Auf den Spuren antiken Marmors in der Villa Armira

Blog6. September 2018, 08:00
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Römische Marmorsteinbrüche finden und die Herkunft des Marmors von antiken Artefakten bestimmen: Das sind die Ziele des Projekts "Provenance Matters"

Es ist ein Sonntagvormittag, als das Marmorteam des Österreichischen Archäologischen Instituts mit einem weißen Minivan nach Bulgarien fährt. Wir sind eine interdisziplinäre – und interkulturelle – Gruppe von Archäologen, Geologen und Althistorikern. So viele unterschiedliche Spezialisierungen braucht man, um antiken Marmor zu finden, zu analysieren und zu interpretieren. Das Ziel unserer ersten Expedition ist die Region der östlichen Rhodopen an der Grenze zwischen Bulgarien und Griechenland, die sich in der Antike in der römischen Provinz Thrakien befand. Der Zweck unserer Reise ist, die Produktion und den Gebrauch von weißem Marmor in dieser Region in römischer Zeit zu untersuchen. Dafür werden wir Marmorproben von der römischen Villa Armira und von den Steinbrüchen sammeln und sie miteinander vergleichen.

Zuckerwürfel und Kamele

Wir halten zuerst in Sofia, wo die Kollegen des bulgarischen Archäologischen Instituts, Hristo Popow, Weselka Kazarova, Gergana Kabaktschiewa und Sdrawko Dimitrow, auf uns warten. Im archäologischen Museum der bulgarischen Hauptstadt sind Kapitelle und Friesfragmente der Villa Armira aufbewahrt. Mit Hammer und Meißel beginnen Vasiliki Anevlavi und Walter Prochaska kleine Proben von den Rückseiten der Dekorationsstücke zu nehmen. Diese sind idealerweise so groß wie ein halber Zuckerwürfel: Diese Menge Marmor genügt, um alle nötigen Analysen durchzuführen. Es ist schon auf den ersten Blick zu erkennen, dass es sich hier um einen Marmor von ausgezeichneter Qualität handelt.

foto: s. ladstätter/öai
Beprobung eines Pilasterkapitells im Archäologischen Museum, Sofia.

Sieben Steinbrüche

Nach unserer Station in Sofia fahren wir weiter nach Osten in die Rhodopen, und unser Expeditionsteam wird noch größer. Jetzt ist auch der bulgarische Geologe Iwan Iwanow, der diese Berge, ihre geologischen Eigenschaften, aber auch ihre Kräuter und Pilze wie seine eigene Hosentasche kennt, bei uns. Die drei Tage, die wir in den Rhodopen verbringen, sind für mich, die Althistorikerin, extrem lehrreich: Ich erfahre zum Beispiel, dass Marmor und Kalkstein nicht immer so eindeutig zu unterscheiden sind, da Marmor ja aus Kalkstein entsteht und daher Übergangsformen existieren. Dank Iwanow können wir sieben Steinbrüche besuchen und beproben. Manche dieser Steinbrüche wurden bestimmt schon in der Antike verwendet, wie der in Kamilski dol (Tal der Kamele), wo antike unfertige Artefakte aus Marmor gefunden wurden.

foto: v. anevlavi/öai
Eine unfertige römische Grabstele, die beim Marmorsteinbruch in Kamilski dol gefunden wurde.
foto: v. anevlavi/öai
Walter Prochaska nimmt eine Probe von einem Steinbruch entlang des Flusses Armira.

Die glänzende Villa

Über die gewundenen Bergstraßen der Rhodopen erreichen wir endlich die Villa Armira (Region von Iwajlowgrad), von der wir bisher nur zerstreute Stücke gesehen hatten. Unsere Gastgeberin hier ist die Archäologin Gergana Kabaktschiewa, die seit den 1980er-Jahren die Ausgrabungen der Villa leitet. Sie führt uns durch die luxuriösen Räume, die immer mehr Touristen nach Iwajlowgrad locken.

Die Villa Armira verdankt ihren Namen dem Fluss, der an ihr vorüberfließt. In diesem milden Tal hatte in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. ein Wohlhabender eine Residenz für sich und seine Familie gebaut. Mit den neuen Besitzern wurde die Villa in den folgenden Jahrhunderten erweitert und mehrmals renoviert, bis sie im 4. Jahrhundert n. Chr. verlassen wurde.

foto: v. anevlavi/öai
Peristyl der Villa Armira.
foto: v. anevlavi/öai
Arbeitsfoto von einem Pilasterkapitell im Peristyl der Villa Armira.

Woher kommt der Marmor?

Die Villa ist ein Unikat in Bulgarien: Viele Räume sind mit Marmordekoration und feinen Mosaiken ausgestattet. Das Zentrum des Hauses bildet wie bei Griechen und Römern üblich ein prunkvoller Hof, der im Laufe des 2. Jahrhunderts vollständig mit Marmor verkleidet wurde. Die Wände schmücken Marmorplatten mit eingeritztem Dekor und Pilaster, also Pfeiler, die von korinthischen Kapitellen bekrönt werden. Jedes Kapitell ist ein Einzelstück in Stil und Dekoration: Wenn man genau hinschaut, sieht man Schwalben, Satyrn, Schnecken und Eidechsen sowie Adler und Schlangen. Das Wasserbecken des Hofs wird von einem Zaun begrenzt, dessen Pfeilern Köpfe aufgesetzt sind. In der Fachliteratur werden sie als Hermen bezeichnet.

Wir würden uns gerne auf die nachgebauten Triklinia legen, um die Schönheit und die Ruhe der Villa, wie damals ihre antiken Bewohner, zu genießen. Aber zum Entspannen haben wir keine Zeit: Wir müssen so viele Proben wie möglich nehmen. Seit Jahrzehnten fragen sich die Archäologen, wo diese so außergewöhnlichen und qualitätsvollen Ausstattungselemente herkommen. Wurden sie aus hiesigem Marmor gefertigt oder importiert? Woher kam der Marmor, wenn er nicht lokal sein sollte? War der Besitzer, dessen Namen wir nicht kennen, vielleicht ein Marmorhändler, der mit den Steinbrüchen gleich in der Nähe reich geworden war? Wurde hier nur eine Sorte von Marmor verwendet, oder kann man verschiedene finden? Mit unseren naturwissenschaftlichen Analyseverfahren sind wir in der Lage, diese Fragen erstmals zu beantworten.

0,2 Milligramm Marmorpulver

Nach dem Sammeln der Proben vor Ort beginnt die zweite, aber nicht weniger spannende Phase unserer Arbeit: die Analyse des Marmors im Labor. Zuerst werden die Proben zwischen Steinbrüchen und Artefakten aufgeteilt. Die Oberfläche der Artefakte muss oft mit Chemikalien gereinigt werden, da sie Jahrhunderte in Kontakt mit der Luft, mit der Erde, mit dem Regen und mit dem Wind gewesen sind. Alle Marmorstücke werden dann für eine Reihe von Analysen vorbereitet: Petrographie, Isotope, Spurenelemente und Flüssigeinschlüsse. Alle diese Tests sind notwendig, um unterschiedliche Sorten von weißem Marmor zu erkennen.

Die Proben werden in einer Größe, Menge und Form je nach der jeweiligen Analyse geschnitten, gebrochen und gemahlen. Für die Flüssigeinschlüsse braucht man zum Beispiel größere Körner, während für die Isotopen 0,0002 Gramm Marmorpulver ausreichen – das geht gerade einmal auf eine Nadelspitze. Die Aufbereitung der Proben dauert ungefähr zwei Tage, dann folgen die Analysen mit den Maschinen. Die Ergebnisse müssen korrigiert und interpretiert werden, bevor sie in die Datenbank zum antiken Marmor eingegeben werden können. Zuletzt ist eine statistische Untersuchung notwendig, um Steinbrüche und Artefakte zu kombinieren und abzugleichen.

foto: v. anevlavi/öai
Vorbereitung der Marmorproben im Labor, Montanuniversität Leoben.
foto: s. ladstätter/öai
Proben für die Spurenelemente- und Isotopenanalyse.

Neue Antworten, neue Fragen

Beim letzten Schritt dieser Marmorreise werden wir versuchen, die Handelsgeschichte des Marmors in der Provinz Thrakien zu rekonstruieren: Die Analyseergebnisse entsprechen bestimmten Marmorsorten, die jeweils spezifische Charakteristika aufweisen. Das heißt, dass wir in der Lage sind, genau festzustellen, woher der Marmor der Villa kommt, und gleichzeitig den lokalen Marmor der Rhodopen eindeutig identifizieren können, um ihn bei zukünftigen Analysen an anderen Orten zu erkennen.

Jede Antwort führt natürlich zu weiteren Fragen: Könnte der rhodopische Marmor für den Bau neugegründeter Städte im römischen Thrakien verwendet worden sein? War es einfach, Marmor von den Rhodopen zu transportieren? Wurde der Marmor auch exportiert? Wenn ja, wohin? Was hätte das gekostet? Wurden dafür spezialisierte Handwerker aus anderen Teilen des Römischen Reiches gerufen? Diese Rätsel zu lösen ist unsere nächste Herausforderung. (Chiara Cenati, 6.9.2018)

Chiara Cenati ist Althistorikerin und Archäologin. Sie arbeitet am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften für das Innovationsfonds-Projekt "Provenance Matters" zusammen mit Sabine Ladstätter (Archäologin und Direktorin des Instituts), Walter Prochaska (Professor für Geologie an der Montanuniversität Leoben), Fritz Mitthof (Professor für Römische Geschichte an der Universität Wien) und Vasiliki Anevlavi (Archäologin des ÖAI).

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