Klimawandel macht Schädlinge hungriger

30. August 2018, 20:00
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Steigende Temperaturen begünstigen nicht nur die Ausbreitung von Insekten, sondern beschleunigen auch deren Stoffwechsel – mit dramatischen Folgen

Die Landwirtschaft der Zukunft wird nicht nur mit unmittelbaren Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben. Während sich etwa manche Regionen der Erde auf zunehmende Trockenheit einstellen müssen, andere wiederum stärkere Regenfälle und häufigere Extremwetterereignisse zu erwarten haben, könnte auch ein indirekter Faktor drastisch zu Buche schlagen: Insekten.

Zuletzt war hierzulande viel vom massenhaften Verschwinden vor allem nützlicher Bestäuber zu hören – als Hauptursachen für dieses Insektensterben stehen Pestizide und Monokulturen in der Agrarwirtschaft im Verdacht. Zu den großen Verlierern des Klimawandels zählen Insekten aber keineswegs.

Große Verluste möglich

US-Forscher haben nun vorgerechnet, welche Auswirkungen der globale Temperaturanstieg auf Schadinsekten der wichtigsten Nahrungspflanzen haben könnte. Ihre Prognosen, die sie im Fachblatt "Science" veröffentlichten, zeichnen ein düsteres Bild: Die weltweiten Ernteverluste von Weizen, Mais und Reis könnten pro gestiegenem Grad Celsius um zehn bis 25 Prozent zunehmen.

Ein Anstieg um zwei Grad hätte im Schnitt jährliche Ernteeinbußen im Ausmaß von 213 Millionen Tonnen zur Folge. Betroffen wären insbesondere die gemäßigten Zonen, in denen wichtige Anbaugebiete dieser Grundnahrungsmittel liegen. Die drei Nutzpflanzen machen heute etwa 42 Prozent der gesamten menschlichen Ernährung aus. In Europa könnte vor allem der Weizenanbau stark leiden.

Veränderter Metabolismus

Als Hauptursachen führen die Wissenschafter um Curtis Deutsch von der University of Washington in Seattle zwei Faktoren an. Höhere Temperaturen begünstigen das Populationswachstum von Insekten, wenn auch in regional sehr unterschiedlichem Ausmaß. In tropischen Gefilden, wo jetzt schon ideale Bedingungen für Insekten herrschen, würde ein Temperaturanstieg das Populationswachstum eher bremsen.

In unseren Breiten wäre der Effekt allerdings genau umgekehrt: Noch ist es für die optimale Ausbreitung zu kühl – je wärmer, desto bessere Bedingungen für Insekten. Vor allem aber verändert sich auch die Stoffwechselrate der Sechsfüßer. Wärme kurbelt den Metabolismus und damit den Nahrungsbedarf von Insekten an – zum Schaden der Landwirtschaft.

"Trotz aller Unsicherheiten, die solche Modellprognosen naturgemäß begleiten, ist sicher von unwirtlicheren Bedingungen für die Landwirtschaft der Zukunft auszugehen", kommentiert der Agrarökologe Teja Tscharntke von der Universität Göttingen die Studie. Die Modellberechnungen würden viele wichtige Faktoren berücksichtigen und einmal mehr verdeutlichen, dass die gegenwärtige Praxis beim Nutzpflanzenanbau zu überdenken sei.

Viele Unklarheiten

Allerdings bleiben viele Fragen offen: Wie sich etwa die Landwirtschaft in den gemäßigten Zonen künftig verändern wird und wie einzelne Insektenarten und ihre natürlichen Feinde auf den Temperaturanstieg reagieren werden, ist weitgehend unklar – und auch in der aktuellen Studie kein Thema.

Die Forscher um Deutsch kommen jedenfalls zum Schluss, dass trotz gesundheitlicher und ökologischer Risiken mehr Pestizide notwendig werden könnten, um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Vordringliches Ziel müsse aber eine Begrenzung der Erderwärmung sein, so Deutsch: "Wir haben keine Wahl, ob wir eine Erderwärmung wollen oder nicht. Aber wir können entscheiden, in welchem Ausmaß wir sie tolerieren." (David Rennert, 30.8.2018)

  • Ein Westlicher Maiswurzelbohrer labt sich an einer Maispflanze. Diese Blattkäfer verursachen enorme Schäden in der Landwirtschaft – und dürften vom Klimawandel profitieren.
    foto: picturedesk

    Ein Westlicher Maiswurzelbohrer labt sich an einer Maispflanze. Diese Blattkäfer verursachen enorme Schäden in der Landwirtschaft – und dürften vom Klimawandel profitieren.

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