Rundschau: Lauft, der Weltenzerstörer kommt!

    Ansichtssache20. Oktober 2018, 10:00
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    foto: heyne

    Cixin Liu: "Weltenzerstörer"

    Klappenbroschur, 122 Seiten, € 9,30, Heyne 2018 (Original: "Ren he tunshizhe", 2002)

    Huiuiuiuiui.

    Dabei klang die Ausgangslage durchaus vielversprechend ... und vertraut obendrein: Wie in seinem später veröffentlichten Welterfolg "Die drei Sonnen" lässt Cixin Liu auch in dieser 16 Jahre alten Novellette der Menschheit eine Warnung vor einer Bedrohung durch übermächtige Außerirdische zukommen. In 100 Jahren werde ein ringförmiges Alienkonstrukt von 50.000 Kilometer Durchmesser eintreffen und sich um die Erde legen, um den Planeten buchstäblich auszusaugen. Größer als Roland Emmerich!

    Diese Botschaft trifft mit einem Kristall ein, den eine andere, freundlich gesinnte Spezies ins Sonnensystem gesandt hat. Als ein menschliches Erkundungskommando ihn erreicht, erscheint die Projektion eines Mädchens und plärrt (im Vakuum): "Der Weltenzerstörer kommt! Der Weltenzerstörer kommt!" Dieses an jeden Satz angehängte Gekreisch hat mich absurderweise in den Schwedischunterricht zurückgeflasht, als wir Strindbergs "Gespenstersonate" gelesen haben, in der ja die Dame des Hauses in einem Schrank lebt und von Zeit zu Zeit wie ein Papagei losschnattert. Man sieht, zu diesem Zeitpunkt hatte ich "Weltenzerstörer" unbewusst noch in einen recht anspruchsvollen literarischen Kontext gestellt.

    Seid ihr alle daaaaa?

    Aber hier wird ein anderes Stück aufgeführt. Und weil in einem Kasperletheater das Krokodil nicht fehlen darf, trifft als Vorbote des Weltenzerstörers auch ein Echsen-Kaiju auf der Erde ein. Das frisst eines der versammelten Staatsoberhäupter, erklärt den Menschen anschließend, wie der Angriff ablaufen wird (interessante Taktik), verheißt ihnen, dass die Überlebenden als Fleischlieferanten dienen werden, und gefällt sich bärig im Ausleben des "Puny humans"-Klischees: "Haha, was seid ihr bloß für zarte, weiße Würmchen! Ein drolliges Völkchen!" Zusammen mit dem Plärren der Kristall-Insassin ("Der Weltenzerstörer kommt! Habt ihr denn gar keine Angst vor ihm?") ist das so überdreht, dass es auf eine Satire hoffen lässt und als solche auch lustig wäre.

    Allein es ist keine, wie der weitere Verlauf zeigt. Eher eine holzschnittartige Parabel mit albernen Einsprengseln oder die Skizze einer Erzählung, sprachlich schlicht und mit einem Twist versehen, der das Ganze definitiv nicht besser macht. Ich habe auf Tiefgründigkeit gehofft, aber sie hat sich mir nicht erschlossen. Und am Ende darf das Krokodil auch Krokodilstränen vergießen: "Vor mir und meinen Nachkommen liegt nur das unendliche Universum mit seiner ewigen Nacht und seinen unaufhörlichen Kriegen. Wie könnten wir darin je ein Zuhause finden?" Bei seinen Worten wurde der Boden zu seinen Füßen nass. Ob von seinen Tränen, wusste niemand zu sagen.

    Bandbreite nach unten erweitert

    Meine persönliche Bilanz zu Cixin Liu fällt bislang gemischt aus. "Der dunkle Wald" hat mir wirklich gut gefallen. Dessen Vorgänger "Die drei Sonnen" und die Novelle "Spiegel" waren o.k., aber keineswegs überragend. Und jetzt das. Angesichts der beispiellosen Lobeshymnen, die seit Jahren auf den Autor einprasseln, drängt sich einem da doch ein weiterer literarischer Verweis auf – nämlich "Des Kaisers neue Kleider". Mit dem entscheidenden Unterschied vielleicht, dass das Kind, das in Andersens Märchen "Aber er hat ja gar nichts an!" ruft, noch am ehesten von "Weltenzerstörer" begeistert sein dürfte. Denn dies hier ist ein Kinderbuch.

    Apropos "Buch" noch: Um die kurze Erzählung im Kielwasser der Cixin-Liu-Mode als Einzelband auf den Markt bringen zu können, musste sich der Verlag schon ziemlich strecken. Die eigentliche Geschichte ist keine 70 Seiten lang. Den Rest des Umfangs machen ein Nachwort zu chinesischer Science Fiction (ohne Bezugnahme auf "Weltenzerstörer"), ein langes Exzerpt des nächsten April erscheinenden Abschlussbands der "Trisolaris"-Reihe und Erläuterungen zu Schreibweise und Aussprache des Chinesischen aus (theoretisch interessant, aber gerade hier skurril unnötig, weil in der ganzen Geschichte kein einziger Name genannt wird).

    Fazit: Kann man sich wirklich sparen. Und wenn schon aus keinem anderen Grund, dann aus dem, dass "Weltenzerstörer" eh im Storyband "Die wandernde Erde" enthalten sein wird, der im Dezember erscheint. Und darin hoffentlich das untere Ende der Qualitätsskala markiert.

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