Dora Kallmus' "Porträts der Entwurzelten": Tristesse im Streiflicht

    7. September 2018, 12:05
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    Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs bildet die Kluft zwischen Dora Kallmus' berühmten Bildern des Glamours und ihren "Porträts der Entwurzelten"

    Drei Jahre hielt sie sich in einem französischen Bergdorf südlich von Lyon vor den Nationalsozialisten versteckt, dann kehrte die jüdische Fotografin Dora Kallmus, Künstlername d'Ora, nach Paris zurück. "Gut nur, dass ich jetzt die Menschen nicht fotografiere, denn es kämen nur lauter Karikaturen heraus", notierte sie in ihrem Tagebuch.

    In Wien hatte die d'Ora beinahe 40 Jahre zuvor ihre steile Karriere als Porträtistin der Wiener Eliten begonnen, ihren Ruhm in den 1920ern und 1930ern als Modefotografin an der Seine ausgebaut. Nach dem Krieg hatte sie alles verloren, Atelier, Status, Besitz – und die ihr verbliebene Familie. Doras Schwester Anna wurde 1941 deportiert und ermordet.

    Entwurzelung und Verlust

    Lange dauerte es nicht, bis sie wieder zur Kamera griff. Aber nicht nur ihre Bildsprache, auch ihre Motive waren nun radikal anders. Statt den Stars Glamour zu verleihen, lichtete sie die Tristesse von Flüchtlingsheimen in Wien und Salzburg und die Apathie der dort lebenden "Displaced Persons" ab. Erfahrungen von Entwurzelung und Verlust hatten zur Zäsur geführt, ihr ein Sensorium für die Trostlosigkeit der Marginalisierten gegeben: "Dass man mir alles genommen hat, kommt der Fotografie zugute".

    Diese überwiegend 1948, vermutlich im Auftrag einer Hilfsorganisation entstandenen Bilder, sind nun im Wiener Photoinstitut Bonartes zu sehen, quasi ein "Spin-off" und spannungsvoller Kontrast zur großen Retrospektive "Machen Sie mich schön, Madame d'Ora!" im Leopold-Museum (bis 29. 10.), so Kuratorin Magdalene Vukovic.

    Dramatisch, fast gespenstisch ist das Licht, in das d'Ora, die nun mit einer handlichen Rolleiflex und nur einem Scheinwerfer arbeitet, die von Trauma und Trauer gezeichneten Gesichter und Szenerien taucht. Oft sind die zahnlosen Alten und die schlafenden Kinder an den Bildrand gerückt, so als wolle die Fotografin deren an den Rand der Gesellschaft gedrängte Identität verbildlichen. Der positiven, die Kontinuität des Alltags von glücklichen Hilfsempfängern hervorstreichenden Bildpolitik von Organisationen wie UNRAA und ihrer Folgeorganisation IRO entsprachen ihre psychologisierenden Aufnahmen nicht. Das könnte ein Grund sein, warum d'Oras Aufnahmen nie publiziert wurden.

    Menschen in Trümmern

    Eines ihrer Fotos zeigt auch das zu zwei Dritteln zerbombte, einst herrschaftliche Salzburger Hotel Europe, in dessen Überresten Donauschwaben untergebracht waren. Ein "Schandfleck", dessen man sich entledigen wollte, galt es doch, rasch zu Tourismus und Festspielseligkeit zurückzukehren. Ruinen der herrschaftlichen Palais fotografierte sie auch in Wien. Etwa das Palais Sina, wo einst die Spitzen der Gesellschaft verkehrten und in dessen verschatteten Trümmern Harry Lime in Der dritte Mann irrlichtert. In faszinierender Weise ähnelt d'Oras theatrale Ästhetik jenen des Filmklassikers. Er erschien im gleichen Jahr ihres Besuchs, 1948. (Anne Katrin Feßler, 7.9.2018)

    Photoinstitut Bonartes, bis 7.11.

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    "Zwischen Austern und Kadavern": Über die Ausstellung "Machen Sie mich schön, Madame d'Ora!" im Leopold Museum

    • Existenzen  am Rand der Gesellschaften, im Zwischenreich von Trauma und Trauer:  d'Oras brillante Aufnahmen  von Trostlosen und Marginalisierten.
      foto: photoinstitut bonartes

      Existenzen am Rand der Gesellschaften, im Zwischenreich von Trauma und Trauer: d'Oras brillante Aufnahmen von Trostlosen und Marginalisierten.

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      foto: photoinstitut bonartes
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