Ein Dokumentarfilm als familientherapeutische Angelegenheit

    Video9. September 2018, 10:00
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    "Bruder Jakob, schläfst du noch?" von Stefan Bohun und seinen Brüdern ist auf eine schmerzvolle Weise persönlich und auf eine angemessene Weise diskret

    Die Bohuns waren immer fünf Buben, seit 2014 sind sie nur noch vier. Jakob ist nicht mehr da. Er hat in ein Budget-Hotel eingecheckt, ist auf das Zimmer gegangen, hat Tabletten genommen und ist daran gestorben. Ein Freitod? Einer der Brüder probiert es mit diesem Wort, aber er spürt, dass es nicht passt. Ein anderer macht sich erst einmal Luft. "Du Arsch." Bruder Jakob, du bist ein Arsch. Ist es ein "Weg des geringsten Widerstands", wenn sich jemand das Leben nimmt? "Ohne sich zu verabschieden."

    foto: filmdelights
    Im Film "Bruder Jakob, schläfst du noch?" hat man manchmal den Eindruck, als würden die Brüder einen Kreis um Jakob ziehen, damit von seinem Tod kein weiteres Unheil mehr ausgehen kann.

    Auch das kann es nicht sein, und verabschiedet hat Jakob Bohun sich vielleicht seit vielen Jahren. Schon mit 22 schrieb er von einer existenziellen Depression. Dass er zwei Töchter hatte, schien eine Art Versicherung. Diese Liebe musste doch größer sein als die Leere, in die Jakob sich begeben hat. Man dreht sich im Kreis, wenn man einen Bruder zu beklagen hat, der nicht mehr da ist, weil er das so wollte. Kann man das wollen?

    "Unsere gemeinsame Zukunft fehlt mir", sagt einer der Bohuns. Von Stefan ging die Initiative aus, über die Trauerarbeit einen Film zu machen. Es gibt viel zu besprechen, es gibt auch viel anzuschauen, Fotos und Videos von früher, es gibt Erinnerungen, die verschüttet sind und wieder hervorgeholt werden müssen, andere Erinnerungen sind ganz nah. Die vier hinterbliebenen Bohuns, inzwischen allesamt Männer im besten Alter, gehen in die Tiroler Berge, nach denen Jakob sich so gesehnt hat.

    Er war schon lange Zeit weit weg, hatte sein erwachsenes Leben in Portugal, und er hat die Brüder beneidet, die die Berge in der Nähe hatten. Wenige Tage vor seinem Tod änderte er sein Profilbild in Whatsapp: kein Foto von sich, sondern ein Weg, der in ein Tal führt, es geht hinauf und hinein zugleich. Tirol ist ein enges Land mit hohen Wänden. Jakob gefiel das.

    bruder jakob, schläfst du noch? - der film
    Trailer zu "Bruder Jakob, schläfst du noch?"

    Ein Film als eine familientherapeutische Angelegenheit – dafür braucht es eine besondere Sensibilität. Zumal wesentliche Personen bei Bruder Jakob, schläfst du noch? nicht mitgemacht haben.

    Das portugiesische Leben bleibt weitgehend ausgespart, die beiden Töchter werden von den Bohuns mit dem Film nicht behelligt, und es gibt noch eine weitere markante Leerstelle: die Eltern von Jakob, das – seit vielen Jahren getrennte – Paar, dem sich diese "chaotische Familie" verdankt. Der Film ist auf eine schmerzvolle Weise persönlich und auf eine angemessene Weise diskret. Nur die Brüder zeigen sich ungeschützt, und man hat manchmal den Eindruck, dass sie auf diese Weise einen Kreis um Jakob ziehen, dass sie ihn in ihre Mitte nehmen, damit von diesem Tod kein weiteres Unheil ausgehen kann.

    In einem Brief einer portugiesischen Freundin, die als Anästhesistin in demselben Krankenhaus arbeitet, in dem Jakob beschäftigt war, taucht nämlich ein fast unheimliches Motiv auf, eine Verkettung von Todesfällen. Eine Kollegin hat sich erhängt, genau so, wie das davor eine Patientin gemacht hatte. Ein Kollege hat sich mit Tabletten das Leben genommen, genau so, wie ... Der Tod kann offensichtlich eine Vorbildwirkung haben, ein schwerer Schritt kann leichter wirken, wenn jemand anderer ihn vorher gegangen ist.

    Das Leben hat zwei Seiten

    Umso wichtiger ist, wie Bruder Jakob, schläfst du noch? klarmacht, dass es keinen Sinn hat, Jakob nachträglich Vorwürfe zu machen. Das Leben hat zwei Seiten, die klaffen nicht selten so auseinander, wie das in einem Hit von Supertramp beschrieben wird: The Logical Song. Das Paradies der Kindheit, die Zeit der Wunder, geht irgendwann zu Ende, und dann wird man vertrieben auf diese andere Seite, auf der alles logisch, fanatisch, verlässlich sein muss, und irgendwann sind die Fragen vielleicht so tiefgehend, dass man ihnen nicht mehr auf den Grund kommt. Jakob hat diesen Song geliebt, das Livealbum von Supertramp hat er hinauf und hinunter gehört, und in dem Film begleitet der Logical Song eine Collage von Bildern aus der Zeit, in der die Bohuns vielleicht noch eine glückliche Familie waren.

    Danach kommt ein Bild, bei dem einem ganz anders werden kann. Eine Überwachungskamera hat nämlich aufgenommen, wie Jakob vor seinem Tod eingecheckt hat. Diese verschwommene Aufnahme ist sowieso schon schwer erträglich, so richtig hart wird sie aber erst durch den Timecode, der mitläuft. Man kann die Sekunden zählen, die einen Menschen von seinem Ende trennen. Dass Stefan Bohun dieses Bild in den Film hineingenommen hat, macht aus Bruder Jakob, schläfst du noch? endgültig ein großes Dokument. Das Bild kommt genau an der richtigen Stelle, nämlich nicht am Schluss und nicht am Beginn, sondern nach einer langen Annäherung der Brüder an diesen Tod, der ihnen zuletzt trotzdem ein Rätsel bleibt.

    Einen Abschiedsbrief hat Jakob nicht hinterlassen, jedenfalls wird in dem Film nichts dergleichen erwähnt – es kann gut sein, dass das auch unter die Diskretion fällt, die hier am Werk ist. Die Brüder sind nicht die engsten Angehörigen Jakobs, aber sie haben ihn am längsten gekannt, und sie haben sich durch ihn noch einmal besser kennengelernt. Zu reparieren gibt es nichts: Die Erinnerungen an Momente wie den, als Jakob "im Flex abgegangen ist zu Rage Against the Machine", die kann er nicht mehr selbst mit dem Bruder aufwärmen, dem dieser Moment bis heute kostbar ist.

    Der Tod schneidet nicht nur nach vorn die Zukunft ab, sondern schneidet die Zukunft auch aus der leuchtenden Vergangenheit heraus. Der Tod macht das Leben schrecklich logisch: Auch das Wunderbare reicht nicht immer aus, um ihn zu bannen. "Ich bin der Meinung", schreibt Jakobs Kollegin aus Portugal, "dass Menschen, die sich umbringen, nicht wirklich sterben wollen. Sie wollen leben, aber sie können den Schmerz nicht mehr ertragen." Für das Leben legt dieser Film ein großes Zeugnis ab, und an den Schmerz tastet er sich vorsichtig heran. Jakob ist nicht mehr da. Jakob ist immer noch da. (Bert Rebhandl, 9.9.2018)

    11. 9. 2018 Filmcasino, Wien, um 19.30; Stadtsäle, Voitsberg, um 19.00 (Go On Suizidprävention); Stadtkino, Bruck an der Mur, um 19.00 (Go On Suizidprävention)

    12. 9. 2018 Moviemento, Linz, um 18.00; Localbühne, Freistadt, um 20.30 (in Kooperation mit Krisenhilfe OÖ)

    13. 9. 2018 Premiere Schubertkino, Graz, um 19.00 (eine Veranstaltung von Go On Suizidprävention)

    Ab 4. 10. 2018 Leokino, Innsbruck (in Kooperation mit Promente Tirol), mit anschließender Diskussion

    Ab 10. 10. 2018 Das Kino, Salzburg (AHA – Angehörige helfen Angehörigen)

    Hilfe für Menschen in Krisensituationen und deren Angehörige

    Telefonseelsorge: 142, täglich, 0-24 Uhr

    Kriseninterventionszentrum:

    01/406 95 95 (Mo-Fr, 10-17 Uhr);

    Sozialpsychiatrischer Notdienst / PSD:

    01/31330 (täglich, 0-24 Uhr)

    • suizidpraevention.at
    • agus-selbsthilfe.de
    • hpe.at

    Zum Weiterlesen

    Nicht mehr können: Das Leben loslassen

    Suizid in der Kulturgeschichte: Das Für und Wider und das Leben

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