Coworking wie zu Franz Josephs Zeiten

    12. September 2018, 08:17
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    Im Werkstättenhof in Wien-Mariahilf wurde schon vor 110 Jahren – und damit lange vor dem Boom des Coworkings – auf ein Nebeneinander handwerklicher Betriebe gesetzt

    Der Werkstättenhof im sechsten Bezirk thront wie eine Burg über der Linken Wienzeile. Von außen gibt der Vierkanter nicht viel vom emsigen Treiben in seinem Inneren preis. Dabei werken hier aktuell 70 Unternehmen auf sechs Stockwerken.

    foto: zoidl
    Der Werkstättenhof thront über der Linken Wienzeile.

    Ständig biegt ein Transportwagen unter den gestrengen Augen des Portiers in den Innenhof ein. Aus geöffneten Fenstern dringt das Dröhnen von Maschinen. Und von der Leschanz-Schokoladen-Manufaktur im vierten Stock ziehen verheißungsvolle Duftschwaden durchs Haus.

    Was nach dem fröhlichen Neben- und Miteinander eines Coworking-Spaces klingt, ist ein alter Hut. Kaiser Franz Joseph gab den Bau des massiven Werkstättenhofes vor 110 Jahren in Auftrag. Das Ziel: Gewerbe und Wohnen unter einem Dach.

    Kleinere Betriebe sollen angesichts der Industrialisierung unterstützt werden. Entstanden sind 150 Arbeitsräume mit variablen Größen zwischen 25 und 140 m² und 40 Wohnungen. Eigentümer ist bis heute der "Kaiser Franz Josef I Jubiläumsfonds für Werkstättengebäude und Volkswohnungen", der im Eigentum von Stadt und Bund steht.

    Begehrte Flächen

    Die Flächen sind begehrt – und so gut wie immer voll. "Ab und zu werden Flächen frei", heißt es vonseiten der Hausverwaltung Sodoma. "Aber es kommt nie so weit, dass wir selbst Mieter suchen müssen", denn meist gebe es längst interne Mietinteressenten, die umziehen oder ihre Räume erweitern wollen.

    Schwieriger gestalte sich die Sache schon mit den Wohnungen, von denen laut Hausverwaltung allerdings auch nur etwa zwei pro Jahr frei werden: Wer hier einziehen will, braucht heute noch, ganz im Sinne der Ursprungsidee, einen Gewerbeschein mit Geschäftssitz in Wien.

    Unter den gewerblichen Mietern finden sich traditionelle Handwerksbetriebe; ein Tischler zum Beispiel, ein Blechdrücker, eine Vergolderin. Längst sind Fotografen, Architekten, Grafikdesigner und ein 3D-Druck-Unternehmen aber in der Überzahl.

    foto: bernhard lemersleitner
    Der Künstler Peter Putz in seinem Atelier im Dachgeschoß.

    Der Künstler Peter Putz hat von seinem Atelier im Dachgeschoß aus schon viele kommen und gehen sehen. Er hat sein Atelier 2002 in die Mollardgasse verlegt. Die hohen Atelierfenster hätten ihn überzeugt, erzählt er in seinem Atelier, das mit von ihm knallbunt bemalten, riesigen Kartonrohren und Dosen vollgestellt ist. Sie sind bei anderen Betrieben als Abfall angefallen, Putz hat eine neue Verwendung für sie gefunden.

    Informeller Austausch

    Früher sei das Viertel rund um den Werkstättenhof ein "toter Winkel" gewesen, so Putz: "Heute sieht man von hier heroben die Gentrifizierung ganz wunderbar." Während der Künstler erzählt, spaziert sein Nachbar von nebenan herein und räumt Einkäufe in den Kühlschrank. Zu Mittag wird gemeinsam gegessen.

    Insgesamt, das erzählen auch andere Mieter, sei die Atmosphäre im Haus gut. Was im Vergleich zu modernen Coworkingflächen aber fehlt, sind Bereiche zum Netzwerken.Dafür entsteht vieles informell: Die Grafikdesigner Ulla Schneeweis und Fabian Wittmann, die sich ein Büro mit Vintagemöbeln und 150 Jahre alter Letterpress-Handdruckmaschine im fünften Stock eingerichtet haben, haben schon Mittagstische und Hoffeste organisiert.

    foto: andreas buchberger
    Die Grafikdesigner Schneeweis und Wittmann in ihrem Büro.

    Das sei spontan entstanden: "Wir haben Einladungen gedruckt und sind von Tür zu Tür gegangen", so Schneeweis. "Und wir sind hinter jeder Tür in eine andere Welt eingetaucht."

    Derzeit fehle dafür die Zeit. Synergien gibt es dennoch viele. Simone Springer vom österreichisch-japanischen Designerduo Rosa Mosa stellt seit 2012 auf 140 Quadratmetern Schuhe und Accessoires her – und greift gerne auf Fotografen und den Tischler aus dem Haus zurück. Fotograf Thomas Bakos, der seit zwölf Jahren im Werkstättenhof arbeitet, verspricht dafür einen "Nachbarschaftspreis", auch die jeweilige Infrastruktur stelle man einander zur Verfügung.

    foto: rosa mosa
    Die Designerin Simone Springer vom Label rosa mosa in ihrem Reich.

    Zurück zum Ursprung

    Der Architekt Erik Testor (Duda, Testor Architektur) hatte vor zwölf Jahren sein Atelier im Werkstättenhof. Später wurde ihm der Platz zu knapp. "Aber das Ambiente war lässig und inspirierend", erzählt er heute. Für das Projekt GründerInnen-Hof in der Seestadt Aspern wollten die Architekten Wohnen und Arbeiten unter einem Dach kombinieren. "Da fiel uns wieder das Ambiente des Werkstättenhofes ein", so Testor. Der Baustart für das Projekt ist für 2019 geplant.

    Aber zurück zum Original im sechsten Bezirk: Hier beobachtet die Hausverwaltung seit einiger Zeit eine Rückkehr von traditionellen handwerklichen Betrieben. Das fällt auch den Mietern bereits auf. "Wir wünschen uns, dass es wieder mehr Handwerk gibt", sagt der Grafikdesigner Fabian Wittmann. Franz Joseph würde sich freuen. (12.9.2018)

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