, spitzt das noch zu: "Politische Bildung in unserer Zeit ist Medienbildung." Tatsächlich stand am Donnerstagvormittag um zehn Uhr ein Symposium über politische Bildung am Beginn des Eröffnungstags des diesjährigen Linzer Festivals "für Kunst, Technologie und Gesellschaft". Wir brauchen "Ideen, wie wir die digitale Welt retten können", appelliert Stocker und wechselt diskret zur nächsten Veranstaltung. Es ist das Innovationsforum Get Inspired, in dem Angelika Sery-Froschauer, die Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Oberösterreich, eine "neue Kultur des Fehlers und Irrtums" aufleuchten sieht und die Linzer Kulturstadträtin sowie Ars-Electronica-Beiratsvorsitzende Doris Lang-Mayerhofer das Festival mit einer "Messe der Innovationen und Zukunftstechnologien" vergleicht.

    Doppelte Ausstellung

    Wer nun fragt, wo die Kunst in diesem Zusammenhang bleibt, findet eine konkrete Antwort: eng an ihrer wirtschaftlichen Nutzung. Zu kurz kommen Kunstwerke bei den insgesamt rund 500 Veranstaltungen, die in die fünf Tage des Festivals gepresst sind, nicht.

    Für die Besucher (im Vorjahr wurden etwa 100.000 Eintritte gezählt) ist es unmöglich, alles mitzubekommen. Schon die Auswahl ist eine echte Herausforderung. Konzentriert man sich erst einmal nur auf die Arbeiten, die bei der Doppelausstellung Error in Progress und Error, Fake & Failure in der Postcity zu sehen sind, stellt sich zweierlei heraus: Erstens scheint der Zenit des Staunens über die technischen Möglichkeiten von Medienkunst überschritten zu sein. Und zweitens ist die Kuratierung der Arbeiten sorgfältig auf den Tenor der gesamten Veranstaltung abgestimmt.

    Denn das diesjährige Ars-Thema "Error – the Art of Imperfection" ist keineswegs von jener Katerstimmung getragen, die sich angesichts einer tiefgehenden Krise der sozialen Medien und brandgefährlicher Entwicklungen in den digitalen Technologien allgemein verbreitet. Von konkreter Schadensbegrenzung, systemischen Alternativen oder richtigem Umdenken war am ersten Festivaltag jedenfalls nicht die Rede.

    Nur die US-amerikanische Autorin Meredith Broussard, deren neues Buch Artificial Unintelligence: How Computers Misunderstand the World gerade für Diskussionen sorgt, zeigte beim Symposium grundsätzliche Schwachstellen im digitalen Regime auf: Diese befinden sich dort, wo gute Ideen durch miserable Umsetzung ad absurdum geführt werden.

    Immerhin scheint jetzt auch eingefleischten Digitalfreaks klarzuwerden, dass nicht jedes Problem mit Technologie gelöst werden kann. Diese Einsicht ist nicht gerade neu. Auch zum Grundtenor des Festivals, dass Scheitern eigentlich ein Gewinn sei, gibt es seit Jahren reichlich Literatur auf Basis der vielstrapazierten Formulierung Samuel Becketts "Try again. Fail again. Fail better" (Worstward Ho, 1983).

    Bei näherem Hinsehen zeigt sich, warum die Ars Electronica keine Veranstaltung sein kann, die schmerzlich in die Probleme der digitalen Revolution schneidet. Dafür ist sie zu tief in die Digitalwirtschaft eingebettet. Sie arbeitet mit Firmen wie dem riesigen Tokioter Werbeunternehmen Hakuhodo, dem japanischen Telekommunikationsmarktführer NTT und vielen anderen zusammen und hat sich ganz der Verschränkung von Technologie und Social Responsibility zur Imagepflege eines riesigen Wirtschaftszweigs verschrieben.

    Kreative Lösungen

    Der Kunst kommt dabei eine praktische Funktion zu. Am schönsten zeigte das eine kleine Präsentation von Hakuhodo: Mithilfe von "künstlerischem Denken" werden "kreative Fragen" gestellt, auf die ein "Designdenken" mit "kreativen Lösungen" aufbaut. Konkret bringt die Ars Electronica in ihrer Kooperation mit der Marketingfirma die Fragen und "Prototypen" der Kunst ein, Hakuhodo liefert über ihre ganzheitliche Firmen-"Philosophie" Seikatsu-sha das Gestaltungs- und Vereinfachungswissen. Und fertig ist die Produktideenstrategie.

    Fazit: Die Ars Electronica ist kein Kunstfestival, sondern ein Ideenzentrum der Kreativ- und Kommunikationsindustrie. Der dort generierte Diskurs dient als Basis für wirtschaftliche Neuorientierung und zeigt die politischen und kulturellen Ambitionen des gegenwärtigen ökonomischen Liberalismus an. Das macht die Ars interessant – für Freunde und Kritiker dieses Liberalismus gleichermaßen. (Helmut Ploebst, 7.9.2018)

    • Hören ist Macht: Chicks on Speed traten beim Opening auf.
      foto: wolf-dieter grabner

      Hören ist Macht: Chicks on Speed traten beim Opening auf.


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