Rainer Werner Fassbinder: Filmgenie für alle Jahreszeiten

    Video4. September 2018, 07:00
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    Bis Ende Oktober zeigt das Österreichische Filmmuseum das kaum überschaubare Werk des Frühvollendeten. Fünf Liebeserklärungen aus der Redaktion

    Ehedrama

    Unhappy Endings sind bei Fassbinder eigentlich unausweichlich. Doch bleibt bei dem oft als "deutschen Balzac" bezeichneten Regisseur die Wahrheit genug in der Schwebe. Der zeitdehnende Expressionismus seiner Filme, die jeweils lange ausgehaltenen Gesten eröffnen stets überraschende Möglichkeiten für Figuren und ihre Zuschreibungen. In dem Ehedrama Martha (1974) etwa gibt es einen Moment, in dem die von ihrem Gatten (Karlheinz Böhm) sadistisch eingehegte Frau (Margit Carstensen) das ihr zu lesen befohlene Buch über "Staudammstatik" von Herzen referiert. So sehr, dass sie hier, mit dem Rücken zu ihm, selbst ein wenig zur Sadistin wird. Das Wort "Zuschlagstofffestigkeit" hallt lange nach. Welch unheimliche Kraft! (Margarete Affenzeller) 14. 9., 17. 10., jew. 19.00

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    Berühmt auch für Michael Ballhaus' bewegliche Kamera: "Martha".


    Außenseiter

    Entstanden im spanischen Almería, einem damals beliebten Drehort für Italowestern, nimmt Fassbinders Whity (1971) bis heute eine Sonderstellung ein. Vom Publikum abgelehnt und von der Kritik verrissen, ragt dieser Film wie ein vergessener Monolith aus der deutschen Filmlandschaft.

    Whity spielt auf einer Südstaatenplantage. Günther Kaufmann wird als illegitimer schwarzer Sohn des Besitzers von der Familie für deren Intrigen missbraucht. Bis sich Whitys widerständischer Geist regt – und in radikaler Zerstörung und hoffnungsloser Flucht mit Hanna Schygulla mündet. Purer Sarkasmus in Breitwand und Farbe im Gewand einer Südstaatenschnulze. Wie sein Held ist auch dieser Film ein Außenseiter geblieben. (Michael Pekler) 6. 9., 21.00 Uhr

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    Szene aus "Whity".


    Kleinbürger

    Es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, warum man einen unansehnlichen, duckmäuserischen Kleinbürger ins Herz schließen sollte. Und doch geht einem der Titelheld von Warum läuft Herr R. Amok? (1970) so nahe wie keine andere Fassbinder-Figur. R. (Kurt Raab) ist technischer Zeichner, der nicht weiß, in welche Materie er seine Sehnsüchte, seine brachliegenden Gefühle investieren soll. Die Mühlen der sozialen Disziplinierung zermahlen den Familienvater allmählich zu Staub. Im Verein mit Koregisseur Michael Fengler entwirft Fassbinder ein Lehrstück in Technicolor, an dessen Ende rohe Gewalt steht. Im Ohr aber hallt ein Schlager von Christian Anders nach (Geh' nicht vorbei): ein Hinweis auf die notwendige Tröstung durch die Lügengebilde der Kulturindustrie. (Ronald Pohl) 11. 10., 19.00 Uhr



    Fremdenhass

    Nüchtern, aber nicht mutlos, und bar jeder Sentimentalität, aber voller Empathie: Der Blick, mit dem Rainer Werner Fassbinder das ungewöhnliche Liebespaar Emmi und Ali in Angst essen Seele auf (1973) in Szene setzt, brennt sich einem für immer ein. Die von Fremdenhass durchdrungene Feindlichkeit, mit der die Umgebung auf die Liaison zwischen einer 60-jährigen Putzfrau und einem gut 20 Jahre jüngeren marokkanischen Gastarbeiter zunächst reagiert, lässt sich unerfreulich leicht im Heute wiederfinden. Mit meisterhafter Einfachheit zeigt Fassbinder Menschen in ihren Verstrickungen. Das von Brigitte Mira und El Hedi ben Salem verkörperte Paar, das sich sein Glück nicht so einfach nehmen lässt, macht unverändert Mut. (Karl Gedlicka) 13. 9., 19.00

    ali cherri
    Eröffnungsszene aus "Angst essen Seele auf".


    Dekadenz

    Ein Film wie ein vergessenes Glas Champagner: zwar nur noch schwerfällig prickelnd, und doch verlockend in seiner Dekadenz. Rainer Werner Fassbinder zeichnet Margit Carstensen und Hanna Schygulla in Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972) als ungleiche Liebhaberinnen, er zeigt die mondäne Modedesignerin und das Model in einem prunkvollen Apartment – und ausschließlich in diesem. Pelzkragen und Perücken rahmen die Gesichter der Darstellerinnen, die Tränen rinnen langsam über Porzellanteints, Michael Ballhaus' Kamera schwebt durch die Innenräume. Die ausgestellte Künstlichkeit des Films erzeugt einen surrealen Raum, in dem Liebe und Machtbegehren zu einem hypnotischen Ganzen verschmelzen. (Lili Hering, 4.9.2018) 7. 9., 15. 10., jeweils 21.00

    • Galt als Enfant terrible und Motor des Neuen Deutschen Films: Rainer Werner Fassbinder.
      foto: filmmuseum/patrick la banca

      Galt als Enfant terrible und Motor des Neuen Deutschen Films: Rainer Werner Fassbinder.

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