Pro & Kontra: Jausenbrot tauschen

    Kolumne13. September 2018, 07:00
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    Neue Geschmacksrichtungen machen weltoffen oder wer tauscht, verliert

    foto: getty images/istockphoto/ fotograf: toddniemann

    Pro
    von Colette M. Schmidt

    "The grass is always greener on the other side." Bei der Jause, die man von daheim mitbekam und deren Zutaten einer hinlänglich bekannt waren, galt dieser Sinnspruch auch. Wie viel aufregender waren doch die anderen Jausenbrote – oder gar Weckerln, wenn man selbst immer nur Schwarzbrot belegt bekam. Über das Tauschen und das Essen lernen sich die Leute kennen. Auch die ganz jungen.

    Vorausgesetzt, es ist ein freiwilliger, möglicherweise sogar den kulturellen Austausch fördernder Tauschhandel. Gewaltsam herbeigeführte Tauschformen, wie sie uns vom Hörensagen etwa aus dem wilden Burgenland überliefert sind, kannte man in meiner Klosterschule in Graz nicht.

    Ich lernte neue Wurst- und Käsesorten kennen, durfte meine Zähne manchmal sogar in ein voll ungesundes Nutellasemmerl versenken und erntete noch dazu anerkennendes Nicken für die Pausenbrote meiner Mutter. Die Eltern mussten ja nichts davon wissen. Gemeinsame Geheimnisse stärken die Freundschaft, neue Geschmacksrichtungen machen weltoffen. Tauschen ist eine Win-win-Situation.

    Kontra
    von Rainer Schüller

    Christof L. war der Ärgste. Damals in der Unterstufe hatte er es oft auf das Jausenbrot anderer abgesehen. Um zur Wurst- oder Leberkäsesemmel seiner Wahl zu kommen, hat er aber nicht freundlich gefragt oder seine Speise (er hatte oft gar keine) zum Tausch angeboten: Nein, er hat einfach draufgespuckt. Wäh! Pfui Deibel! So grauslich seine Methode auch war, so erfolgreich war er. Die meisten wollten ihre mit fremdem Sputum kontaminierte Mahlzeit nicht mehr.

    Was wir daraus lernen: Erstens, das Leben ist grausam, das bleibt es von der Unterstufe bis zum Tod. Zweitens, wir sollten immer auf unser eigenes Jausenbrot achten, es in Ehren halten, vor den anderen schützen und mit Demut verzehren, auch wenn es einmal nicht so schmeckt.

    Tauschen – etwa einen runzligen "Bio"-Apfel gegen ein saftiges Bradlfettnbrot – mag zwar verlockend sein. Aber langfristig werden die interessanter sein, die dazu stehen, was sie in der Tupperware haben.

    Das stärkt über das Selbstbewusstsein die Psyche und steigert den zwischenmenschlichen Marktwert auf dem Pausenhof. Wer tauscht, verliert. (RONDO, 13.9.2018)

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