Das Dilemma der führenden Frauen bei den Grünen

3. September 2018, 19:11
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In jüngster Vergangenheit gab eine ganze Reihe führender Grünen-Politikerinnen vorzeitig auf. Es liegt auch an der Basis, die Druck macht und an den Rollenklischees.

Wien – Ist es bloß Zufall, liegt es am grünen System oder vielleicht an den Machos in der Partei? Es ist jedenfalls nicht wegzuleugnen, dass in der jüngsten Vergangenheit eine Reihe führender Politikerinnen der Grünen vorzeitig aufgegeben hat.

Beginnend bei der ehemaligen Parteichefin Madeleine Petrovic, die angeschlagen ausschied, Ex-Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek, die nach der Wahlniederlage aufgab – während etwa Werner Kogler unverdrossen weitermacht -, über die Grazer Vizebürgermeisterin Lisa Rücker, die ehemalige Salzburger Landeshauptmann-Vize Astrid Rössler bis zu Ex-Parteichefin Eva Glawischnig. Sie alle stiegen aus dem Politikgeschäft aus.

Und aktuell: Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou und die Grazer Stadträtin Tina Wirnsberger kündigten ebenfalls ihre baldigen Rücktritte an.

"Man hat es bei Eva Glawischnig gesehen, aber jetzt auch bei Maria und Tina: Frauen schauen genau, wo ihre Grenzen sind, was sie sich zumuten können", sagt Lisa Rücker, langjährige Grazer Vizebürgermeisterin. Sie hat sich vor drei Jahren aus der Politik zurückgezogen, "um einen neuen Lebensabschnitt zu planen", wie sie erklärte. "Ich glaube, wir Frauen haben mehr Facetten im Leben, hängen nicht nur an der Politik wie Männer, wir sind vielfältiger. Für uns ist auch ein Leben abseits der Politik möglich."

Druck von der Basis

Natürlich übten auch die innerparteilichen Strukturen einen Druck aus, mit dem Frauen vielleicht weniger zurande kommen als Männer, sagt Rücker. "Die eigenen Leute haben ganz massive Erwartung an ihre Leute an der Spitze. Das bekommen vor allem jene zu spüren, die in Regierungsverantwortung sind." Die Politikwissenschafterin Kathrin Stainer-Hämmerle, die auch Politikerinnen coacht, weiß da von den Klagen einer bekannten grünen Spitzenpolitikerin: "Sie erzählte mir, sie setze 80 Prozent der grünen Themen in der Koalition durch, werde aber von der Basis hart kritisiert, weil sie die 20 Prozent nicht durchgebracht hat."

Man müsse beim grünen weiblichen "Exodus" natürlich berücksichtigen, dass in den letzten Jahren wesentlich mehr Frauen bei den Grünen in Spitzenpositionen kamen als in anderen Parteien. Deshalb fielen die Rücktritte auch so massiv auf. Das eigentliche Problem sieht Stainer-Hämmerle in der nächsten Generation. Die Frauen hätten es nicht geschafft, eine neue Generation an Politikerinnen zu fördern. Die Generation der 30-Jährigen falle "total aus". Wenn etwa jetzt in Wien nur zwei Männer um den Vorsitz rittern, sei das "für die Grünen mit ihrem Anspruch eine Katastrophe".

Dass Frauen in Führungspositionen oft vorzeitig aufgeben, liege natürlich auch an den Rollenbildern, die Frauen zu schaffen machen. Männer lernen, früh und besser mit Konflikten umzugehen. Und schließlich: "Ein mächtiger Mann ist ein toller Mann, ein mächtiger Mann ist sexy, eine mächtige Frau unsexy. Je mächtiger sie ist, desto unweiblicher wird sie bewertet. Auch mit diesen Klischees haben Frauen in der Politik zu kämpfen. Auch bei den Grünen", sagt Stainer-Hämmerle. (Walter Müller, 4.9.2018)

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