Politologe: "Sachsen hat ein ausgeprägtes Opfer-Narrativum"

    Interview28. August 2018, 17:46
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    Viele Sachsen fühlen sich seit 1945 als Opfer und haben das Gefühl, nicht genug gehört zu werden, sagt der Politologe Hans Vorländer. Diese "latente Kränkung " äußere sich dann auch auf der Straße

    STANDARD: Immer wieder fällt Sachsen durch rechtsextreme Ausschreitungen auf. Warum ist die Szene gerade dort so stark?

    Vorländer: Sachsen ist ein deutsches Bundesland mit besonderem Bewusstsein, welches sich aus der Geschichte erklärt. Es hat ein ausgeprägtes Opfer-Narrativum. Viele denken, dass sie Opfer nicht beherrschbarer Entwicklungen wurden. Das kulminiert in der Zerstörung von Dresden am 13. Februar 1945. Schon die Nazis verbreiteten, dass Dresden Opfer von fremden Mächten geworden sei, und das schleppte sich durch die DDR mit. Seit den späten 1990er-Jahren gab es am 13. Februar Nazi-Aufmärsche mit Teilnehmern aus ganz Europa.

    STANDARD: Hat die Politik zu wenig dagegen getan?

    Vorländer: Politik und Polizei haben lange Zeit zu wenig hingesehen. Rechtsextreme Strukturen konnten sich nach der Wende früh herausbilden. Später saß die NPD zehn Jahre lang im Landtag. Dresden hat das gut in den Griff bekommen, da gab es einen Aufstand der Zivilgesellschaft. Aber diese existiert eben in den ländlichen Räumen – in Ostsachsen oder im Chemnitzer Raum – kaum. Deshalb haben sich die Strukturen dort über lange Zeit erhalten können.

    STANDARD: Und dieser Opfermythos verbreitete sich auf ganz Sachsen?

    Vorländer: Ja, vor allem mit den großen Veränderungen ab 1990. Da fanden die Abwicklung ganzer Betriebe und die Entleerung des sozialen Raumes statt. Viele Agile und Mobile zogen weg, die anderen blieben. Viele sehen sich jetzt wieder als Opfer. Eines verbindet sie, sie meinen: Wir werden nicht gehört, dabei sind wir doch das Volk. Pegida war ja anfangs nicht nur eine rechtsextreme Bewegung, sondern sehr stark getragen von Ressentiments aus bürgerlichen Schichten gegen zweierlei Überfremdung: jene, die durch den Zuzug westdeutscher Eliten entstanden ist, und jene durch Flüchtlinge und Zuwanderung.

    STANDARD: Der Mauerfall ist jetzt bald 30 Jahre her. Wie lange gilt die Wende noch als "Entschuldigung"?

    Vorländer: Viele sind ökonomisch nicht zurückgesetzt, Sachsen hat einen enormen Aufschwung erlebt. Entscheidend ist das Gefühl der latenten Kränkung. Das äußert sich dann auch auf der Straße.

    STANDARD: Was müssen Politik und Zivilgesellschaft tun?

    Vorländer: Man muss versuchen, von der Verrohung des Diskurses wegzukommen. Wir brauchen Maßnahmen der Prävention und ein Investment in die politische und demokratische Bildung. Menschen aber, die glauben, sie hätten Freiräume, um ihre rechtsextremistische Gewalt auszuleben, ist mit justizstaatlichen Mitteln zu begegnen. (Birgit Baumann, 28.8.2018)

    Hans Vorländer (63) ist Direktor des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der Technischen Universität (TU) Dresden.

    FACTBOX

    247.470

    Menschen leben in Chemnitz im Südwesten des ostdeutschen Freistaates Sachsen.

    20.008

    von ihnen sind Ausländer. Das sind etwa acht Prozent, deutlich unter dem bundesdeutschen Schnitt.

    5514

    von ihnen sind Flüchtlinge, also Personen mit asylbezogenem Zuwanderungshintergrund.

    18.065

    Chemnitzer sind momentan arbeitslos, also 7,3 Prozent. Das ist etwas mehr als im bundesweiten Durchschnitt, der bei 5,1 Prozent liegt.

    49.000

    Straftaten wurden 2017 begangen. Das sind 4500 weniger als 2016 und 21.000 weniger als 2000.

    • Bei Ausschreitungen in Chemnitz gab es mehrere Verletzte.
      foto: afp/willnow

      Bei Ausschreitungen in Chemnitz gab es mehrere Verletzte.

    • Hans Vorländer plädiert für weniger rohe Sprache.
      foto: tu dresden

      Hans Vorländer plädiert für weniger rohe Sprache.

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