Klimaziele: "Grüne" Lösungen mit Wohlfühlfaktor werden nicht reichen

    Userkommentar31. August 2018, 19:49
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    Es braucht neue, wirkungsmächtige Partnerschaften. Denn eins ist klar: freiwillige Maßnahmen wie der Verzicht auf Plastiksackerln sind zu wenig, um die Ziele zur Emissionsreduktion zu erreichen

    Die Suche nach Lösungen zur Erreichung der Klimaziele des Pariser Abkommens ist in Österreich gesellschaftsfähig geworden. Spitzte man die Ohren bei den Pausengesprächen des diesjährigen Forums Alpbach, so ließen sich in erstaunlicher Frequenz einschlägige Schlagwörter und Wortfetzen – Green Finance, Climate Bonds, Divestment oder CO2-Steuer – vernehmen. Ein Indiz dafür, dass das globale Klimaschutzabkommen auch unter den heimischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern das Bewusstsein um die Dringlichkeit konkreter nächster Schritte zur Emissionsreduktion erhöht hat.

    Die Entwicklungen der letzten Jahre führen uns vor Augen, dass es sich, einmal abgesehen von den sozialen und ökologischen Folgen, auch um ein Problem mit ökonomischer Sprengkraft handelt, welches, wenn wir weiter zuschauen, bis zur Mitte des Jahrhunderts allein in Österreich jährliche Folgekosten in vielfacher Milliardenhöhe mit sich bringen wird. So erreichen zum Beispiel die wirtschaftlichen Schäden durch Extremwetterereignisse wie Hagel, Stürme oder Dürren nicht nur in Österreich ständig neue Rekorde.

    Klima-Berglauf

    Um einem weiteren Anstieg der Schäden entgegenzuwirken, heißt es jetzt anpacken. Das Ende des "fossilen Zeitalters" wurde von Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) nicht nur in Alpbach, sondern bereits im April dieses Jahres anlässlich der damals präsentierten Klima- und Energiestrategie verkündet. Jetzt gilt es, sich in Österreich mit der Fülle möglicher Umsetzungsstrategien und Maßnahmen auseinanderzusetzen und die effizientesten auszuwählen.

    Oder um es in eine österreichische Metapher zu packen: Was wir hier vor uns haben, ist eine Erstbesteigung. Wir sehen aus weiter Ferne (mittlerweile) den Gipfel. Neben uns liegt eine Menge Material, Karten und Ausrüstung. Den Umgang damit sollten wir uns schnell aneignen. Denn die Zeit drängt. Es wird wohl ein Berglauf werden und keine gemütliche Sonntagstour – aber mit einem sehr lohnenden Ziel!

    Neue Partnerschaften

    Doch wie gehen wir es an? Wie dekarbonisiert man in kurzer Zeit ein prosperierendes, demokratisches westliches Land, ohne dabei den gefürchteten Kollateralschaden "Wohlstandsverlust" heraufzubeschwören, sondern ganz im Gegenteil das darin liegende Potenzial von mehr Wohlstand zu heben? Eine Antwort, die sich im Rahmen der politischen Gespräche in Alpbach herauskristallisiert hat, lautet: mit neuen Partnerschaften.

    Ein Beispiel für eine bereits funktionierende Klimapartnerschaft ist das Climate Change Center Austria (CCCA), Dachorganisation der österreichischen Klimawissenschaft, welche sich in den letzten Jahren in Österreich als Anlaufstelle und Knotenpunkt von Forschung, Politik, Medien und Öffentlichkeit zu Fragen rund um den Klimawandel etabliert hat.

    Aber auch ein Blick ins Ausland könnte sich als hilfreich erweisen, schließlich stehen wir mit dieser Herausforderung nicht alleine da. Schweden hat es beispielsweise geschafft, seine Treibhausgasemissionen seit 1990 deutlich zu reduzieren, ohne dabei wirtschaftlichen Wohlstand einzubüßen. Bei einer Reduktion der Treibhausgasemissionen um 27 Prozent ist die Wirtschaft in Schweden deutlich stärker gewachsen als zum Beispiel in Österreich, wo es in dieser Zeitspanne auch noch zu keiner Reduktion der Emissionen kam.

    Klarer Fahrplan

    Schweden hat einen klaren Fahrplan, seine Treibhausgasemissionen bereits 2045 auf null zu reduzieren, und gibt damit ein Ambitionsniveau vor, von dem sich andere Länder eine Scheibe abschneiden könnten. Ola Altera, Geschäftsführer des schwedischen Climate Policy Council, erklärte in Alpbach, dass ambitionierter Klimaschutz von schwedischen Unternehmen längst als "Business Case" entdeckt wurde, gepaart mit der Einsicht, dass weiterzumachen wie bisher aus einer ökonomischen Perspektive schlichtweg keine Option mehr darstellt.

    Den schwedischen Weg ebnete einerseits ein breiter politischer Schulterschluss. Sieben von acht Parteien stimmten dem Entwurf des am 1. Jänner 2018 in Kraft getretenen Gesetzes zu. Andererseits fußt dieser Erfolg auch auf der breiten Einbindung von Stakeholdern und auf dadurch entstandene neue Partnerschaften zwischen Umwelt und Industrie. So wird zum Beispiel die Initiative "Fossil Free Sweden" auch maßgeblich getragen von den gewichtigen Industriesektoren wie der Zement- und Betonindustrie, dem Bergbau und dem Güterfrachtverkehr.

    Klimawandelklagen

    Ein weiteres Blitzlicht wurde in Alpbach auf die rechtliche Ebene gerichtet. Auch hier tut sich etwas in Sachen neue Allianzen für den Klimawandel. Kleine Akteure schließen sich zusammen und klagen große Firmen oder Länder, ziehen sie für Klimafolgen und ihren gleichgültigen Umgang mit dem Thema Klimaschutz zur Verantwortung. So geschehen im sogenannten Urgenda-Fall, wo 886 Bürgerinnen und Bürger in den Niederlanden vor Gericht gingen, um die niederländische Regierung zu effektiveren Klimaschutzmaßnahmen zu verpflichten. In erster Instanz wurde ihnen bereits Recht zugesprochen. Weltweit gibt es bereits mehr als 1.000 solcher Fälle, Tendenz steigend. Dies zeigt, dass es künftig für Unternehmen und Staaten auch teuer kommen kann, wenn sie im "Business as usual" verharren.

    Ziele verinnerlichen

    Die Gespräche in Alpbach zeigen, dass die großen Player in Österreich die Notwendigkeit, den Klimawandel ernst zu nehmen, erkannt haben. Dabei sind alle Akteure auf politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene aufgerufen mitzuwirken.

    Die Herausforderung wird sein, die Hebel zu betätigen, die einen wirklich großen Impact haben. Und nicht, wie von Regisseur Werner Boote ("Green Lie") dargelegt wurde, lediglich scheinbar "grüne" Lösungen zu forcieren, welche durch den Glauben, "Gutes" zu tun, einen Wohlfühlfaktor mit sich bringen, aber hinsichtlich des Klimawandels kaum ins Gewicht fallen. Denn die gemeinsame Erklimmung des Gipfels ist dringend – und wird nicht erfolgreich sein, wenn wir es nur bei individuell freiwilligen Maßnahmen belassen, wie dem Verzicht auf Plastiksackerln.

    foto: apa/helmut fohringer

    Als Grundvoraussetzung kristallisiert sich aus den Alpbacher Blitzlichtern eine Zutat heraus, die in allen Fällen wesentlich war, um neue, wirkungsmächtige Partnerschaften einzugehen und dadurch ebenso ge- wie entschlossen dem Klimawandel zu begegnen: die notwendige Umgestaltung zum eigenen Anliegen zu machen – auf allen Ebenen. Die Ziele des Pariser Abkommens als eigene Ziele zu verinnerlichen. Diese Grundmotivation werden wir alle brauchen, um gestärkt in der Zusammenarbeit mit neuen Partnern tatsächlich den Weg zum Gipfel zu schaffen. (Sybille Chiari, Isabella Uhl-Hädicke, 31.8.2018)

    Sybille Chiari ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Universität für Bodenkultur in Wien.

    Isabella Uhl-Hädicke ist Senior Scientist im Umweltmanagement und Fachbereich Psychologie an der Universität Salzburg.

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