Beinahe-Säugetier hatte Minihirn, aber 38 Kinder

2. September 2018, 13:56
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Die Vorläufer der Säugetiere scheinen zwei entgegengesetzte Wege eingeschlagen zu haben – nur einer läuft bis heute weiter

foto: eva hoffman/ the university of texas at austin
Erst sah man nur die Mutter, doch dann kamen immer mehr Babys ans Licht.

Austin – Ein 185 Millionen Jahre altes Fossil hat nicht nur ein lange gehütetes Geheimnis preisgegeben, es kann auch Einblicke in eine entscheidende Phase der Säugetierevolution geben. Gefunden schon Ende der 1990er Jahre, hat erst jetzt moderne Technologie die Untersuchung ermöglicht, von der Forscher der University of Texas nun im Fachjournal "Nature" berichten.

Das Tier der Spezies Kayentatherium wellesi war etwa einen Meter lang, stämmig gebaut, vermutlich von einem Fell bedeckt und "warmblütig". Der Schädel machte etwa ein Fünftel der Gesamtlänge aus, bot in seinem Inneren aber nur Platz für ein winziges Gehirn. Die Zähne sprechen dafür, dass es sich um einen Pflanzenfresser handelte – offen ist noch, ob das Tier einer grabenden oder einer semiaquatischen Lebensweise nachging, also einen Teil seiner Zeit im Wasser verbrachte.

illustration: eva hoffman, the university of texas at austin
Kayentatheriums Platz im Stammbaum der weiteren Säugetierverwandtschaft.

Kayentatherium gehörte zu jener Gruppe von Landwirbeltieren, aus der sich auch die heutigen Säugetiere entwickelten – allerdings nicht zu deren direkter Ahnenreihe, sondern zu einem Seitenast der Evolution. Einen entscheidenden Unterschied zwischen unserer Abstammungslinie und der von Kayentatherium glauben nun Forscher um Eva Hoffman von der University of Texas ausfindig gemacht zu haben.

Mikrotomographische Untersuchungen enthüllten, dass der in Arizona ausgegrabene Gesteinsblock nicht nur die Überreste eines Tiers enthielt. Erst fanden sich winzige Zähne, später auch Skelettteile und ganze Schädel von Miniaturausgaben des Tiers – offenbar waren es Babys, möglicherweise frisch geschlüpft. Ihre Schädelproportionen entsprachen denen des erwachsenen Exemplars, ganz anders als bei heutigen Säugetierbabys.

Die Forscher kamen schließlich auf die stolze Zahl von 38 Kindern. Das spricht nicht nur dafür, dass Kayentatherium eher Eier gelegt als den Nachwuchs ausgetragen haben dürfte. Es liegt auch weit über dem Schnitt der Wurfgröße heutiger Säugetiere und passt eher zu dem von Reptilien.

Was tun mit der Energie?

Hoffman glaubt, dass sich hier ein entscheidender Schritt in der Säugetierevolution zeigt, den unsere Ahnen vollzogen haben, die Verwandtschaft von Kayentatherium aber nicht. Sowohl die Ausbildung eines großen Gehirns als auch eine hohe Nachkommenzahl verschlingen viel Energie. Die heutigen Säugetiere haben den Weg in Richtung eines größeren Gehirns eingeschlagen – auf Kosten von Nachkommenzahlen, die deutlich unter denen anderer Tiergruppen liegen.

Kayentatherium und die anderen Beinahe-Säugetiere seiner Zeit schlugen den umgekehrten Weg ein. Langfristig war es offenbar der falsche: Diese Tiergruppe ist bereits vor etwa 100 Millionen Jahren wieder ausgestorben. (jdo, 1. 9. 2018)

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