Chemnitz: Gesellschaft in der Polarisierungsfalle

    Userkommentar3. September 2018, 15:05
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    Im Protest gegen die "Neue Rechte" kopiert ihre Gegnerschaft oftmals deren Polarisierung

    Die Vorkommnisse in Chemnitz schüren Hass auf diejenigen, die ihren Hass so schamlos ausleben. In der Wut auf die Wütenden tappt man aber leicht in die Falle der Spiegelung deren Denkmuster. Mit einfachen Polarisierungen zwischen Links und Rechts oder Gut und Böse ist niemandem geholfen außer jenen, die eine Spaltung der Gesellschaft provozieren.

    "Wir sind mehr"

    Der deutsche Bundespräsident wirbt für die Veranstaltung "Wir sind mehr", die für Montag in Chemnitz mit Auftritten von Kraftklub, den Toten Hosen und weiteren Bands angekündigt ist. Es soll ein Zeichen gegen den rechtsextremen Spuk und gegen die Hatz auf Migranten gesetzt werden. "Wir sind mehr" ist aber auch eine Grenzziehung: Wir, die Vernünftigen, gegen die anderen, die in ihrer Niedertracht eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen.

    "Wir sind mehr" beinhaltet zudem ein quantitatives Argument der demokratischen Legitimierung in einer Zeit, in der gewaltbereite Rechtsradikale durch die Straßen ziehen und jede vierte Wählerstimme an Rechtspopulisten geht. Die Demonstration soll zeigen: Die Zahl derer, die bereit sind, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aufzustehen, ist größer als die Zahl jener, die applaudieren, wenn Fremde durch die Stadt getrieben werden. "Wir sind mehr" ist somit auch Ausdruck der Hoffnung, dass die Demokratie sich nicht selbst abschafft.

    Echo des Hasses

    Diese Denkweise birgt jedoch auch ihre Probleme. Sie reproduziert die Logik der Gegnerschaft, nur mit anderen Vorzeichen: Die "Neue Rechte" hat klare Feindbilder: Die Flüchtlinge müssen raus, das gleichgeschaltete politische Establishment – allen voran Kanzlerin Merkel – muss entmachtet werden, die propagandistische Lügenpresse der Systemmedien muss zum Schweigen gebracht werden, die Linken und Gutmenschen müssen marginalisiert oder bekehrt werden.

    Mit Ausnahme der Asylsuchenden, die mangels gesellschaftlicher Vertretung gezwungenermaßen stumm bleiben, reagieren die Attackierten oft mit Gegenangriffen. Wer "Ausländer raus!" schreit, bekommt ein "Nazis raus!" entgegnet. Wenn der "besorgte Bürger" oder "Wutbürger" Migranten als "Gesindel", "Pack", als "Nichts" oder "Dreck" bezeichnet, sorgt der Gegner der rechtsradikalen Umtriebe dafür, dass die gleichen Begriffe als Echo zum "Nazipack" zurückhallen. Beide Seiten fühlen sich bedroht, besorgt und sehen sich als die Aufrechten, die entweder das Abendland vor seinem Untergang bewahren oder die Gesellschaft vor der Übernahme durch totalitäre Kräfte.

    Links und Rechts

    Die zunehmende Salonfähigkeit rechtsextremer Positionen und Aktionen – auf die österreichische Situation will ich hier nicht eingehen – ist Grund genug, sich gegen totalitäre Tendenzen zu wehren und nicht zuzulassen, dass sich die Geschichte des Nationalsozialismus auch nur ansatzweise wiederholen kann. Doch im Protest gegen die "Neue Rechte" kopiert ihre Gegnerschaft oftmals deren Polarisierung: Wer nicht gegen "Rechts" ist, zählt schnell selbst zum "rechten Mob", und wer mit rechtspopulistischen Positionen sympathisiert, ist ein "Nazi". Auch hier kommt ein Echo zurück: Wer sich gegen Rassismus, Antisemitismus oder zum Beispiel auch Homophobie engagiert, landet ganz schnell in Schubladen, die mit Labels wie "Linke", "links-grün versiffte Gutmenschen", "Autonome Antifa-Linksradikale" oder gar "Linksfaschisten" versehen sind.

    Sachsen-Bashing

    Bemerkenswert war in der vergangenen Woche die Verunglimpfung der "Ostdeutschen" und insbesondere der "Sachsen", die an die pauschale Diffamierung von Flüchtlingen erinnert. Kaum ein Zeitungsartikel zu Chemnitz war online zu finden, bei dem nicht in den Kommentaren gefordert wurde, die Mauer solle wieder errichtet, alle Sachsen abgeschoben, sterilisiert oder auf den Mond geschossen werden. Auch wenn nicht jeder dieser Kommentare erst gemeint ist, zeigt es doch auf beunruhigende Art, wie Denkmuster adaptiert werden, in diesem Fall also sogar die Stigmatisierung einer durch Territorium und Abstammung definierten Bevölkerung.

    Wieso wird kaum nach den Gründen gefragt, warum sich Menschen ausgegrenzt und nicht politisch repräsentiert fühlen? Genauso wie sich unsere westliche Wohlstandsgesellschaft fragen sollte, was ihre eigenen Anteile an den Fluchtursachen in Konfliktregionen und Armutsgebieten sind, sollten gerade jene Westdeutschen, die sich jetzt rund 30 Jahre nach Ende der DDR-Diktatur wieder besonders abfällig über "die Ossis" äußern, Gedanken machen, welchen Anteil die westdeutsche Bevölkerung daran hat, dass ein großer Teil einer ganzen Generation sich perspektivlos und desintegriert fühlt. Und warum wird überhaupt so selten die Frage gestellt, was für strukturelle, biografische und psychosoziale Hintergründe viele Menschen gegenwärtig so hasserfüllt machen?

    Menschlichkeit durch Dialog?

    Man kann fremdenfeindliche Menschen kollektiv als "Nazis" so in eine Ecke stellen, dass man ein eindeutiges Feindbild pflegt, so wie es diese wiederum mit Geflüchteten tun. Besser wäre es jedoch zu fragen: Wie kann ein Dialog gelingen? Es scheint wenig Sinn zu ergeben, mit ideologischen Anführern, gewaltbereiten Randalierern und wütenden Schreihälsen einen Dialog zu suchen; auch mit deren Sympathisanten ist dies sicher nicht leicht. Dialog muss nicht bedeuten, Verständnis für unmenschliche Positionen zu haben, aber sich damit auseinanderzusetzen.

    Nur im Dialog und nicht in der Konfrontation lassen sich die Errungenschaften der deutschen Nachkriegsordnung verteidigen: eine weltoffene, liberale, demokratisch und rechtsstaatlich konstituierte Gesellschaft, mit individuellen Entfaltungsmöglichkeiten, dem Recht auf freie Meinungsäußerung, Schutz vor Verfolgung und so weiter. Sich dabei als naiver "Gutmensch" diffamieren zu lassen, muss man aushalten. Denn das ist nichts anderes als eine perfide Strategie, die darauf abzielt, die Spiegelung einer Schwarz-Weiß-Malerei zu provozieren.

    In Chemnitz wird es hoffentlich "mehr" geben: Mehr als "Wir sind in der Überzahl" und mehr als "Wir sind gegen euch". Das ist in der aktuellen Lage viel verlangt, aber anders wird es nicht gehen, nicht in Chemnitz und auch nicht anderswo. (Ulrich Ermann, 3.9.2018)

    Ulrich Ermann, geboren 1971 in Erlangen (Bayern), ist seit 2012 Professor für Humangeographie an der Karl-Franzens-Universität Graz und leitet das Institut für Geographie und Raumforschung. Vorher hat er acht Jahre lang in Leipzig (Sachsen) gelebt.

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    • Nur im Dialog lassen sich die Errungenschaften der deutschen Nachkriegsordnung verteidigen.
      foto: apa/monika skolimowska

      Nur im Dialog lassen sich die Errungenschaften der deutschen Nachkriegsordnung verteidigen.

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