Zeithistoriker diskutieren, wie sich autoritären Tendenzen entgegenwirken lässt

    30. August 2018, 11:01
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    Tagung "1918-1938-2018 – Beginn eines autoritären Jahrhunderts?" in Niederösterreich

    Eckartsau – "Menschen, die einen kritischen Blick in eine diktatorische, totalitäre Vergangenheit haben, haben generell weniger Sympathie für autoritäre Entwicklungen in der Gegenwart", sagt Oliver Rathkolb. Der Zeithistoriker hat eine Tagung zu diesem Thema organisiert, die unter dem Titel "1918-1938-2018 – Beginn eines autoritären Jahrhunderts?" vom 5. bis 7. September in Schloss Eckartsau in Niederösterreich stattfinden wird.

    Zu dem internationalen Treffen, das auf Englisch abgehalten wird, werden etwa 50 Wissenschafter erwartet. Als einer der Höhepunkte ist ein Kamingespräch mit Altbundespräsident Heinz Fischer und der Menschenrechtsaktivistin Irina Scherbakowa von Memorial Moskau zum Thema "The Historical Burden of 1918 for Europe Today: Are We at the Dawn of an Authoritarian 21st Century?" geplant.

    Wissen ist Grundvoraussetzung

    Kritische Auseinandersetzung setze ein geschichtliches und politisches Grundwissen voraus. Und genau daran kranke es, führt Rathkolb, Vorstand des Wiener Instituts für Zeitgeschichte, aus: "20 Prozent der tschechischen Bevölkerung fehlen sogar schon Grundkenntnisse der historischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert", habe eine erst im Juni 2018 veröffentlichte Studie ergeben. Ähnliches habe man auch bereits 2007 in Österreich festgestellt: Damals hatten 40 Prozent der zur Bewertung des austrofaschistischen Kanzlers Engelbert Dollfuß Befragten keine Antwort gegeben, weil sie den Politiker schlichtweg nicht mehr historisch einordnen konnten.

    "Die Grundkenntnis zentraler demokratiehistorischer Entwicklungen in der Vergangenheit nimmt massiv ab", schloss Rathkolb. Nichtwissen sei jedoch "genauso gefährlich" wie eine unkritische historische Betrachtung und schlussendlich eine Form politischer Apathie. Diese führe dazu, dass Gesellschaften "viel leichter in Richtung autoritärer Botschaften mobilisiert werden können".

    Autoritäre Tendenzen

    "Die Menschen haben weder eine historisch positive noch eine negative Erfahrung und nehmen die Entwicklung resignierend hin, wie sie ist", erklärte Rathkolb. In Ungarn habe man bereits vor über zehn Jahren ein "hohes Maß politischer Apathie" nachgewiesen. "Sie waren so bereit, jedem nationalen Lockruf zu folgen, der ihnen eine bessere Zukunft verspricht."

    Das Potenzial in Richtung "starker Mann" sei auch in Österreich "durchaus gegeben" und korreliere mit Abstiegs- und Zukunftsängsten sowie politischer Apathie. Studien, die Fragen zum autoritären Potenzial stellten, ergaben von 2007 auf 2017 "auch bei der Grundeinstellung gegenüber Demokratie eine Verschlechterung von rund zehn Prozent", sagte Rathkolb. An die 20 Prozent wiesen sogar starke autoritäre Tendenzen auf.

    Bildung gefragt

    Als "Gegenmittel" betonte Rathkolb die "Relevanz einer sozial halbwegs ausgeglichenen ökonomischen und sozialen Entwicklung getragen von Solidarität". Und: "Die Investition in eine politische Bildung, die zumindest die demokratische Entwicklung im 20. Jahrhundert und vor allem die großen Diktaturen und Totalitarismen ansatzweise thematisiert."

    In Eckartsau soll diskutiert werden, "wie wir im Bereich der politischen Bildung auf zeithistorische und aktuelle Entwicklungen reagieren können", sagte Rathkolb über die Ziele des internationalen Symposiums. Ausgangspunkt dabei ist die Überzeugung, dass "die Investition in eine politische Bildung, die zumindest die demokratische Entwicklung im 20. Jahrhundert und vor allem die großen Diktaturen und Totalitarismen ansatzweise thematisiert, immer gesichert sein muss". (APA, red, 30. 8. 2018)


    Konferenz "1918-1938-2018 – Beginn eines autoritären Jahrhunderts?", 5. bis 7. September, Schloss Eckartsau (NÖ).

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