Rundschau: Lauft, der Weltenzerstörer kommt!

    Ansichtssache20. Oktober 2018, 10:00
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    Was, wenn sich die Beatles nie aufgelöst hätten oder Deutschland zur nanotechnologisch gesteuerten Diktatur wird? Neue SF-Romane für den Herbst

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    foto: gollancz

    Stephen Baxter: "Xeelee: Redemption"

    Broschiert oder gebundene Ausgabe, 432 Seiten, Gollancz 2018, Sprache: Englisch

    Die Gerüchte haben gestimmt: Nach fast 30 Jahren und Dutzenden Erzählungen bekommen wir in diesem Band tatsächlich zum ersten Mal einen leibhaftigen Xeelee zu sehen! Wie die (ungewollte) Nemesis der Menschheit aussieht, sei hier nicht verraten – die Überraschung wird sich freilich in Grenzen halten. Das macht aber nichts, denn in "Xeelee: Redemption" nimmt uns Stephen Baxter wieder einmal zu einem derart atemberaubenden Rundflug durch das Wunderland der Hard SF mit, dass uns zum Zeitpunkt der Enthüllung ohnehin schon die Sinne abgestumpft sind.

    Achtung, Spoilergrenze für den Vorgängerband! Wer "Xeelee: Vengeance" noch nicht gelesen hat, sollte diesen Absatz überspringen, um sich dessen Schlussfeuerwerk nicht zu verderben. "Vengeance", das mit "Redemption" eine Duologie bildet, endete mit der De-facto-Demontage des Sonnensystems. Ein Xeelee-Raumschiff hat die von Menschen besiedelten Himmelskörper in Lavasuppe verwandelt. Die Erde selbst konnte mit knapper Not gerettet werden, indem sie durch ein Wurmloch in den Kuipergürtel evakuiert wurde. Fern der Sonne friert sie allerdings zu – laufend starten nun Archen, um die Menschheit über die Galaxis zu verstreuen und ihr durch großräumige Verteilung das Überleben zu sichern: im Grunde die gleiche Strategie wie der "Goldene Pfad" in den "Dune"-Romanen, und Baxter verwendet mit Scattering sogar dasselbe Wort dafür.

    So geht es weiter

    Nach dem verheerenden Angriff hat Wissenschafter Michael Poole, der herausragende Kopf der Menschheit, dem Xeelee Rache geschworen. Und fliegt ihm mit drei Raumschiffen, die nicht schneller als das Licht sind, zum 25.000 Lichtjahre entfernten Milchstraßenzentrum hinterher (ebenso viele Jahre wird daher der Trip für Außenstehende dauern, während an Bord dank Zeitdilatation nur wenige Jahre verstreichen). Es ist ein Wahnsinnsplan, nicht nur aufgrund des Zeithorizonts, sondern vor allem angesichts des technologischen Unterschieds zwischen Menschen und Xeelee: Als würde eine Raupe den Kampfjet, der ihren Baum abgefackelt hat, über den Ozean bis zu seiner Militärbasis verfolgen wollen. Aber von geringen Chancen lässt sich ein Poole nicht beirren.

    Mit einem Trick baut Baxter von Anfang an Distanz zu seinem getriebenen Protagonisten auf: Hauptfigur von "Redemption" ist nicht Michael Poole selbst, sondern dessen virtuelle Kopie Jophiel. Solche Virtuals (man kann sie sich in etwa wie den Holo-Doc aus "Voyager" vorstellen) werden in der Romanwelt anlassbezogen angefertigt und meistens bald wieder samt ihren Erfahrungen ins Original "reintegriert". Jophiel allerdings bleibt autonom und entwickelt sich von seinem Original in eine etwas nachdenklichere und letztlich menschlichere Richtung weiter. Er stimmt uns früh darauf ein, auf welche Botschaft der Roman letztlich hinausläuft: nämlich wie leer sich blinde Rache anfühlen kann.

    An dieser Stelle sei auf den Titel hingewiesen. "Redemption" (also die Erlösung von Schuld) gilt hier zweifach: zum einen für Michael Poole, dessen Pioniertaten die Menschheit ein ums andere Mal in Ereignisse von kosmischer Tragweite gestürzt haben – in den früheren Erzählungen ebenso wie in der aktuellen Duologie, die einen alternativen Geschichtsverlauf etabliert hat. Der Begriff lässt sich aber auch auf die Xeelee beziehen, deren jahrtausendelanger Krieg mit der Menschheit letztlich auf einem Missverständnis basierte. Dass die Absichten der Xeelee nie bösartiger Natur waren, wurde früher schon angesprochen und wird in diesem Roman noch einmal stark hervorgekehrt.

    Was geboten wird

    "Redemption" ist geradezu eine Revue an SF-Motiven. Generationenschiffe, Aliens und virtuelle Existenzen kommen darin ebenso vor wie das Thema Evolution und die Frage nach dem Schicksal der Menschheit, das vielleicht größte Big Dumb Object aller Zeiten (dazu später noch mehr) und so zum Drüberstreuen das Werden und Vergehen des ganzen Universums. Und was den bereits etablierten Xeelee-Themenpark anbelangt, dürfen sich Altfans auf ein Wiedersehen mit den Silbergeistern und den Qax, dem Großen Attraktor und der ekeligen Schwarmlebensform aus dem Unterzyklus "Kinder des Schicksals" freuen. Es gibt sogar Verweise, bei denen sich in einem Baxter-Quiz die Spreu vom Weizen trennen würde – Stichwort Goobers Stern ... Aber keine Angst: Die Duologie lässt sich auch locker für sich allein lesen.

    Im Wesentlichen gliedert sich der Roman in drei Abschnitte. Im ersten sind wir an Bord der Verfolgerflotte, im zweiten besuchen wir ein System, dessen Stern gerade gezielt zur Nova-Explosion gebracht werden soll (sowas fällt im Baxter'schen Kosmos noch unter kleinere Ereignisse). Im dritten schließlich bekommen wir es mit der Hauptattraktion des Romans zu tun: einer gigantischen radförmigen Struktur, die der flüchtige Xeelee im Zentrum der Milchstraße konstruiert hat. Rein vom Plot her sind die Parallelen zu Larry Nivens "Ringwelt" hier unübersehbar – es spielt sich bloß alles in wesentlich größeren Dimensionen ab.

    Das größte BDO ever

    Das Xeelee-Rad hat einen Durchmesser von zwei Lichtjahren und rotiert mit annähernd Lichtgeschwindigkeit. Dadurch vergrößert sich nicht nur seine Fläche gewaltig (ein spannender Nebeneffekt relativistischer Geschwindigkeit, den Baxter zusammen mit vielen anderen physikalischen Phänomenen in lockerem Ton erklärt), es macht die ganze Konstruktion auch gewissermaßen zu einer Zeitmaschine.

    Für jeden Tag, den unsere winzigen Helden auf dem rasenden Rad verbringen, vergehen draußen im All 14.000 Jahre. Da spüren wir den Atem der Ewigkeit, wenn Michael, Jophiel & Co flüchtige Eindrücke von den Aktivitäten ihrer fernen Nachfahren draußen in der Milchstraße erhaschen und nur noch spekulieren können, wie es denen wohl ergeht. (An dieser Stelle sei noch einmal auf Peter Watts' famose Novelle "The Freeze-Frame Revolution" verwiesen, die ein ähnliches Gefühl der Entrückung hervorzurufen vermag.)

    Wenn sich an einer Stelle Michaels Weggefährtin und Kritikerin Nicola an dessen kopiertes Bewusstsein wendet, dann scheint sie ihren Kommentar in Wahrheit an Stephen Baxter selbst zu richten: "You always were one for spectacle, weren't you?"

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