Autorin Hanna Sukare legt Finger auf Wunden heimischer Geschichte

    14. September 2018, 10:19
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    Die Autorin schafft mit ihrem Roman "Schwedenreiter" mühelos den Sprung zwischen Historie und Roman

    Es gibt Menschen, die meinen, der Krieg sei lang vorbei. Das kann man schon meinen, 70 Jahre sind eine lange Zeit. Andererseits ist das natürlich Humbug. 70 Jahre sind nichts. Die Kinder, Enkel und Urenkel all dieser Täter und Opfer, Mitläufer, Widerständler und Deserteure sind ja noch da, und mit ihnen ist es der Krieg.

    Die Geschichte eines dieser Enkel erzählt Hanna Sukare in ihrem neuen Roman "Schwedenreiter". Der aus dem Innergebirge stammende Paul Schwedenreiter, dessen Großvater ein Deserteur war, dessen Urgroßmutter deshalb ins KZ kam, ist eine fiktive Figur. Die Grundlage für diesen Roman ist alles andere als das. Sie ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass dieser so lang vergangene Krieg noch immer sein Unwesen zwischen den Lebenden treibt.

    Im Juli 1944 fand der "Sturm" auf die Goldegger Deserteure statt, insgesamt 14 Menschen starben. Aufgearbeitet ist das Ereignis bis heute nicht. Seit langem ist die 2009 geschriebene Ortschronik von Goldegg, die der Deserteure des Ortes als "gefährliche Landplage" gedenkt und in der auch sonst einiges eher nach NS-Jargon klingt als nach ordentlich recherchierten Tatsachen, ein Streitpunkt.

    Rehabilitation

    Im Roman nun also wehrt sich Paul Schwedenreiter gegen die himmelschreiende Ungerechtigkeit, er will Rehabilitation für seine Verwandten und Frieden für sich selbst. Die Last der Vergangenheit hat er ganz allein zu tragen, seine Liebe Meret ist tot, Nachkommen hat er nicht.

    Und die Last ist groß: "Meine vielen Erwachsenenjahre kommen nicht und nicht auf gegen die wenigen Kinderjahre. Ich weiß oft nicht, gehört das Uralte dem Großvater, dem Vater oder mir selbst." Paul ist Brückenmeister, er kittet Risse, er ist für das zuständig, was Menschen verbindet.

    Aber das mit dem Verbinden ist schwierig, wenn jeder seine eigenen Interessen hat, wirtschaftliche, soziale, oder auch einfach findet, dass die Deserteure halt Verräter waren. Als Retter gilt ihnen und der Ortschronik stattdessen ein SS-Mann, der den fiktiven Ort Stumpf angeblich vor einer (nirgendwo belegten) Deportation gerettet haben soll.

    Die Frage, die sich Paul stellt, ist bald auch diese: Darf er anklagen und denunzieren, darf er sich zum Richter aufschwingen? Wieso aber sollte man eine Wahrheit nicht aussprechen dürfen? Sukare nennt den Namen des Mannes, der auch in der realen Goldegger Chronik als Zeuge für die eigene, angebliche Heldentat aufgeführt wird: Herbert Mader.

    Wie nahe der Krieg ist

    Es ist, einerseits, eine Schande, dass erst eine Schriftstellerin kommen muss, um sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die (nicht nur) in Goldegg noch immer schwären wie eine offene Wunde (kurz nach Erscheinen des Romans wurde das Goldegger Deserteursdenkmal von Unbekannten geschändet, DER STANDARD berichtete am 5. 9. 2018).

    Andererseits können Schriftsteller eben auch mehr als nur Fakten recherchieren: Sie können zeigen, was für Menschen und welches Leid hinter den Fakten stecken. Und Hanna Sukare kann das, sie schafft mühelos den Sprung zwischen Historie und Roman. Sie lässt die Leser spüren, wie nahe uns dieser Krieg noch immer ist. (Andrea Heinz, 14.9.2018)

    Hanna Sukare, "Schwederreiter. Ein Heimatroman". 20,00 Euro / 172 Seiten. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2018

    • Autorin Hanna Sukare.
      foto: otto müller verlag / milan boehm

      Autorin Hanna Sukare.

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