Neue Geyrhalter-Doku ist großes Dokument über Österreich

    Video7. September 2018, 15:37
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    Der Film "Die bauliche Maßnahme" zeigt in der angemessenen Differenziertheit, was es heute heißt, in Europa zu leben

    Wien – Mitteleuropa ist selten irgendwo mittiger als in dem engen Tal, das von Italien über den Brenner nach Tirol führt. Mailand und München sind durch dieses Nadelöhr getrennt oder verbunden. Je nachdem: Vor zwei Jahren sollte man kurz den Eindruck haben, dass hier der globale Süden und die Festung Europa auf ein Stelldichein zusteuerten. Nach der "Schließung" der Balkanroute sollte auf dem Brenner ein Ansturm von Asylsuchenden zu gewärtigen sein, worauf österreichische Politiker mit "baulicher Maßnahme" reagieren wollten, die weder Zaun noch Absperrung sein sollte, auch wenn es sich offensichtlich um eine solche handelte.

    foto: nikolaus geyrhalter film
    In Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm "Die bauliche Maßnahme" vermittelt sich alles über die Protagonisten und deren Wahrnehmung.

    Der Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter nahm diese präventive Maßnahme, vor allem aber das präventive Gerede, zum Anlass, sich in der Gegend umzusehen und umzuhören. Die bauliche Maßnahme ist ein Film, den man im weitesten Sinn als qualitative Sozialforschung mit Kinomitteln verstehen könnte. Alles vermittelt sich über Protagonisten und deren Wahrnehmung.

    Mutter und Tochter

    In einer markanten Szene spricht Geyrhalter mit einer Frau und deren Tochter aus dem Venntal auf der österreichischen Seite der Grenze. Die Mutter nimmt eine Identitätsbestimmung vor: "Mia sein Venner." Was daraus jedoch abzuleiten ist, das arbeitet Geyrhalter heraus, indem er die Kamera weiterlaufen lässt und damit eine Reflexion provoziert, die nicht des Impulses von außen bedarf. Unwillkürlich wird klar, dass die Traditionen, auf die sich die Frau gern berufen würde, für die eigene Tochter brüchig geworden sind. Ihr Verhältnis etwa zur Religion ist schon ein anderes als jenes der Eltern.

    geyrhalterfilm
    Trailer zu "Die bauliche Maßnahme".

    Jenes Tirol, das im Venntal einst als urwüchsig erscheinen konnte, löst sich gerade auf, und das hat wenig mit Asylsuchenden oder Armutsmigranten aus Afrika zu tun, sondern mit Technologien und Konsumgesellschaft und anderen Entwicklungen. Als es schließlich für einen Trupp italienischer Bohrarbeiter senegalesischer Herkunft eine Kürbissuppe mit Couscous gibt, deutet sich kurz eine Weltgesellschaft an, die das Venntal aushalten würde, ohne Gefahr zu laufen, sich nicht mehr "wiederzuerkennen".

    Spiel mit Bildern

    Nikolaus Geyrhalter wurde mit Reportagen aus dem Sperrbezirk um Tschernobyl (Pripyat), aber auch mit Zivilisationspanoramen (Abendland, Unser täglich Brot) zu einem der wichtigsten Dokumentarfilmer. Die bauliche Maßnahme zeigt, dass er im Umgang mit Menschen stärker ist als mit Sinnbildern, wie er sie gelegentlich sucht. Seine Zeit in Tirol, auf beiden Seiten der Grenze und nicht zuletzt in den Wäldern und Bergen, war in höchstem Maß ertragreich: Er zeigt in der angemessenen Differenziertheit und ohne vorgefassten Standpunkt, was es heute heißt, in Europa zu leben.

    Dass die "bauliche Maßnahme" seither nicht wirklich benötigt wurde und dass deswegen eine neue Regierung an einem anderen Grenzübergang ein gefährliches Spiel mit Bildern eines Ausnahmezustands beginnt, lässt Geyrhalters Film weiter zeitgemäß bleiben. Ein großes Dokument über Österreich ist er sowieso. (Bert Rebhandl, 8.9.2018)

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