Das Milieu ist für die Schule wichtiger als der Migrationshintergrund

    21. September 2018, 06:00
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    Im Zusammenhang mit Schule und Bildungserfolg wird meist der Migrationshintergrund in den Vordergrund gestellt. Doch viel wichtiger sind die Eltern, deren Bildung, Beruf und familiäre Lebensrealität

    Österreich lädt 10.000 Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren aus der Türkei ein, um hier eine Ausbildung zu machen – und danach zu bleiben. Klingt unglaublich? Ja, vielleicht für heute, nicht aber in der Kaiserzeit. Damals, im 19. Jahrhundert, sollten zehntausend junge Türken geholt werden, um in der Fremde ein Handwerk zu erlernen und nach der Lehrzeit beim Meister zu bleiben – der Erste Weltkrieg beziehungsweise die Niederlage kam damals jedoch dazwischen.

    Einer von vielen Belegen dafür, "dass Migration nichts ist, das über uns 'hereinbricht', sondern immer schon Quelle und Produkt des Kulturaustausches war", sagt Barbara Herzog-Punzenberger, die die Abteilung Bildung und Migration an der School of Education der Uni Linz leitet. Sie erinnert im STANDARD-Gespräch an diese kaum bekannte Migrationsgeschichte, um über die verzerrte Wahrnehmung von Migration in der österreichischen und globalen Geschichte zu sprechen.

    Migration bricht nicht über uns herein

    Migration gab es immer schon. Die Frage ist, wie ein Bildungssystem damit umgeht – und das nicht erst seit der Debatte um den problematischen Einfluss des Islam in den heimischen Klassenzimmern. Am besten, indem man zuerst einmal herausfindet, mit wem man es zu tun hat. Die Unterscheidung in Kinder mit oder ohne Migrationshintergrund ist die schlichteste und am wenigsten hilfreiche, weil sie zu viele Dimensionen der jeweiligen Lebenslagen nicht in den Blick bekommt.

    "Wir Österreicher und die anderen" wird ja auch den österreichischen Kindern nicht gerecht. Das Zauberwort heißt soziale Vielfalt: "Unter den in Österreich geborenen Eltern gibt es nicht nur Bildungsbürger und Facharbeiter, es gibt auch Hilfsarbeiter, Nebenerwerbs- und Großbauern, niedrige und höhere Angestellte, Manager und Firmeneigentümer – und diese Vielfalt findet sich auch bei den zugewanderten Eltern", erklärt die Migrationsforscherin. Das Leben einer österreichischen Akademikerfamilie wird dem muslimischer Uni-Absolventen aus Ägypten mehr ähneln als hiesigen Hilfsarbeiterfamilien und umgekehrt.

    Schulpolitik für Zielgruppen

    Diese Gruppen verbinden und prägen über ihre Herkunft und die berufliche Position hinaus auch tief verankerte Werthaltungen und Einstellungen. Man spricht von sozialen Milieus. Sie sind die wichtigsten Anker für eine Bildungspolitik, die bewusst mit Pluralität umgeht: "Wenn man die Milieustrukturen versteht, kann man auch Bildung verstehen und zielgruppenspezifische Unterstützungssysteme entwickeln", sagt die Expertin. "So kommt man weg von dem Stammesdenken, das Länderunterschiede undifferenziert überzeichnet."

    Was aber wissen wir über die Milieus der Schulkinder, vor allem angesichts des empirisch wiederholt bestätigten engen Zusammenhangs zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft? Dank der Testung der Bildungsstandards in Mathematik in der achten Schulstufe im Jahr 2012 sehr viel. Diese erstmalige Vollerhebung über alle Schülerinnen und Schüler ist für Bildungsforscherinnen ein enorm wichtiger Datenpool.

    Drei exemplarische Schlaglichter auf die Schulrealität:

    • Die Sprachen: Ein häufiges Vorurteil lautet: Die türkischsprachige Gruppe ist die größte unter den Schulkindern mit Zuwanderungsbiografie. Falsch. Sie macht nur ein Fünftel der mehrsprachigen Schulkinder in Österreich aus. Der Anteil türkischsprachiger Kinder in der achten Schulstufe war 2012 in Vorarlberg mit zehn Prozent am höchsten, gefolgt von Wien mit neun und Tirol mit sechs Prozent (Österreich-Schnitt: fünf Prozent). Doppelt so hoch wie im Österreich-Schnitt (16 vs. acht Prozent) ist dagegen der Anteil der Schulkinder in Wien, die Bosnisch/Kroatisch/Serbisch sprechen. Insgesamt waren österreichweit 2012 knapp ein Viertel der 14-Jährigen mehrsprachig, sprachen zu Hause also auch eine nichtdeutsche Sprache. In Wien sind es mittlerweile fast die Hälfte (47 Prozent).
    • Die Mütter: Sieht man sich die Bildungsabschlüsse der Mütter an, so zeigt sich eine Zweiteilung (siehe Grafik): In der unteren Hälfte gibt es zwischen den im Inland und den im Ausland geborenen Müttern einen relativ deutlichen Unterschied, bei den höchsten Abschlüssen (Akademie, Uni) kaum einen. Während mehr als ein Drittel der zugewanderten Mütter nur die Pflichtschule absolviert haben, sind das bei den gebürtigen Österreicherinnen nur 15 Prozent, die dafür besonders oft eine Lehre oder berufsbildende mittlere Schule gemacht haben, was die erfolgreiche Bildungsexpansion in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten abbildet.
    • Der Islam: Häufig wird behauptet, dass Mütter in muslimischen Familien geprägt sind von Bildungsferne, patriarchaler Unterdrückung und der Beschränkung auf die Familie. Auch hier rät die Migrationsforscherin, genauer hinzusehen. Je nach Herkunftsland gibt es sehr unterschiedliche Bildungsprofile: So finden sich unter den in Ägypten geborenen Müttern der Achtklässler sehr viele hochgebildete Frauen (die ihre Abschlüsse am heimischen Arbeitsmarkt aber oft nicht umsetzen können, sprich: Dequalifizierung), türkische Mütter dagegen haben zu drei Viertel nur Pflichtschule oder gar keinen Schulabschluss. Diese Zusammensetzung bildet nur zum Teil die gesellschaftliche Situation im Herkunftsland ab, denn sie ist auch Folge der früheren Arbeitskräfteanwerbung, die etwa aus der Türkei vor allem Menschen für einfache Hilfsarbeiten und keine Akademikerinnen geholt hat.

    Auch die aus dem in früheren Zeiten mancherorts ausgeprägten Antislawismus folgenden Stereotypen – generelle Rückständigkeit et cetera – werden durch die empirischen Daten widerlegt. Der Anteil akademisch ausgebildeter Mütter aus slawischsprachigen Ländern (Russland, Tschechien, Polen und Kroatien) liegt zum Teil weit über jenem einheimischer Mütter – auch das wieder Ausdruck vielfältiger migrationsspezifischer Faktoren.

    Die AHS-Quoten liefern ein Bild, das sich einfachen Erklärungen entzieht (siehe Grafik). Während im Schnitt jedes zweite Kind einer Mutter aus Polen (katholisch geprägt) oder Ägypten (muslimisch geprägt) ins Gymnasium geht und jedes dritte einer Österreicherin, tut das nur ein Viertel der Kinder von Müttern aus Serbien und nur jedes sechste Kind einer türkischen Mutter. Warum? Weil Eltern, ihre Bildung, ihr Beruf und die familiäre Lebensrealität viel mit Schule zu tun haben.

    Das ist eines der wichtigsten Scharniere zwischen Schule und den Familien, wo "Pluralitätskompetenz" nachhaltig wirken könnte, sagt Herzog-Punzenberger. Schulsysteme, die sich dessen bewusst sind, reagieren darauf mit spezifischen Modellen für "kooperative Elternarbeit". Die Tatsache etwa, dass so wenige türkische Kinder im Gymnasium sind, hängt sicher auch damit zusammen, dass die Eltern eben oft in Jobs malochen, bei denen Bildung oder Weiterbildung kein Thema ist. Die elterliche Schulferne macht es dann auch für die Kinder schwer, in der Schule erfolgreich zu sein.

    Eltern stärken und Kinder durchmischen

    Was tun? Auch diesen Eltern eine positive Nähe zur Schule ermöglichen. "Nicht belehren, früh anfangen und Vertrauen schaffen", sagt Herzog-Punzenberger. In den USA sehr erfolgreich ist Hippy, Home Instruction for Parents of Preschool Youngsters, das mit wenig gebildeten Eltern arbeitet, um deren Kinder gut auf die Schule vorzubereiten. Dabei werden beide Seiten gestärkt im Sinne von "Empowerment". Die Eltern, die selbst wenig Bezug zur Schule hatten, berichten, wie schön es ist, dass auch sie plötzlich ihren Kindern etwas beibringen können in einem Bereich, den sie sich vorher nicht zugetraut haben. Die Kinder wiederum freuen sich über die täglich fixe Zeit mit Mama oder Papa, um beispielsweise Bilderbücher anzusehen.

    Neben dem bewussten Umgang mit den Lebensmilieus der Kinder müsse die Politik noch etwas unbedingt angehen, betont Herzog-Punzenberger: "Desegregation, also die Durchmischung, sollte eine Hauptachse im Diskurs bilden. Wenn es jedem nur um das eigene Kind geht und es keine Einsicht bezüglich kollektiver Effekte gibt, wird es keine Lösung geben." (Lisa Nimmervoll, 21.9.2018)

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