Musikalischer Unmut über die Politlage in den USA beim Jazzfestival Saalfelden

    27. August 2018, 09:46
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    Wilde Veteranen und zornige Junge sorgten für Neubefragungen der Tradition

    Der Jazz kann nichts dafür, dass er aus jenem bunten Land kommt, das zurzeit von Donald Trump twitternd regiert wird. Er verarbeitet das Faktum, dass er es als Bürde empfindet, aber mit giftig krächzender Wut. Der singende Gitarrist Marc Ribot lässt seine Songs of Resistance zudem abseits des vokalen Grants implodieren. Sein Unmut über die politische Lage rempelt sich den Weg frei durch Akkordblöcke und pulverisiert die Songs mit einer instrumentalen Expressivität, die irgendwie an Jimi Hendrix denken lässt.

    anti- records

    Seinerzeit, in Woodstock, demolierte Jimi in einem Soundanfall die US-Hymne. Star-Spangled Banner wurde Objekt einer "Teufelsaustreibung" von Nationalismus und Militarismus mit dekonstruierenden Mitteln. Ribot stellt die Protestsongs natürlich zuerst vor. Er seziert sie aber danach herzhaft. Die freiwerdende Energie würde Trumps Sprungschanzenfrisur sicher aufwirbeln. Schön ungehobelt klingt das. Und es schützt vor einer Einladung ins Weiße Haus, vor der sich auch das US-amerikanische Quintett um den Saxofonisten Joe McPhee nicht fürchten muss: In den kollektiven Elegien brodelt ein tiefsitzender Schmerz, der als Mix aus Wut und Wehmut an die Bürgerrechtsbewegung der 1960er gemahnt.

    Nicht nur Trump

    Das wieder reizvoll stilbunte, aber total verregnete Jazzfestival ist natürlich keine Anti-Trump-Veranstaltung. US-Gitarrist Elliott Sharp setzt diesmal etwa auf eher private Zweisamkeit: Bei Chansons du Crépuscule verarbeitet er mit Vokalistin Hélène Breschand Anregungen, die er durch das recht bekannte Duo Jane Birkin und Serge Gainsbourg erlangt hat. Unter Berücksichtigung auch des Stöhnklassikers Je t'aime ... moi non plus suchen die zwei düstere emotionale Zwischenreiche auf.

    Sharps tiefe Murmelstimme und seine bluesig-nervöse Gitarre treffen allerdings nur auf ausufernde Tragödien-Töne und Text-Rezitation. Breschand vermag die Freiräume dieses Kosmos auf Dauer nicht zu nutzen.

    Es klang ein bisschen wie ein schlaffes Schäferstündchen in der Soundwolke, die auch vom finnischen Trio Virta hätte stammen können: Virta kredenzte loungige Postrock-Attitüde, in der Trompeter Antti Hevosmaa hallige Schüchternheit zelebrierte. Es tat sich wenig in den unendlichen Weiten der Zögerlichkeit. Es war Musik im Vorzimmer des Gestaltens, der das Dreierkollektiv Schnellertollermeier zeigte, wie Dramatik und Wucht hätten bewirkt werden können: Gitarrenrockklischees wurden in die Minimal-Music-Maschine gestopft, in der sie zum metrisch verspielten Kraftfeld wurden.

    Intensität geht allerdings auch akustisch und sparsam – im Sinne von Miles Davis: "Es geht nicht um die Noten, die du spielst, es geht um jene, die du nicht spielst", orakelte einst der grantelnde Weise. Drummer Christian Lillinger, Bassist Petter Eldh und Pianistin Kaja Draksler zelebrierten in dem Sinne auch Stücke im Stop-and-go-Modus, bei denen Pausen eine zentrale Rolle spielten. Zu einem der Höhepunkte des Festivals wird aber Drakslers Zugang: Mit sich verdichtenden, unablässig sich übergießenden Akkordwellen erreichte sie hohe Intensität, die dramaturgisch smarte Strukturdenke verriet.

    Von der Entschleunigung

    Es war Musik in der Beschleunigungsmaschine, während Klarinettist Ulrich Drechsler auf Entschleunigung setzte. Mit Yasmo, Clara Luzia sowie Sopranistin Özlem Bulut wurde sein Projekt Liminal Zone zur entspannten Party diverser Stile. Elektronik, Pop und Poetry, auch klassische Gesänge, pianistische Minimal-Music-Patterns: ein sanft pulsierender Mix, der aber Triviales nicht scheut und damit ein paar improvisatorische Risse in der Idylle schon vertragen würde.

    Munterer die Band Shake Stew, die Saxofonist Shabaka Hutchings Gastrecht gewährte. Das Oktett mit u. a. Lukas Kranzelbinder (b), Mario Rom (tr) und Clemens Salesny (sax) suchte mit dem Briten auf afrojazziger Basis hymnische Bereiche auf. Es gab hitzige Plauderei der kollektiven Art mit einem, der Miles Davis widerlegt. "Manchmal dauert es sehr lange, bis du klingst wie du", hatte der Trompeter beklagt.

    Hutchings jedoch klingt schon wie er selbst, also unverwechselbar. Der pralle Ton, die mit knappen, markigen Phrasen ansetzenden Improvisationen, die sich zu emphatischer Stilistik aufschwingen: Das sind individuelle Zugänge eines Jungen (Jahrgang 1984), aus dessen impulsiv-zornigen Statements weder Sympathie für Trump noch für den Brexit herauszuhören war. (Ljubiša Tošić, 27.8.2018)

    • Der britische Saxofonist Shabaka Hutchings: Zusammen mit jungen heimischen Größen des Projekts Shake Stew dringt er in hymnische Sphären des Ausdrucks vor.
      foto: jazzfest

      Der britische Saxofonist Shabaka Hutchings: Zusammen mit jungen heimischen Größen des Projekts Shake Stew dringt er in hymnische Sphären des Ausdrucks vor.

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