Wie digital soll das Bildungssystem der Zukunft sein?

    Kommentar der anderen2. September 2018, 16:47
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    Die Digitalisierung der Bildungssysteme macht abhängig, etabliert rigide Kontrollsysteme, stilisiert Ahnungslosigkeit zu einer Form des Wissens und vereinheitlicht alles unter einer Oberfläche: Unbildung 4.0

    Die Frage, wie digital das Bildungssystem der Zukunft sein soll, lässt sich klar beantworten: so wenig wie möglich. Und dies einfach deshalb, weil Bildung die Digitalisierung weder in einem besonderen Maße erfordert noch kategorisch ausschließt. Solange Bildung mit dem Beherrschen grundlegender Kulturtechniken, der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, dem Erwerb von Wissen, dem Verständnis von Zusammenhängen, den Kenntnissen der bedeutenden Dokumente der Künste und Literaturen, der Formung der eigenen Persönlichkeit in Hinblick auf Mündigkeit und Autonomie, der Schulung moralischer Sensibilität zu tun hat, ist für diesen Prozess die Frage der Digitalisierung einfach sekundär.

    Neugier und die Lust am Wissen, die Freude am Lesen, das Verständnis für die Methoden und Ergebnisse der Wissenschaften, die Beherrschung von Fremdsprachen, der Sinn für historische Zusammenhänge, die Schulung des ästhetischen Geschmacks, die Bildung einer politischen und moralischen Haltung gegenüber der Welt – all das kann erworben, geübt, verfeinert und weiterentwickelt werden ganz ohne Digitalisierung.

    Das heißt nicht, dass man auf digitale Techniken nicht auch zurückgreifen kann, manches mag dadurch rascher und leichter gehen, und die bürokratischen Prozesse in Bildungssystemen, von der Organisation des Unterrichts bis zur Verwaltung der an- und abfallenden Daten, werden auf die Segnungen der Digitalisierung nicht verzichten. Mit Bildung in einem emphatischen Sinn hat das aber nur am Rande zu tun. Und bislang zumindest gibt es keine stichhaltigen Untersuchungen oder Beobachtungen, die zeigen könnten, dass die Digitalisierung des Unterrichts Lernprozesse wesentlich beschleunigt oder verbessert. In manchen Ländern verschwinden die Tablet-Klassen so schnell, wie sie gekommen sind, denn die negativen Auswirkungen eines zu frühen oder falschen Einsatzes digitaler Technik im Unterricht zeigen sich rasch. Das Ablenkungspotenzial ist groß, die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, Flüchtigkeit wird zur dominanten Aneignungsform, Fantasie und Kreativität werden stranguliert, die Gedächtnisleistungen leiden ebenso darunter wie der Sinn für einen langen Atem, ohne den Bildung nicht gelingen kann.

    Die Tendenz aller Digitalisierung besteht darin, Menschenwerk zu automatisieren. Das gilt auch für die Bildung, sofern diese auch als Prozess der Arbeit an der Welt und an sich selbst gedeutet wird. Das aber bedeutet: Die Applikationen und Algorithmen helfen uns nicht, uns zu bilden, sondern sie nehmen uns die Bildung ab. Unsere digitalen Assistenten lesen für uns und lesen uns das, was sie uns zumuten wollen, vor; wir können ihnen befehlen und diktieren. Wir müssen weder selbst lesen noch schreiben können, um informiert und kommunikationsfähig zu sein. In den Clouds lagert alles Wissen dieser Welt, physikalisch weit weg und doch nur eine Geste entfernt. Wir könnten, wenn wir wollten, jederzeit darauf zugreifen – aber wer will schon?

    Früher wäre es wohl niemandem eingefallen, einen Menschen, der neben einer Bibliothek wohnt und diese jederzeit betreten könnte, es aber nie tut, als gebildet zu bezeichnen. Wir hingegen verwechseln gerne die Möglichkeit des Zugriffs auf Wissen mit dem Wissen selbst. Der gern geäußerte Satz, dass es nicht mehr darum geht, etwas zu wissen, sondern darum, zu wissen, wo man nachschlagen kann, drückt diese verhängnisvolle Verwechslung prägnant aus.

    Natürlich wird die Digitalisierung unser Leben bestimmen. Bildung aber bestünde im Anspruch, diesem Prozess souverän, gestaltend und selbstbewusst begegnen zu können, und nicht darin, sich diesem blind zu unterwerfen. Wer junge Menschen zu einer reflektierten und kritischen Haltung gegenüber sozialen Medien, Filterblasen, automatisierten ideologischen Botschaften und den Verführungen einer digitalen Zerstreuungsindustrie erziehen möchte, wer ihre Sensibilität angesichts der sozialen und ethischen Fragen, die der Einsatz künstlicher Intelligenz aufwerfen wird, wecken möchte, kann sich nicht darauf beschränken, das Programmieren als neue Kulturtechnik zu propagieren. Wichtiger wird es sein, jene Formen des Denkens, Kommunizierens, Wissens und Fühlens zu schulen, die sich auch anderen Quellen, Methoden und Erfahrungen verdanken und deshalb einen anderen, auch distanzierteren Zugang zur digitalisierten Welt erlauben. Da es ohnehin nicht zu verhindern ist und auch nicht verhindert werden soll, dass junge Menschen in eine digitale Welt hineinwachsen, wird es zu einer entscheidenden Aufgabe von Bildungseinrichtungen, zu zeigen, was es sonst noch an Wissenswertem, an Schönem, an Erfahrungsmöglichkeiten, an Denkwürdigem gibt.

    Chancen in der Arbeitswelt

    Nur eine Bildung, die sich ihrer nichtdigitalen Dimension und Verantwortung bewusst ist, wird übrigens die Chancen der jungen Menschen auf die digitalisierte Arbeitswelt der Zukunft wahren. Das klingt paradoxer, als es ist. Denn in dieser Welt werden nur jene reüssieren, deren Kenntnisse und Fähigkeiten nicht automatisiert werden können und die imstande sind, mit Automaten zu leben und zu arbeiten, ohne sich in deren Abhängigkeit begeben zu müssen. Bildung wird in naher Zukunft nicht die Aufgabe haben, junge Menschen auf Arbeitsplätze vorzubereiten, sondern darauf, ohne traditionelle Arbeit sinnvoll zu leben.

    Dazu wird viel Kraft, Fantasie und ein Ideenreichtum notwendig sein, den nur eine Bildung vermitteln kann, die sich nicht selbst an ein Konzept von Digitalisierung verraten hat, durch das sie nicht befördert, sondern sabotiert wird. Wilhelm von Humboldt hat einmal angemerkt – und niemand Geringerer als John Stuart Mill, der große Denker des Liberalismus, hat dies unterstrichen -, dass zur Bildung eines Menschen nur zwei Dinge nötig sind: Freiheit und Mannigfaltigkeit der Situationen. Die Digitalisierung der Bildungssysteme verhindert beides. Sie macht abhängig, etabliert rigide Kontrollsysteme, stilisiert Ahnungslosigkeit zu einer Form des Wissens und vereinheitlicht alles unter einer Oberfläche: Unbildung 4.0. (Konrad Paul Liessmann, 2.9.2018)

    Konrad Paul Liessmann (Jg. 1953) ist Essayist und Kulturpublizist. Er war Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien.

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